Schweizer Meisterschaften
Schweizer Meisterschaft im Frauenboxen ist kein Akt der Höflichkeit

Die Männer lassen den Frauen den Vortritt. Was jenseits der Tanzschule häufig in Vergessenheit gerät, gilt ausgerechnet für das Boxen. Es ist kein Akt der Höflichkeit, sondern eine Bewegung, die hierzulande vor rund 20 Jahren einsetzte.

Daniel Weissenbrunner
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Die Thunerin Christina Nigg war 1998 die erste Profiboxerin der Schweiz, ein Jahr später wurde sie Profiboxweltmeisterin. Frauen wie Nigg oder die Deutsche Regina Halmich haben das Frauenboxen stark geprägt und brachen damit in eine Männersport-Domäne ein.

Dieser Trend wurde auch an den Schweizer Meisterschaften der Amateure sichtbar, die am Wochenende in Baden stattfanden. Frauenboxen ist und bleibt eine Randsportart.

Frauenanteil so hoch wie nie

Der prozentuale Frauenanteil war aber so hoch wie nie. Mehr noch: Erstmals in der fast 100-jährigen Verbandsgeschichte nahm ein reines Frauenteam eines Boxclubs an nationalen Titelkämpfen teil.

Der Boxclub Basel schickte fünf Frauen an den Start. «Die vorgesehenen Herren waren entweder krank oder nicht einsatzbereit», sagt Angelo Gallina, Trainer und Präsident des Vereins.

Die Ausbeute seiner Athletinnen durfte sich sehen lassen. Rae Sarah-Joy (bis 54 kg) gewann ihre erste Meisterschaft, Sandra Brügger entschied ihren Kampf gegen Evelyn Ziegler von NAB Frenkendorf zu ihren Gunsten.

Kleiner Schönheitsfehler: Da in ihrer Gewichtsklasse (bis 60 kg) zu wenig Boxerinnen antraten, konnte laut Reglement kein Titel vergeben werden.

Über alle Schichten hinweg

Frauen im Ring haftet längst nichts Anrüchiges an. Das machten die Kämpfe in Baden deutlich. Im Zentrum stehen Dynamik und Athletik. Die Sportart erfasst dabei alle sozialen Schichten.

Von den Managerinnen bis zur Verkäuferin. Bemerkenswert: Zahlenmässig an vorderster Front stehen die Studentinnen. Das von den männlichen Kollegen jahrelang als Fehlentwicklung der Emanzipationsbewegung eingeschätzte Frauenboxen wurde zuletzt sogar vom Internationalen Olympischen Komitee akzeptiert und für die Olympischen Spiele 2012 ins Programm genommen.

Sandra Brügger nahm ebenfalls Kurs Richtung London. Die Pflegefachfrau scheiterte aber in der Qualifikation. In Rio werden die Schweizerinnen, sollte nicht noch ein Jahrhunderttalent vom Himmel fallen, erneut nicht vertreten sein. Auch darum, weil Brügger dannzumal die Alterslimite von 34 Jahren überschritten hat.

Die sechsfache Schweizer Meisterin konzentriert sich als Nächstes auf die Europameisterschaften und versucht die versäumte Goldmedaille vom Sonntag im kommenden Jahr nachzuholen.

Ob 2013 wieder Männer vom Boxclub Basel teilnehmen werden, wird sich erst noch zeigen. Angelo Gallina äussert sich auch in diesem Punkt pointiert. «Sollte der eingeschlagene Trend anhalten, nehmen die Herren künftig an den Schweizer Meisterschaften der Damen als Gäste teil.» Ganz Gentleman like.