Fussball
Publikumsliebling, Bankdrücker, Führungsspieler: Der andere Delgado

Bei seinem ersten Engagement war Matias Delgado der Publikumsliebling in Basel. Danach wechselte er in die Türkei. Vor einem Jahr wurde der Argentinier zum Touristen degradiert – heute ist er fester Bestandteil des FCB-Puzzles.

Sebastian Wendel
Merken
Drucken
Teilen
Fünf Startelf-Einsätze in Serie – heute winkt Nummer 6: Delgado hat Grund zur Freude.

Fünf Startelf-Einsätze in Serie – heute winkt Nummer 6: Delgado hat Grund zur Freude.

Emanuel Per Freudiger

Rückblick: Die 0:5-Schmach in Valencia ist gerade mal 12 Stunden alt, da gibt FCB-Trainer Murat Yakin einen Satz von sich, der neben der sonst so aalglatten Phrasendrescherei der Fussballer einschlägt wie eine Bombe: «Diaz und Delgado können sich im Wallis die Berge anschauen.» Yakin, sichtbar angesäuert wegen des miserablen Auftritts seiner Südamerikaner im Mestalla-Stadion, degradiert die beiden im folgenden Ligaspiel in Sion zu Touristen.

Ein Jahr später kann Delgado über diese Episode immer noch lachen. Anders als Diaz, der damals mit einer zynischen Antwort auf Twitter seinen Ärger über die Blossstellung nicht versteckt, macht sich Delgado nämlich nichts aus Sticheleien. «Jeder reagiert anders. Wenn man Witze macht, muss man wissen, dass es Reaktionen geben kann. Ich aber hatte damit null Probleme. Es ist meine Art, solche Dinge entspannt zu sehen.»

Dass Delgado die Dinge entspannt sieht, hat auch mit seiner neuen, erfreulichen Situation zu tun. Fünf Mal in Serie stand der 32-Jährige zuletzt in der Startelf und verdiente sich in jeder Partie gute Kritiken. Ein Novum, seit er im Sommer 2013 nach Basel zurückkehrte. Damals sagte er im Interview mit der «Nordwestschweiz», dass er beinahe sterbe vor Angst, die Erwartungen des Publikums nicht erfüllen zu können. Den Druck auf seinen schmalen Schultern, den spüre er schon immer noch. Aber: «Die Menschen wissen mittlerweile, was sie von mir erwarten können. Das befreit.»

Es ist viel passiert in den vergangenen 12 Monaten, mittlerweile steht auf dem Platz ein anderer Matias Delgado. Was man im Karriereherbst noch dazulernen kann, über eine allfällige Nachfolge von Captain Marco Streller und über seine Zukunftspläne weiss Delgado spannendes zu berichten:

...über seinen Höhenflug:

«Ich fühle mich in dieser Saison endlich als Teil der Mannschaft. Auf dem Platz kann ich helfen, in der Kabine habe ich nicht mehr das Gefühl, unbedeutend zu sein. Das hat viel mit Paulo Sousa zu tun: Er hat mir viele Dinge gezeigt, die ich noch nicht gekannt habe. Ich war noch nie der grosse Läufer – doch Paulo hat mir gelernt, wie ich mich noch effizienter bewegen kann. Wir haben in der Offensive viel mehr Möglichkeiten als in der vergangenen Saison. Das kommt meiner Spielweise entgegen – ich bin ja einer, der die Kollegen in der Offensive in Szene setzt. Ich spiele derzeit so gut wie noch nie.»

...über seine Anlaufschwierigkeiten nach der Rückkehr zum FCB:

«Wenn ich zurückblicke, waren bei all meinen Stationen die ersten sechs Monate sehr schwierig: Ich musste die neue Umgebung kennen lernen, viele Dinge für meine Familie mussten geregelt werden – all das hat mich auf dem Platz blockiert. In Abu-Dhabi war es besonders schlimm: Nach zwei Wochen wollte mich der Klubboss schon wieder wegschicken. Geld spielt dort keine Rolle – da wird halt einfach ausgetauscht, wenn der Neue nicht gut ist. Das war belastend, weil ich meiner Familie nicht schon wieder einen Umzug zumuten wollte. Aber es ist überall gut gekommen und ich habe meine Verträge erfüllt – in Istanbul, wo die Menschen erst gar nicht zufrieden waren mit mir, trug ich am Schluss sogar die Captainbinde.»

