FC Basel

So ähnlich und doch so anders: Der FCB-Neuzuzug Kemal Ademi weckt Erinnerungen

Mit acht Toren in 26 mehrheitlichen Teileinsätzen für Xamax empfahl sich Kemal Ademi für den FC Basel.

Der neue FCB-Stürmer Kemal Ademi weckt Erinnerungen an einen seiner prominentesten Vorgänger – und tickt doch so unterschiedlich.

Es ist eine kleine Bewegung. Eine Szene im internen Testspiel des FC Basel, die kaum erwähnenswert wäre. Wäre da nicht die Reaktion von einem, der in diesem Moment ganz genau hinschaut: Nacho Torreño, Leiter Fitness. Er dreht sich um, ein Strahlen in den Augen. Dann sagt er zu seinen Staff-Kollegen: «Er ist ein bisschen wie Pipi!»

Pipi, das ist der Spitzname des mittlerweile zurückgetretenen Basler Sportchefs Marco Streller. Und er, das ist Kemal Ademi. 1,96 Meter ist er gross – wie Marco Streller. Seine Position ist der Sturm – wie es jene von Marco Streller war. Und auf dem Rücken prangen zwei Neunen – bei Marco Streller war es eine. Beide wirken ob ihrer Grösse etwas schlaksig, die Beine und die Arme sind lang. Dünn. Es wundert nicht, dass Nacho Torreño Parallelen sieht.

Kemal Ademi und Marco Streller verbindet aber noch mehr. Denn Ademi ist der letzte Transfer, den Streller als FCB-Sportchef tätigte. «Ich war gerade beim Medizincheck. Als ich fertig war, habe ich die Meldung gesehen», erzählt er, wie er von Strellers Rücktritt erfahren hat.

Flucht vor dem Krieg

Eineinhalb Wochen später sitzt Ademi in der Lobby der Egerner Höfe am Tegernsee. Jenem Ort, an dem der FCB sich traditionell auf die neue Saison vorbereitet. Ademi erscheint zu früh zum Termin – eher ungewöhnlich für einen Fussballer. Während des Gesprächs zeigt sich aber noch ein paar Mal, dass Ademi etwas anders tickt.

Er sagt gerade heraus, was er denkt. Natürlich hat auch er gewisse Phrasen verinnerlicht. Aber seine Aussagen sind erfrischend, ehrlich, offen, mit einem gewissen Witz. Dass er noch nicht den Sprung auf die ganz grosse Bühne geschafft hat - es scheint ihm gutzutun.

Seit eineinhalb Wochen ist Ademi zum Zeitpunkt des Gesprächs beim FCB. «Und ganz ehrlich: ich kenne noch immer nicht alle Namen!» Sogar beim Namen seines Zimmergenossen Djordje Nikolic muss er nachfragen, ob dieser so stimme.

Es ist kein Zeichen von Desinteresse, sondern von erfrischender Ehrlichkeit. «Ich kannte bislang nur Albian Ajeti. Vor allem, weil ich mit seinem Bruder jeweils Fortnite gezockt habe.» Ademi konnte keine Bekanntschaften schliessen bei den Nationalteams wie andere im Team, denn bislang wurde er noch nie aufgeboten.

Ademi lernte das Kicken beim FC Herisau, dem Klub seines Heimatortes. Seine ersten Lebensjahre aber verbrachte der heute 23-Jährige in Deutschland. Der Sohn kosovarischer Eltern wurde in Villingen-Schwenningen geboren. Dem Ort, an den seine Eltern vor dem Krieg geflüchtet waren. Er selber habe nichts vom Krieg mitbekommen. Die Geschichte seiner Eltern aber lasse ihn nie vergessen, woher er komme. Die Familie siedelte ins Appenzell über, als er im Kindergarten-Alter war.

Rückkehr in die Heimat

Mit 19 zog es ihn wieder in sein Geburtsland. Er wechselte zur TSG Hoffenheim. Für die erste Mannschaft kam er nie zum Einsatz. Dennoch sagt er, viel nach Neuchâtel mitgenommen zu haben, als er letzten Sommer dorthin wechselte. «Vor allem die deutsche Mentalität. Dort schenkt dir keiner was.»

Sie habe ihn zu dem Spieler werden lassen, der er heute ist und den er selber so beschreibt: «Bei mir ist es immer so: entweder ich habe den Ball, oder der Gegner spürt, dass ich da bin. Mit meiner Grösse und meiner Wucht passiert das. Aber ich kann auch einstecken. Das ist mein Spielstil.» Einer, der ihn von seinen Hauptkonkurrenten , Albian Ajeti und Ricky van Wolfswinkel, unterscheidet.

Ademi bringt eine neue Komponente in den Basler Angriff. «Ich bin der Grösste von uns!», sagt er und lacht. Er habe ausserdem viel Durchschlagskraft und noch mehr Mentalität, ohne diese den anderen absprechen zu wollen, wie er nachschiebt. «Aber ich bin, wenn ich das sagen darf, schon der, der im Kopf ein wenig verrückt ist!», sagt er lachend.

Alles von Zlatan gelernt

Der Grösste, der etwas verrückt ist. Wüsste man nicht, wie Ademi das meint, man würde ihn sofort mit einem Spieler vergleichen, bei dem solche Aussagen Alltag sind: Zlatan Ibrahimovic. Dass sie dennoch an ihn erinnern, ist kein Zufall. Einst liess sich Ademi mit den Worten zitieren, dass er alles von Zlatan gelernt habe.

Auf ihn angesprochen, sagt er: «Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich mir nicht noch heute Videos von ihm an- und viele Dinge von ihm abschaue.» Die Art, wie er als Leader vorangehe sowie sein Temperament, sind das, «was mich an ihm so fasziniert.» Die Mitspieler haben ihm deshalb schon einen Spitznamen verpasst, rufen ihn ab und an «Zlatan».

Es ist nur eines der Zeichen davon, dass Ademi sich in Basel in kürzester Zeit gut eingelebt hat. Wenn er vom Team spricht, wählt er bereits die Worte «wir» und «uns». Dass mit Streller jener Mann nicht mehr da ist, der ihn nach Basel geholt hat, macht ihm nichts aus. «Ich bin für den FCB gekommen, ich bin nicht nur wegen einer Person hier», sagt er. Erfrischend ehrlich. «Als ich hörte, dass der FCB mich will, hat es bei mir sofort ‹bumm› gemacht im Kopf. Ich wollte nur noch hierhin.»

Die verrückte Barrage-Wende

Hier, in Basel, will er weitermachen, wo er bei Xamax aufgehört hat. Immer wieder wiederholt er diese Aussage. Aufgehört hat er bei Xamax mit zwei Toren im verrückten Barrage-Rückspiel gegen Aarau – eines aus dem Spiel heraus, eines vom Penalty-Punkt.

Nach dem Hinspiel lag Xamax 0:4 hinten. «Ich bin danach in die Kabine gegangen und habe gesagt: Jungs, wenn die vier Tore bei uns erzielen können, können wir das auch bei ihnen!» Er behielt recht. Am Ende drehte Xamax die Barrage und blieb in der Super League.

Erfüllt Ademi jetzt sein Versprechen und macht in Basel dort weiter, wo er bei Xamax aufgehört hat, dann wird ihn vielleicht bald nicht mehr nur Nacho Torreño mit Streller vergleichen, sondern auch die Fans.

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