Fussball

Raus aus der zweiten Reihe für Erminio Piserchia: Von YB zurück in die Heimat

Der Baselbieter Erminio Piserchia beendet Ende Juni nach 17 Jahren seine Trainertätigkeit bei YB und sucht eine neue Herausforderung.

Erminio Piserchia verbringt wegen der Coronapandemie ungewohnt viel Zeit in der Nähe seines Zuhauses in Therwil. Bei Spaziergängen kommen ihm dann so manche Gedanken über die bisherige Karriere. Zum Beispiel wie dieser verlaufen wäre, wenn er damals einen Spielervermittler gehabt hätte. «Mag sein, dass der Weg vielleicht die eine und andere Veränderung genommen hätte», sagt er beim Gespräch in Aesch. Er erzählt auch, dass er gerne beim FC Basel gespielt hat. Auch damals, als Basel in der NLB spielte. Aber es hat sich nie ergeben. «Man hatte mich wohl nie auf dem Schirm und ich wollte mich nicht selbst ins Gespräch bringen, denn so hast du kaum gute Karten», sagt der 56-Jährige. Dabei wäre es gar nicht so abwegig gewesen.

Piserchias Fussballkarriere begann in Aesch. «Die Eltern wohnten nur unweit des Löhrenackers. Sie liessen den kleinen Erminio machen. «Sie waren nicht gegen Fussball, unterstützten mich aber auch nicht. Sie kamen in die Schweiz, um zu arbeiten», sagt Piserchia. Bei Concordia Basel spielte er später in der 1. Liga. Ein Handschlag mit Präsident Karl Oberholzer besiegelte 1983 den Wechsel in die NLA zu den Grasshoppers. Gleich in der ersten Saison durfte Piserchia den Meistertitel feiern. Am Ende des zweiten Jahres in Zürich wurde ihm dann signalisiert, dass seine Chancen auf Einsätze klein seien. Statt in den Nachwuchs verbannt zu werden, zog er einen Wechsel zum FC Laufen vor. Die Laufentaler spielten damals unter Urs Siegenthaler in der NLB. «Das war in Ordnung, denn ich wollte wieder spielen, um mich so empfehlen zu können», erklärt Piserchia.

Die loyale mehrfache Nummer Zwei

Erminio Piserchia stieg zwar mit Laufen ab, doch seine Rechnung ging auf. Er konnte in die NLA zurück, zunächst zum FC St. Gallen und später zum FC Lugano wechseln. «Es war eine gute Zeit. Leider beendete eine Fuss-OP meine Aktivkarriere auf weniger schöne Weise», erzählt Piserchia. Er konzentrierte sich fortan auf das Traineramt, das er beim FC Birsfelden startete. Kurz war er dann als U18 Trainer beim FC Basel, aber dann trennten sich die Wege bereits wieder. Über Schöftland ging es zu Aarau, wo er Assistent bei Rolf Fringer und Jochen Driess war. Nach einem Traineramt beim SC Zofingen kam die Anfrage der Young Boys, wo er am 15. Oktober 2003 ein Amt antrat, das ihm vorkommen musste wie eine 17-jährige Achterbahn-Fahrt.

Erminio Piserchia

Erminio Piserchia

Piserchia war zunächst Assistent bei Hans-Peter Zaugg. Eines Tages wurde er dann ins Büro des Sportchefs gerufen. «Man teilte mir mit, dass sich der Verein vom Chef-Trainer trennen werde und ob ich bereit sei, das Team interimistisch zu übernehmen. Ich sagte zu.»
Als Piserchia das Büro verliess kamen ihm Zweifel. «Ich stellte mir die Frage, ob ich das überhaupt schaffe, ob ich mit der Verantwortung klarkomme.» Er fuhr nach Therwil und diskutierte das Ganze mit seiner Frau. Nach einer Nacht mit wenig Schlaf wachte er auf und wusste: «Ich kann das!» Piserchia blieb auch unter Gernot Rohr und später unter Marco Schällibaum Assistent und als auch der gehen musste, hiess der Mann neben dem neuen Coach Martin Andermatt noch immer Erminio Piserchia. «Ich weiss, das ist im Sport nicht üblich. Muss der Cheftrainer gehen, geht auch sein Assistent. Ich habe mich aber nie in den Vordergrund gestellt. Mir ging es immer um die Arbeit und ich kam mit allen gut aus», erklärt Piserchia.

