Es ist Samstagnachmittag kurz vor drei Uhr. Wir durchqueren das Zentrum von Liverpool. Der Weihnachtsmarkt löst einen kurzen «Jö-Effekt» aus. Die Menschen konzentrieren sich aufs Shopping. Liverpool-Leibchen? Weit und breit keine Spur davon. Nichts deutet darauf hin, dass die «Reds» gleich spielen. Liverpool gegen Sunderland, das ist kein Gassenhauer, viele Pubs zeigen das Spiel gar nicht erst.

Wenige Schritte reichen, schon ist die Gegend abgelegen. Plötzlich steht Chelsea vor uns. Sie hält ein Plakat in die Luft, die Studentin lockt Kunden an für das «Evni»: Fussball gucken, nur 2,5 Pfund das Pint, alles wunderbar! Drinnen steht auf den Tafeln: 14.12. Manchester United vs. Liverpool. Das heutige Spiel? Champions League? Uninteressant.

Fotos sind nicht erwünscht. Der Türsteher klärt auf: «Das hier ist eher das Pflaster für die harten Jungs. Die mögen es nicht, geblitzt zu werden.» Draussen verabschiedet sich Chelsea. Bis Mitternacht schwenkt sie für 6 Pound pro Stunde noch ihr Holzplakat. Nach dem Fussball bewirbt sie den Nachtclub. Bald werden wir doch noch fündig. Im «Dawson’s» läuft das gewünschte Spiel.

«Wir sollten Lionel Messi kaufen»

Mick, seit fast 50 Jahren in der Stadt, erkundigt sich, wo die Fotos erscheinen. Dann erklärt er den Besuchern, warum Liverpool in der Krise steckt. «Wir erspielen uns Chancen. Aber seit Luis Suarez weg ist, haben wir keinen Skorer mehr. Es fehlt einer wie Agüero von Manchester City!» Was muss passieren, damit Besserung einkehrt? «Wir sollten Lionel Messi kaufen. Der würde uns schon zum Titel schiessen.» Tönt logisch.

Als Mick einen Moment auf den Screen schaut und abgelenkt ist, flüstert sein Kumpel Jay. «Weisst du, ich habe
50 Pfund auf Sunderland gewettet, hoffentlich nehmen sie die Reds auseinander.» Jays Herz schlägt für den Stadtrivalen Everton. Genauso schön fände er einen FCB-Sieg am Dienstag.

Mick kommt derweil in Fahrt. Erzählt von alten Freunden und Weggefährten, mit denen er früher selbst Fussball gespielt habe und die es dann zum FC Liverpool schafften. Mehr als «Johnny, Jimmy und Walter» verstehen wir im Lärm leider nicht. Tönt jedenfalls überzeugt von sich. Jay lacht.

Kollegiale Rivalität in Liverpool

Weiter geht die Tour. Bald ist Halbzeit. 0:0. Draussen beginnt es zu dämmern. Immerhin kein Regen, denken wir. Im «Smokie Mo’s» treffen wir auf eine Gruppe von Herren. Als Layton «Basel» hört, ruft er: «Am Dienstag machen wir Hackfleisch aus euch.»

Auch hier kommt ein Echo eines Everton-Fans. «Schaut lieber, dass ihr Sunderland besiegt», ruft John. «Unsere Rivalität ist kollegial», sagt er, «Neckereien wie unter Verliebten. In Manchester wäre so etwas nicht möglich, dort ist die Rivalität viel heftiger.

Layton, der Hackfleisch-Typ, schaut auf den Dienstag voraus. «Wenn Basel zuerst ein Tor schiesst, kann es einen fantastischen Abend geben, dann muss Liverpool etwas machen.» Es tönt, als würde er es sich wünschen. Als würde er sein Team endlich spektakulärer ersehnen. Spektakulärer als jetzt jedenfalls. 0:0 immer noch. Die zweite Hälfte ist schon fortgeschritten.

Erinnerungen an Champions-League-Sieg

Natürlich erinnert sich Layton an die Saison 2004/05. Schon damals geht es im letzten Gruppenspiel um alles. 0:1 liegt Liverpool gegen Olympiakos Piräus zur Pause zurück. Drei Tore müssen her. Drei Tore folgen. Der Höhepunkt: Steven Gerrard trifft in der 86. Minute herrlich. Anfield bebt. Die Geschichte endet mit dem Champions-League-Titel.

Mit jener Aufholjagd gegen Milan nach einem 0:3, die für immer unvergessen bleibt. Kann das Spiel gegen Basel etwas Ähnliches auslösen? Layton seufzt. Das Pub wird jetzt immer voller. Kollektives Warten auf die Gefühlseruption. Jungstar Sterling setzt zum Solo an. Gestoppt. Sterling dringt in den Strafraum ein. Gestoppt. Aber wie? Penalty? Nein, gibt es nicht. Es bleibt ein trister Liverpooler Fussballnachmittag.

Ganz hinten in der Bar steht Ian. Einmal im Jahr treffen sich er und seine Chauffeur-Freunde zum gemeinsamen Fussballschauen. «Meine drei Söhne sind im Stadion – ist wohl nicht die falsche Entscheidung, hier zu sein», sagt er.

Angst vor dem Ausscheiden

An sechs der sieben Meistercup-Finals von Liverpool war er dabei. Er schwelgt in der Vergangenheit, sagt: «Heute geht es häufig nur noch ums Geld. Es sollten nur die Meister in die Champions League kommen. Und es sollte nur ein Spiel geben, nicht Hin- und Rückspiel, vielleicht auf neutralem Boden.»

Dann endet die Fussball-Tristesse. 0:0. Ein Einziger klatscht aufmunternd. Einige raunen. Alle wenden sich dem Bier zu. Vielleicht ist das besser so. Dann ist die Angst besser zu ertragen. Die Angst, dass die Champions League für den FC Liverpool am nächsten Dienstag kurz vor 23 Uhr zu Ende ist.