Renato Steffen, die nahende Winterpause kommt zum dümmsten Zeitpunkt, oder?

Renato Steffen: Wieso meinen Sie?

Weil Sie und die Mannschaft nach anfänglichen Schwierigkeiten endlich zu alter Stärke gefunden haben.

Aber es ist halt so. Das kann man nicht irgendwie verlängern. Es ist schade. Aber es ist auch schön, mit einem guten Gefühl in die Ferien zu fahren.

Zwei Spiele gibt es noch. Ziehen Sie doch trotzdem eine erste Bilanz.

Es ist sicher so, dass die Mannschaft am Anfang etwas Mühe hatte nach dieser kompletten Umstrukturierung im Verein. Mit Mati Delgados Abgang hatten wir auch zu kämpfen. Aber wir haben uns gefangen.

Renato Steffen im verbissenen Zweikampf mit FCZ-Verteidiger Pa Modou.

Renato Steffen im verbissenen Zweikampf mit FCZ-Verteidiger Pa Modou.

Auch Sie mussten sich fangen.

Ich denke, ich habe insgesamt eine gute Vorrunde gespielt. Ich habe die meisten Spiele machen können, war bei Toren beteiligt wie in Lissabon. Wäre dem nicht so, dann würde ich mir Gedanken machen. Da geht es nicht primär um meine persönlichen Skorerpunkte.

Rein statistisch war es dennoch Ihr schlechtestes Halbjahr beim FCB.

Das ist mir bewusst. Das hat eben sicher auch damit zu tun, dass sich so vieles verändert hat …

… und Sie jemand sind, der lange braucht, um sich an Neues zu gewöhnen. Haben Sie sich zu viele Gedanken gemacht?

Möglich. Es war eine neue Verantwortung da, in die ich reinwachsen musste. Natürlich habe ich letzte Saison schon versucht, das zu tun. Aber da waren noch andere Spieler im Vordergrund, in deren Schatten du das versteckt hast tun können. Jetzt ist es für mich komplett anderes. Es sind mehr Junge da.

Hatten die Wechsel in der Vereinsleitung auch Einfluss auf Sie?

Nein, das spielt für mich nicht so eine grosse Rolle. Schlussendlich sind die Leute, mit denen ich auf dem Platz stehe, für mich entscheidend.

«Entscheidend sind für mich schlussendlich sind die Leute, mit denen ich auf dem Platz stehe.»

Renato Steffen

«Entscheidend sind für mich schlussendlich sind die Leute, mit denen ich auf dem Platz stehe.»

Oder jene, die nicht mehr da sind.

Mati ist sicher ein Faktor, ja.

Wieso hat Sie das so mitgenommen?

Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis mit ihm. Wenn er einen Ballverlust hatte, dann war für mich klar: Den Ball muss ich wieder erobern. Diesen Drang hatte ich bei ihm einfach. Auch, weil er mir von der Persönlichkeit her mega gepasst hat. Wir hatten es so gut neben dem Platz, daher haben wir uns auch darauf so gut verstanden. Ich habe immer gerne an seiner Seite gekämpft. All das hat schon dazu geführt, dass mich sein Rücktritt sehr getroffen hat.

Gab es Spieler, die in Ihnen schon Ähnliches ausgelöst haben?

So wie bei Mati war es nie. Das hat auch ganz viel damit zu tun, wie ich beim FCB aufgenommen worden bin. Ich musste nicht zeigen, was ich kann oder wer ich bin. Ich wurde so genommen, wie ich bin. Sie haben versucht, meine Stärken zu erkennen und diese aufzubauen.

In diesem Prozess war Mati sehr wichtig. Er hat auch immer Spieler gesucht, die ihn motivieren können, und da hat sich dann zwischen mir, ihm und Tauli eine enge Bindung entwickelt. Wir waren ein Team, wir drei.

Mit Urs Fischer haben Sie einen weiteren Vertrauten verloren. Wie ist Ihre Beziehung zu Raphael Wicky?