Die sportliche Führung der Berner wusste, was man an ihm hatte. Mehrmals vertraute man ihm das Team an, bis ein neuer Mann unter Vertrag stand. Das war auch 2008 wieder so, bevor der heutige Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic zu YB kam. An jene Zeit wurde Piserchia vor zwei Wochen wieder schmerzlich erinnert, als das SRF die «Finalissima 2010» nochmals zeigte. «Ja, ich schaute es mir an, obwohl es damals eine meiner bittersten Erfahrungen war. Wir waren zwei Runden vor Saisonende so gut wie Meister, hätten auswärts in Luzern mit einem Sieg alles klarmachen können. Petkovic schonte unseren Defensivpatron Dudar, da es im letzten Match gegen Basel ging. Es war das falsche Signal. Wir verloren 1:5, der Rest ist bekannt.»

Als dann auch Petkovic gehen musste und Christian Gross kam, zog Piserchia einen Strich. «Ich wollte nicht mehr nur der Assistent, ich wollte Chef eines Teams sein.» Als das Angebot kam, als technischer Leiter im Nachwuchs zu arbeiten, dachte er, das sei eine spannende Sache. Bald schon aber wurde Piserchia bewusst, dass er keiner für das Büro ist.

Piserchia übernahm die U18 von YB und hatte eine erfolgreiche Zeit. Die Versetzung in die U16 fand er damals zwar in Ordnung. Doch wenn er jetzt auf einem seiner Spaziergänge darüber nachdenkt, weiss er, dass es der falsche Weg war. «Meine Eltern lehrten mich, dass man im Leben anständig und korrekt sein muss. Das ist ja sicher nicht falsch, aber manchmal muss man auch seine Wünsche durchsetzen und auf den Tisch hauen. Ich bin in einem Alter und habe so viel erlebt und Erfahrung sammeln können, dass ich mehr will.»

Eine WG mit den beiden Töchtern in Bern

Ein anderes Hobby als Spazieren hat Piserchia aktuell nicht. «Ich denke, wenn ich wach bin, immer an Fussball.» Dazu gibt es eigentlich nur noch die Familie. «Ich bin meiner Frau enorm dankbar. Sie unterstützte mich immer, sie war und ist auch mein grösster Kritiker», sagt Piserchia. Gemeinsam haben die beiden zwei Töchter. Sie machten ihre Berufsausbildung in Bern, im Umfeld des Klubs. «Wir drei bildeten eine Berner WG. Das war eine spannende Zeit», sagt Piserchia.

Aktuell ist das fussballfreie Leben weniger spannend. Doch das soll sich ändern. Wenn die Coronakrise vorbei ist, möchte Piserchia wieder einen Trainerjob. «Ich möchte Cheftrainer in einem ambitionierten Klub und von einem ambitionierten Team sein. So kann ich etwas bewirken und das weitergeben, was ich in all der Zeit an Erfahrung sammeln konnte», sagt er.

Gerne denkt Piserchia noch an die internationalen Spiele gegen Fenerbahce, Stuttgart im Schneegestöber und Tottenham («Wir führten nach 28 Minuten 3:0 und gewannen am Ende nur knapp mit 3:2») oder die Meistertitel, die er hautnah miterlebte, zurück. Erinnerungen, die – wie er betont – ihm niemand mehr nehmen kann. «Was ich bisher gemacht habe passt für mich», sagt Piserchia. Doch jetzt will er sein Weg als Trainer weitergehen. Denn das Team auf dem Platz zu betreuen, macht definitiv mehr Spass als Spaziergänge rund um Therwil.

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