Herr Sousa, Sie leben mittlerweile seit einem halben Jahr in Basel. Wie zu Hause fühlen Sie sich bereits?

Paulo Sousa: Ich fühle mich auf eine gewisse Art zu Hause, weil ich schon eine Geschichte mit diesem Klub habe, jedoch als Gegner. Als Bernhard (Heusler, Anm. d. Red.) und Georg (Heitz, Anm. d. Red.) angerufen haben, um sich zu erkunden, ob ich Interesse daran hätte, der neue Coach des FC Basel zu sein, haben wir auch über dieses Thema gesprochen. Ich sagte ihnen damals, dass ich mich schon zu Hause fühle, weil ich den Klub bereits relativ gut kannte und auch bereits ein paar Personen, die im Klub arbeiten, identifizieren konnte. Folglich war der Start für mich sehr positiv, weil auch ein paar Leute mich bereits von vergangenen Spielen kannten und mich als die Person und den Trainer identifizieren konnten, den sie gesucht hatten. Alles in allem war es ein guter Start mit dieser neuen, sehr grossen Herausforderung. Ich bin zu einem Klub gekommen, der in den letzten fünf Jahren den Meistertitel gewonnen hat. Für einen neuen Trainer, der bei einem solchen Klub ankommt, ist das eine grosse Challenge. Aber ich liebe das, es erlaubt mir, stärker zu werden. Es war eine fantastische Entscheidung, hierher zu kommen. Wir sind gut in die Saison gestartet, wir sind in den vergangenen Jahren nie so gut gestartet. Neuer Trainer, neue Trainings-Methode, eine neue Art von Fussball, neue Spieler und der Abgang von wichtigen Spielern wie Valentin Stocker und Yann Sommer: Wir konnten nicht voraussagen, dass wir so gut starten würden. Ich persönlich habe erwartet, dass wir gut sind, weil ich ein positiv denkender Trainer bin – aber nicht so gut.

Also war der Start besser, als Sie es erwartet haben?

Ich erwarte immer das Maximum. Meine Erwartungen sind stets sehr hoch, weil ich von mir und von denjenigen, die mit mir arbeiten, sehr viel erwarte. Aber ein Anfang, bei dem du dich integrieren musst, deine Art zu führen vermitteln musst, bei dem du die Liga besser kennenlernen musst, braucht Zeit. Deshalb muss man sagen: Die Resultate waren gut, auch in schwierigen Momenten.

Der FCB hat immer weniger Spieler von hier. Was macht den FCB dennoch so typisch baslerisch?

Dieses Phänomen gibt es nicht nur in Basel, sondern überall. Die Spieler durchlaufen die Jugendabteilungen und werden später zu Profis. Wenn sie dann viele Jahre in einem Klub waren, können sie sich mit dem Klub identifizieren, verstehen die Kultur und die Fans, sie haben gemeinsame Werte. Solche Dinge sind in jedem Verein sehr wichtig. Wenn Spieler aus verschiedenen Ländern zum Verein stossen, muss man sicherstellen, dass sie so schnell wie möglich lernen, wie das Leben hier funktioniert, sodass sie eine gemeinsame Ebene finden. Die verschiedenen Generationen der Spieler entscheiden mit, dass nicht immer solche lokalen Spieler in einem Verein sind. Du hast Zyklen bei jedem einzelnen Spieler. Manche helfen dem Klub fünf Jahre, konkurrenzfähig zu sein, wie beispielsweise Xherdan Shaqiri. Solche Spieler länger zu halten, ist jedoch schwierig, weil es ihre normale Motivation und Erwartung ist, sich in einer stärkeren Liga zu messen, mit anderen Spielern und in Vereinen mit grösseren Dimensionen, als sie der FC Basel hat. Das ist normal, aber führt eben dazu, dass manchmal die lokalen Spieler fehlen. Diese Spieler, die die Identität des Vereins in sich tragen, sind jedoch äusserst wichtig.

Sie haben in Portugal, Israel, England und jetzt in der Schweiz gelebt. Wie unterscheidet sich das Leben in diesen Ländern?