Mit Urs habe ich mich anders verstanden, weil ich ihn schon viel länger gekannt habe. Ich habe gewusst, was ich an ihm habe, und er, was er an mir hat. In gewissen Situationen, wo ich etwas hitzig war, hat Urs dann auch genau gewusst, wie er mich herunterholen kann. Wenn man noch nicht so lange zusammenarbeitet, ist es logisch, dass man noch nicht alles genau weiss vom anderen. Aber Raphi weiss auch, dass ich emotional gesehen spezieller bin.

FCB-Trainer Raphael Wicky

FCB-Trainer Raphael Wicky

Sie sind aber vergleichsweise ruhiger geworden.

Es ist schon so, dass ich gegen aussen ruhiger geworden bin. Innerlich spielt es sich aber noch gleich ab. Ich kontrolliere es vielleicht einfach besser, wenn auch nicht immer. Da muss ich meinen Weg noch finden, wie das nicht überbordet. Bis jetzt hat es aber ganz gut geklappt.

Sie gaben Mitte Hinrunde zu, die Lust am Fussball verloren zu haben. Erklären Sie das bitte.

Das ist halt so, wenn man mit sich zu kämpfen hat und nicht genau weiss, wieso man nicht da ist, wo man sein will. Dann fehlt dir zeitweise die Lust am Fussball. Man darf sich aber nicht in eine Spirale hineinziehenlassen, in der alles schlecht ist. Man muss an kleinen Dingen wieder Freude haben, wie an Trainings.

Sie hatten am Morgen also keine Lust mehr auf die Trainings?

Das kam vor. Wieso es so war, kann ich nicht sagen. Das weiss ich selber nicht. Aber jetzt ist wieder alles gut.

Was hat Ihnen geholfen?

Ich habe mich mehr mit meiner Familie und Freunden getroffen, vor allem mit meiner Mutter und meinem Vater. Ich habe versucht, den Kopf zu lüften. Das alles hat gutgetan.

Hatten Sie das schon einmal?

Ja, als ich noch nicht Profi war, von Aarau rausgeworfen wurde und zu Schöftland gegangen bin. Das war auch diese Zeit, in der ich aufhören wollte zu spielen, weil ich gar keine Lust mehr hatte. Darum konnte ich jetzt aber besser damit umgehen, weil das Gefühl nicht neu war und ich wusste, dass es wieder weggehen würde.

«Dann verliert man halt die Lust.»

Renato Steffen

«Dann verliert man halt die Lust.»

Welche Rolle spielt Kritik für Sie?

Ich habe mir deswegen nicht den Kopf zerbrochen. Ich nehme es zur Kenntnis, aber ändere mich nicht. Jene von den Fans bekomme ich nicht mehr so mit, seit ich nicht mehr auf Social Media bin. Aber es hat mich auch vorher kalt gelassen.

Wieso haben Sie es denn gelöscht?

Das war dort nicht der Punkt.

Sondern?

Es fängt mich dann an zu stressen, wenn Leute Fake-Accounts von dir erstellen und versuchen, gewisse Sachen zu verbreiten, die nicht stimmen. Oder wenn sie etwas kaputtmachen wollen wie eine Beziehung oder die persönliche Wahrnehmung. Da musste ich irgendwann sagen: Es ist das Beste für mich, wenn ich mich zurückziehe.

Man versuchte, Ihre Beziehung zu zerstören?
Es hat ein paar Leuten vielleicht nicht gepasst. Das hat dann Ausmasse angenommen, die mich extrem gestört haben.

Haben solche Nebenschauplätze wie auch die familiären Probleme dazu beigetragen, dass Sie in einem Findungsprozess waren?

Das gehört alles dazu, ja. Es lässt mich nicht kalt, wenn im privaten Umfeld etwas ist. Und weil ich so sensibel bin, was meine Familie anbelangt, nimmt mich das auch mehr mit, als wenn jemand nur über mich schlecht urteilt.

Sie kritisierten, dass alle in der Mannschaft zu sehr mit sich beschäftigt waren – Sie eingeschlossen. Wie sieht das jetzt aus?

Das ist viel besser geworden, das sieht man auch auf dem Platz. Leistungsträger wie Michi (Lang) oder Mo (Elyounoussi) sind wieder in Form, ich auch. Wir spielen wieder miteinander, gewinnen miteinander, verlieren miteinander. Wir sind mittlerweile ein gutes Team und haben uns gefunden.