Fussball
Schiesst Nati-Küken Breel Embolo heute gegen England sein erstes Tor?

Breel Embolo erobert in rasantem Tempo die Herzen der Schweiz – folgt heute das erste Länderspieltor? Wenn ja, rückt die englische Premier League immer näher.

Etienne Wuillemin, London
Merken
Drucken
Teilen
Leitete die Schweizer Wende gegen Slowenien vom 0:2 zum 3:2 ein. Setzt nun Breel Embolo im Wembley seinen imposanten Aufstieg fort? KEystone

Leitete die Schweizer Wende gegen Slowenien vom 0:2 zum 3:2 ein. Setzt nun Breel Embolo im Wembley seinen imposanten Aufstieg fort? KEystone

KEYSTONE

Liebe. Ein grosses Wort. Man kann gar nicht vorsichtig genug damit umgehen.

Wie entstehen Gefühle? Wie halten sie ewig? Warum ist die Aufregung plötzlich grenzenlos? Grosse Fragen.

Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass Breel Embolo am Valentinstag geboren ist. Und wahrscheinlich gibt es für ihn, dieses Jahr zarte 18 Jahre alt geworden, gerade wichtigere Themen im Leben als die grosse Liebe. Und trotzdem bahnt sich da unübersehbar etwas an. Zwischen ihm, Embolo, und jenen Menschen, die ihm bei der Ausübung seines Berufes – Fussball spielen – zuschauen. Am vergangenen Samstag wurde das ein nächstes Mal überdeutlich.

Not am Mann, Embolo ist zu Stelle

Genau genommen war Embolo da noch gar nicht auf dem Platz. 0:2 stand es gegen Slowenien. Die Schweiz war in grösster Not. Und er, Embolo, verkörperte in der Not bereits die Hoffnung. Als ansonsten fast nur noch Pfiffe zu hören waren, begann das Publikum plötzlich, seinen Namen zu rufen.

Dann kam er. Eingewechselt. Und Embolo hat seine Verehrer wieder einmal entzückt. Sein Pass mit der Hacke auf Josip Drmic leitete die unfassbare Schweizer Aufholjagd ein. Noch jetzt bleibt nur: Staunen.

Breel Embolo erobert die Herzen der Schweiz in rasantem Tempo. Schon jetzt nehmen die Stimmen überhand, die sich ihn in der Startformation wünschen. Am liebsten schon heute gegen England.

Ein paar Tage zuvor. Embolo sitzt in einer Lounge des Schweizer Teamhotels in Feusisberg. Ganz entspannt erzählt er über seinen schwindelerregenden Aufstieg. Manchmal lacht er herzhaft. Manchmal reisst er bei einer Frage die Augenbrauen hoch, in die rechte hat er kleine Streifen rasiert.

Wann folgt das erste Tor für die Schweiz?, lautet die Frage. Er denkt kurz nach und sagt: «Ich lasse mir Zeit. Ich habe ja Zeit. Momentan zählen die Einsatzminuten, das ist meine Währung. Ich bin immer gut gefahren, wenn ich mir nicht allzu viele Gedanken gemacht habe.» Der rasante Aufstieg von Embolo erinnert an Xherdan Shaqiri. Wobei alles noch ein bisschen schneller geht.

Es gibt noch viel zu lernen beim FCB

Shaqiri war bei seinem Nati-Debüt 18 Jahre und 144 Tage alt, Embolo 18 Jahre und 45 Tage. Es war gegen die USA. «Da war ich ziemlich nervös. Ich bin froh, war mein erster Einsatz in einem Testspiel. So musste ich in Litauen nicht mehr so nervös sein.» Drei Minuten brauchte Embolo da, um das Siegestor von Shaqiri vorzubereiten.

Embolo hat gerade wieder einmal aufregende Tage hinter sich. Im Sommer erst hat er seine Lehrabschlussprüfung abgeschlossen. «Ich bin froh, dass ich jetzt ein Leben führen kann wie die anderen Fussballer. Viele vergessen, dass ich ja erst seit Sommer so richtig Profi bin.»

Auch dies hat dazu geführt, dass sich Embolo entschied, seine Karriere vorläufig in Basel fortzusetzen. «Ich habe keine Angst vor dem Ausland, aber ich bin überzeugt, dass mein Weg beim FCB noch nicht zu Ende ist. Ich kann noch immer sehr viel lernen. Früher hatte ich zum Beispiel das Gefühl, ich müsse den Ball immer sofort abspielen, ich bin ja schliesslich der Junge. Jetzt merke ich, wie sich meine Rolle langsam verändert.»

Fühlt er sich im Geist manchmal älter als 18-jährig? «Auf keinen Fall! In der Garderobe sagen alle, ich sei noch immer ein Kind.» Wobei, ein Kind? Mittlerweile hat Embolo seinen ersten eigenen Haushalt bezogen. Mit Bruder Boris (22) wohnt er zehn Minuten von der Mutter und seinen zwei Schwestern (8 und 12) entfernt.

Eines ist klar: Spielt Embolo so weiter, geht im Winter das Ringen um ihn wieder von vorne los. Er sieht es entspannt. «Ich werde sicher nicht extra schlechter spielen, nur um ein bisschen mehr Ruhe zu haben», sagt er lachend, «ich kann schon damit umgehen, dass ich Angebote bekomme.»

Ruft die Bundesliga - oder gar die Premier League?

Trotzdem: Seit Embolo beim FCB bis 2019 unterschrieben hat, empfindet er den Rummel um ihn als nicht mehr so schlimm wie zuvor. Er erinnert sich: «Vor einem Jahr hiess es einmal, ich hätte schon in Wolfsburg unterschrieben.

Plötzlich rief mich meine Mutter und fragte: ‹Wo bist du?› Ich sagte: ‹In der Schule, wie immer.› Aber sie glaubte mir nicht, rief ins Telefon: ‹Gibs zu, du bist in Wolfsburg – das Telefon läutet andauernd, weil Freunde uns gratulieren wollen.› Als ich wieder zu Hause war, konnten wir uns nicht mehr halten vor lachen.»

Wer weiss, was passiert, sollte Embolo heute im Wembley tatsächlich zur nächsten Gala ansetzen. Die Chance wäre bestimmt gross, dass sich ein englischer Klub, wohlgenährt durch das viele TV-Geld, in ihn verliebt.