«Frechheit!», denkt sich Nadia Pfister. Eben hat sie an einem Turnier teilgenommen und es nicht gewonnen. Ein No-Go. Dass es ihr erstes Turnier überhaupt ist – eine Randnotiz. Schliesslich gehört Ehrgeiz zu den grossen Stärken Pfisters.

Als die heute 22-Jährige diese Geschichte über ihr 7-jähriges Ich erzählt, muss sie lachen. «Wie hätte ich auch gewinnen sollen? Ich hatte eben erst mit Squash angefangen, hatte viel weniger Trainings hinter mir als alle anderen, die teilgenommen haben.»

Und doch war es genau dieser Moment, der in Pfister das Feuer für den Squash-Sport und den Ehrgeiz in ihr endgültig entfachte. «Ich konnte mir einfach nicht zugestehen, verloren zu haben.» Also fängt sie – mit sieben Jahren eine Spätzünderin im Squash, bei dem man in anderen Ländern bereits mit 4 Jahren beginnt – immer mehr an, zu trainieren.

Schnell und gross: Nadia Pfister auf dem Liestaler Court. (Archiv)

Schnell und gross: Nadia Pfister auf dem Liestaler Court. (Archiv)

Ab 13 tut sie dies täglich. Der Entscheid, den Sport dereinst zu ihrem Beruf zu machen, liegt damals aber noch in weiter Ferne. Pfister spielt aus Spass – wenn auch immer getrieben vom Erfolgshunger. Sie sei jemand, der sich stets verbessern wolle. Fleissig. Auch in der Schule habe sie viel gemacht. Genauso wie im Reiten – dem zweiten Sport, der sie fasziniert.

«Ich hätte sogar ein Pferd bekommen für den Turniersport, hätte dort einsteigen können. Aber ich habe mich für Squash entschieden.» Warum? «Weil ich merkte, dass Squash der Sport ist, den ich jetzt machen muss. Beim Reiten kann ich auch mit 30 noch ein gutes Niveau erreichen.»

Trainings mit dem Guru

Auch wenn bei Pfister alles sehr ambitioniert klingt, sagt sie, dass sie nie wirklich den Plan hatte, Leistungssport zu machen. Von den Eltern sei ebenfalls kein Druck gekommen. Als sie im Dezember 2015 das Sportgymnasium in Liestal abgeschlossen hatte, stellte sich für sie die grosse Frage: Was will ich?

«Da ich nichts anderes hatte und auch bis heute noch nicht habe, was mich wirklich reizt, wollte ich es einfach versuchen.» Schnell merkte sie, dass ein halbes Jahr etwas knapp ist. Also hat sie sich mehr Zeit gegeben, übt den Squash-Sport mittlerweile seit gut zwei Jahren als Hauptberuf und Profi aus.

In diesem Jahr hat sie Erfolge feiern können, wurde Vize-Schweizer-Meisterin im Einzel und Team-Schweizer-Meisterin. Sie ist die Nummer 3 der Schweiz und die 96 der Welt, «und unter die Top 100 haben es noch nicht viele Schweizerinnen geschafft.» Um noch weiter zu kommen, muss sie zeitweise aus der Schweiz raus.

Hierzulande ist die Lobby für Squash klein, die Leistungsförderung überschaubar, die Konkurrenz zu weit verteilt, um sich adäquat weiterzuentwickeln. Pfister trainiert deshalb wochenweise in England bei einem 80-jährigen «Guru», wie sie ihn nennt. «Dieser Typ ist ein Phänomen. Er hat schon drei Spieler an die Weltspitze gebracht.»

Das einzige Kriterium, um unter ihm trainieren zu dürfen, sei, dass man sich benehmen könne. «Und das schaffe ich gerade noch so!» Die Einheiten mit ihm bringen sie weiter, vor allem technisch und taktisch, wie sie erzählt. Und vor allem habe sie gelernt, ihre für eine Squasherin ungewöhnliche Grösse richtig einzusetzen.

Reisen in Kriegsgebiete

Pfister zögert aber nicht damit, auch gleich ihre Schwächen aufzuzeigen: Das Mentale. «Ich bin viel zu selbstkritisch. Das ist auf dem Platz ein Hindernis.» Diese Instabilität führe dazu, dass sie in einem Satz einer Top-10-Spielerin der Welt gefährlich werden könne und im nächsten komplett untergehe. Sie arbeitet daran, wenn sie gerade mal wieder in der Schweiz weilt, gemeinsam mit einer Mentaltrainerin.

Oft ist Pfister aber nicht zu Hause. Zusätzlich zu den Trainingswochen in England reist sie ständig an Turniere und Ligaspiele, ist eine Woche im Monat daheim - wenn es hoch kommt. «Im Squash lernt man früh, dass man viel reisen muss. Es ist nicht wie im Fussball, wo man lange in der Region bleiben kann. Ich war früh in ganz Europa unterwegs.»

Die europäischen Grenzen hat sie längst überschritten, jetzt sind es Reisen nach Kuala Lumpur, Kanada oder in Kriegsgebiete wie Pakistan. Und wenn sie dann doch mal in der Region ist, ist sie dennoch kaum im Elternhaus in Ramlinsburg. Schliesslich muss sie Geld verdienen, um ihr «Hobby» zu bezahlen.

Sie arbeitet als Barista, Babysitterin, Trainerin und in einem Sekretariat, um sich irgendwie finanzieren zu können. Ihre Tage sind lang, streng, von vielen Zug- und Tramfahrten geprägt, ein ständiges Hin und Her. Wenn sie am Abend zu Hause ist, müssen dann noch die billigsten Flüge und Unterkünfte für das nächste Turnier und die nächste Reise zurück zum «Guru» gebucht werden.

«Mein Leben ist anspruchsvoll, aber ich will mich nicht beschweren. Ich habe es selber gewählt und es ist ein Geschenk und eine unglaublich gute Lebensschule.» Egal wann ihre Profi-Zeit irgendwann einmal endet – ob morgen, in ein, zwei Jahren oder erst mit 35 – sie werde extrem viel mitgenommen haben. «Mich wird kaum mehr etwas überraschen können.»