...über Zweifel:

«Zweifel hatte ich seit meiner Rückkehr nach Basel nie. Mein Motto heisst: Gebe nie auf, denke immer positiv. Meine Familie und der Klub glauben an mich, das tut sehr gut. Doch was ich gesagt habe, gilt: Spüre ich, dass ich der Mannschaft nicht mehr helfen kann, dann gehe ich zum Präsidenten und bitte um die Vertragsauflösung.»

...über seine Beziehung zu Paulo Sousa:

«Obwohl er wie ich ein Latino ist, bin ich ihm weniger nah als Murat Yakin. Mit Muri habe ich wie viele andere im Team noch zusammengespielt. Das kann man nicht ganz auslöschen – auch wenn er unser Trainer war und somit unser Chef. Generell bin ich aber nicht der Typ, der viel mit dem Trainer spricht. Ich mag es nicht, mit dem Trainer zusammen Entscheidungen zu treffen. Ich bin Spieler, der Trainer ist mein Chef – diese Rollenverteilung ist mir sehr wichtig.»

...über seine Zuschauerrolle in der Champions League:

«Enttäuschend! Nach den Spielen fühlte ich mich jeweils sehr schlecht. In der letzten Saison haben wir in der Liga alles dafür gemacht, um in der Champions League spielen zu können. Und dann durfte ich nur zuschauen, wenn die anderen auf der grossen Bühne aufgetreten sind. Ich habe mich aber nie hängen lassen. Hätte ich das gemacht, hätten die Leute Argumente gehabt, warum ich in der Champions League nicht spiele. Eine miese Einstellung wäre auch ein schlechtes Zeichen gegenüber den Jungen – in meinem Alter ist es Pflicht, ihnen ein Vorbild zu sein.»

...über den Rücktritt von
Captain Marco Streller:

«Als ich davon gehört habe, war mein erster Gedanke: Warum tut er das? Was will er danach machen? Was sollen wir machen ohne ihn? Ich bin sehr traurig, wir brauchen Marco! Als ich vor zwei Jahren zurückgekommen bin, dann auch wegen ihm. Umso enttäuschter bin ich jetzt, dass er uns verlässt. Er kann in der nächsten Saison ein guter oder ein schlechter Spieler sein – neben dem Platz ist er für uns einfach unverzichtbar. Er weiss wie kein Zweiter, wie man eine Mannschaft führen muss. Ich werde nochmals reden mit ihm, vielleicht lässt er sich ja umstimmen. Wenn nicht, hoffe ich, dass er schnell auf seine Entscheidung zurückkommt und im Winter sein Comeback gibt. Wir werden ihm das schon einreden (lacht).»

...über die Möglichkeit, FCB-Captain zu werden:

«Darüber habe ich noch keine Sekunde nachgedacht. Weil es nicht wichtig ist für mich, Captain zu werden. Ich träume auch nicht davon. Ob ich ein guter Captain wäre? Vielleicht ja, vielleicht nein. Der Captain muss immer spielen – ein Captain auf der Bank ist schlecht. Ich kann auch Captain sein, ohne die Binde zu tragen, indem ich den jungen Spielern zeige, was es heisst, das FCB-Trikot zu tragen.»

...über die Zeit nach dem Vertragsende 2017:

«Keine Ahnung, was dann ist. Ich möchte solange spielen, wie nur möglich. Walter (Samuel; d. Red.) ist 37 und spielt immer noch. Was ich nicht möchte, ist noch einmal den Verein zu wechseln. Der FCB ist der Klub meines Herzens, hier möchte ich aufhören. Danach ist die Chance gross, dass wir in Basel bleiben. Meine Kinder gehen hier zur Schule, mein Sohn spielt beim FCB Fussball, meine Tochter spielt Tennis. Meine Eltern und mein Bruder wohnen auch hier – wir haben hier Wurzeln geschlagen. Nach Argentinien werde ich zu 80 Prozent nicht zurückkehren: Es ist zu gefährlich – vor allem für die Kinder. Die Hauptstadt Buenos Aires, wo ich herkomme, ist in keinem guten Zustand. Vielleicht kaufe ich irgendwann eine Farm im Süden Argentiniens und züchte dort Pferde. Aber erst, wenn die Kinder erwachsen sind.»