Es gibt sehr grosse Unterschiede. Ich denke, ich muss nicht erklären, dass sich Israel stark von der Schweiz unterscheidet. Ein sehr wichtiger Punkt ist in meinen Augen, seit wann ein Land existiert, speziell im Fall von Israel. In welchem Umfeld und unter welchen Einflüssen wurde es erschaffen? All diese Hintergründe machen die Unterschiede aus. Das Wichtigste für Fremde ist, sich mit der Landesidentität und der Kultur so schnell wie möglich zu identifizieren. Das vereinfacht auch das Berufsleben. Meine Familie setzt sich immer sehr stark mit der Geschichte und den Ursprüngen des Landes auseinander, in dem wir leben, um das Leben besser zu verstehen. Wir sprechen dann darüber, und das hilft mir dann auch, mich innerhalb des Landes zu verständigen.

Wie steht es um Ihr Deutsch?

Leider ist es immer noch sehr schlecht. Deutsch ist für mich eine komplett neue Sprache. Um sie zu lernen, brauchst du viel Zeit. In unserem mental sehr anspruchsvollen Job ist das schwierig. Die Leute verstehen oft nicht, wie viel von uns abverlangt wird. Wir müssen uns auf jedes Detail fokussieren, um einen guten Job abzuliefern. Wir werden immer an den Resultaten gemessen und müssen Probleme frühzeitig antizipieren und auf schwierige Fragen immer eine Antwort haben. Darum habe ich momentan kaum Zeit, Deutsch zu lernen. Aber das ist meine Herausforderung, mein Ziel, das ich mir von Beginn an gesteckt habe.

Sie haben Ihre Familie mit nach Basel gebracht. Lernt sie auch Deutsch?

Meine Tochter studiert in England. Sie spricht noch mehr Sprachen als ich, und im Moment ist sie tatsächlich dabei, auch Deutsch zu lernen an der Schule. Auch wenn sie schon sehr viel lernen muss, hat sie dennoch mehr Kapazität, Deutsch zu lernen als ich. Ihr Fokus liegt auf dem Lernen und Studieren, das ist der Unterschied zu mir. Mein Fokus als Fussballtrainer ist ein anderer. Aber sie wird uns sicher helfen können mit dem Deutsch.

Wer war Ihr Idol als Spieler?

Ich glaube, ich muss Sie enttäuschen (lacht). Ich habe das Fussballspielen sehr geliebt, wollte aber Primarlehrer werden. Meine grösste Bezugsperson in der Primarschule war meine Lehrerin. Meine Eltern waren wenig zu Hause, weil sie arbeiten mussten. Der Kontakt mit meiner Lehrerin war intensiver, deshalb wollte ich so werden wie sie. Im Fussball hatte ich so ein Vorbild nie, ich liebte es, einfach zu spielen. Als ich dann mit fast 15 zu Benfica ging, waren die älteren Spieler meine Bezugspersonen, ihre Art zu spielen und sich auszudrücken. Ich versuchte, bezüglich Arbeitsqualitäten, Herausforderungen und persönlichem Wachstum so zu sein wie sie. Es gibt also nicht eine spezifische Person. Aber für die jungen Spieler ist es wichtig, Bezugspersonen zu haben. Das lässt dich davon träumen, so zu werden wie sie, dann hast du eine Vision.

Wer waren diese Personen für sie bei Benfica?

Bei Benfica, viel mehr noch als meine Mitspieler, war es der Verantwortliche für die Akademie und den Jugendfussball, Tamagnini Nené, der jedoch ein Ex-Spieler war. Ich denke, er war ein wichtiger Teil meiner Motivation, meines Fokus und meines Vertrauens, dass ich es schaffen kann, Profi zu werden.

Hatten Sie als Trainer ein Vorbild?

