Eishockey
«Schnell wird man vom Hockeygott zum Hockeyflop»

Sein grösstes Kapital ist das Mundwerk. Kevin Schläpfer redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Auch im Training mit dem NLA-Team des EHC Biel. Die az Basellandschaftliche Zeitung war beim Training dabei.

Rainer Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen

«Jetzt musst du die Kamera ausschalten, denn nun folgt nicht gerade meine grosse Stärke», fordert er den anwesenden Journalisten auf. Schläpfer erklärt der Mannschaft eine neue Übung. In der Tat sind seine Ausführungen reichlich kompliziert. Aber wehe, ein Spieler lässt einen dummen Spruch fallen. Er wird es doppelt zurückbezahlt bekommen. Schläpfer macht punkto Schlagfertigkeit niemand etwas vor.

Der 41-Jährige aus Sissach wehrt sich aber dagegen, wenn er als «Clown an der Bande» bezeichnet wird, wie zu Beginn der Saison passiert. «Natürlich bin ich auch ein guter Unterhalter, stehe gerne im Mittelpunkt und sorge für Stimmung. Aber das ist nur eine Seite von mir», sagt der Vater von drei Kindern. Es ist jene Seite, die gegen aussen in erster Linie bekannt sei. «Die Spieler kennen mich auch anders. Ich weiss zwar, wann wir Spass haben können. Ich weiss aber auch, wann der Spass aufhört».

Seine Philosophie als Trainer basiere auf einer schonungslosen, hundertprozentigen Ehrlichkeit. «Ich sage immer, was ich denke», behauptet Schläpfer. So wisse sein Gegenüber stets, woran er sei. Deshalb stellt sich für den Jung-Trainer auch die Frage nach der Distanz zwischen ihm, dem ehemaligen Mitspieler, und seinem Team nicht. «Das war intern nie ein Thema. Ebenso wenig, ob ich der richtige Trainer sei.

Einer der drei letzten Schweizer NLA-Trainer

Ich glaube, die Spieler haben nach der letzten Saison erwartet, dass ich den Job mache. Es war der logische Entscheid.» Schläpfer verhehlt nicht, dass er seit Jahren auf eine Trainerkarriere hin arbeitet. Vier Jahre lang trainierte er bei Biel die Novizen und leitete die Talenttrainings. Zudem organisiert er seit gut zehn Jahren in Sissach gemeinsam mit Beat Aebischer und Patric Sutter Nachwuchscamps. In den letzten Jahren erwarb er parallel zu seinem Job als Sportchef beim EHC Biel das A-Trainerdiplom und die Pro-Lizenz.

Nun ist er neben Arno Del Curto bei Davos und Christian Weber bei Rapperswil einer von nur drei Schweizer Trainern in der NLA. Von seinen coachenden «Konkurrenten», die für Ex-Spieler Schläpfer Respektspersonen sind, erhält er oft und vielfach positives Feedback für seine Arbeit in Biel.

Obwohl es Schläpfers erste ganze Saison an der Bande des EHC Biel ist, hat er dort, wo er von den Fans als «Hockeygott» verehrt wird, schon Extremsituationen erlebt. In der Ligaqualifikation im letzten Frühling gegen Lausanne erlebte er Höhen und Tiefen beinahe im Stundentakt. «Ich habe gespürt, dass ich emotional mit diesem Verein doch sehr stark verbunden bin. Und ich realisierte, wie schnell ich vom Hockeygott zum Hockeyflop werden kann.»

Der Baselbieter als Vertreter des «Old School Hockeys»

Er habe für seine Leidenschaft lange über den letzten Schlusspfiff hinaus gebüsst. «Ich fiel emotional drei Monate lang in ein Loch. Dabei hatten wir das entscheidende letzte Spiel gegen Lausanne ja gewonnen . . .»

Im Training setzt Schläpfer auf Tempo und Intensität. Die ersten drei Übungen werden ohne Unterbruch absolviert. Selbst er spricht 20 Minuten lang kaum ein Wort. Für einen Aussenstehenden schon fast beunruhigend. Im Umgang mit den Spielern sieht sich der Baselbieter als Vertreter des «Old School Hockeys». Respekt kommt an erster Stelle. «Wenn ich eines Tages entlassen werde, dann sollen die Spieler aus der Zeit unserer Zusammenarbeit auch menschlich etwas mitnehmen».

Er wolle nie die Strassenseite wechseln müssen, wenn er jemandem vom EHC Biel begegne, lautet sein Credo. Zumindest in seiner Heimat in Sissach, wo ihn alle kennen, musste er dies noch nie tun. «Dort bin ich seit dem Kindergarten für alle der Kevin - egal, ob ich gewonnen oder verloren habe.»