Ich hatte das Privileg, mit diversen grossen Trainern zu tun zu haben, die unterschiedliche Verständnisse von Führung und Fussball hatten. Da war bei Benfica der Trainer der ersten Mannschaft, Sven Göran Erikson, Carlos Queiroz, der bei Benfica ein wichtiger Visionär für Portugals Fussball war. Dann Marcelo Lippi in Italien, Bobby Robson, Ottmar Hitzfeld oder Roy Hodgson. Und ich hatte auch das Privileg, an der Seite vieler grosser Spieler zu spielen. Von ihnen lernt man viel, wie sie über Fussball denken und wie sie ihn analysieren. Das Wichtigste als Trainer ist aber, dass du neugierig bleibst, so kannst du viel aufschnappen. Und du musst dich selbst bleiben und niemanden kopieren wollen. Ich wollte als Mensch und als Trainer immer so ehrlich wie möglich sein, und klar in meinen Entscheidungen. Du kannst Fehler machen. Wenn du aber ehrlich bist, werden das alle schätzen. Spieler können enttäuscht sein, wenn sie nicht spielen. Aber Ehrlichkeit ist wichtig und einer meiner Werte.

Haben Sie als Portugiese Vorteile, wenn es in der Champions League gegen Porto geht?

Nein, leider nicht. Dafür gibt es viele Gründe. Heutzutage spielt Porto manchmal nur mit einem einzigen Portugiesen. In den letzten 30 Jahren, wenn nicht länger, waren sie immer stark. Sie haben zwei Mal die Champions League gewonnen, haben talentierte Spieler und eine klare Fussball-Philosophie mit einer Gewinnermentalität, die im Verein verankert ist. Und sie gewinnen ja wirklich fast jedes Jahr einen Titel, verkaufen jedes Jahr Spieler für viel Geld. Das zeigt, welche Qualität in der Mannschaft steckt. Für uns wird es eine tolle Herausforderung. Wir können zeigen, dass wir konkurrenzfähig sind. Die Spiele gegen Porto werden fantastisch. Aber ich habe leider keine Vorteile, auch wenn ich Portugiese bin.

Dortmund ist Ihr früherer Klub. Haben Sie sich insgeheim die Deutschen als Gegner gewünscht?

Jeder Klub, bei dem ich einmal war, ist für immer in meinem Gedächtnis. Aber dieser Klub ist mehr als in meinem Gedächtnis, er ist ein Teil meines Herzens. Ich war als Spieler dort, und in der Zwischenzeit auch hin und wieder, seit ich Trainer bin, wenn ich mal frei hatte. Ich fühle mich immer sehr gut dort. In meiner Zeit als Spieler dort habe ich mein Spiel auf ein anderes Level hieven können. Ausserdem haben wir mit der Champions League einen fantastischen Wettbewerb für uns entschieden. Ich fühle mich sehr willkommen in Dortmund, jedes Mal. Ich habe nie Vorlieben, was die künftigen Gegner angeht. Ich will nur gute Resultate erzielen. Die Gruppen-Phase zu überstehen, war schon sehr speziell für alle, die täglich beim FCB arbeiten. Wäre Dortmund unser Achtelfinal-Gegner, wäre ich bestimmt mit anderen Gefühlen in diese Begegnung gegangen. Aber ich bin fokussiert, wir haben einen anderen starken Gegner zugelost bekommen. Jetzt muss ich schauen, wie fit die Spieler aus den Ferien zurückkommen und wie bereit sie sind zu liefern. In der Saison-Vorbereitung werden wir den Gegner genau analysieren und dafür sorgen, dass wir konkurrenzfähig sind und es Porto sehr schwer machen.

Tut es Ihnen weh, zu sehen, welche Schwierigkeiten Dortmund zurzeit hat?

Nein. Dortmund hatte schon schwierigere Zeiten. Sie haben die Fähigkeiten und die Menschen, um diese Phase zu überwinden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie aus diesen Problemen herauskommen.

Es ist Ferienzeit. Wo verbringen Sie die Festtage?

Ich bleibe mit meiner Familie in der Schweiz. Durch meinen Job kann ich nicht viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Also müssen wir die Zeit nutzen, und wir werden auch die Stadt und die Umgebung besser kennen lernen. Ausserdem kommen meine Eltern zu Besuch, um sich anzuschauen, wo wir leben.

Welches ist Ihr liebster Ort in Basel, den Sie ihren Eltern mit Sicherheit zeigen wollen?

(Überlegt) Ich denke, wenn du in der Mitte der Brücke stehst und beide Seiten der Stadt siehst. Aber es gibt so viele bezaubernde und schöne Orte hier.