Fussball-EM

So fiebern Spanier, Kroaten und Italiener in ihren Klublokalen mit

Italien, Spanien und Kroatien spielen an der EM in Polen und der Ukraine. In der Schweiz wohnende Landsleute haben im Grossraum längst auch Fussballvereine gegründet Die bz besucht während den EM die ausländischen Vereine in ihrem Klublokal.

Was haben die Länder Italien, Spanien, Kroatien gemein?Alle spielen sie an der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Aber es verbindet sie noch mehr. Alle Nationen haben Landsleute in der Schweiz, alle haben selbst Fussballvereine gegründet. Wie erleben also die schweizerischen Kroaten, Spanier und Italiener die Partien ihrer Nationalmannschaften? Die bz besucht diese ausländischen Vereine in ihrem Klublokal.

Der NK Dinamo ist stolz auf Kroatien und seinen Mehlemer

Keine 20 Jahre gibt es NK Dinamo Möhlin, den Stammverein Ivan Rakitic’s. Am Sonntag spielte der 24-Jährige mit der kroatischen Nationalmannschaft gross auf. Doch Rakitic ist nicht der erste Nationalspieler mit Mehlemer Vergangenheit.

Im Klubhaus feuern Freunde, Vereinskollegen und Verwandte in kroatische Farben eifrig an. Luka Samardzija, Sportchef und Rakitic’s Onkel, bereitet einen herzlichen Empfang und zeigt sofort stolz die umfangreiche Pokalsammlung im langen Gang. Flankiert von Teamfotos der letzten 20 Jahre – mit darauf der ehemalige bosnische Nationalspieler Marko Topic.

Zu Gast beim NK Dinamo Möhlin zur EM-Partie Irland-Kroatien.

Zu Gast beim NK Dinamo Möhlin zur EM-Partie Irland-Kroatien.

Vor dem Spiel äussern die Mehlemer Fans bescheidene Erwartungen. «Ein 1:0-Sieg wäre schon gut», sagt Luka Smardzija, denn Auftaktspiele seien immer gefährlich. Und dann geht’s los: Die Mehlemer applaudieren frenetisch. Keine vier Minuten vergehen im Regen von Posen und in Möhlin liegt man sich in den Armen. Mandzukic 1:0! Der zwischenzeitliche Ausgleich dämpft die Stimmung, bleibt aber ohne Aufschreie. Konzentriert, angespannt, eine Zigarette nach der anderen rauchend, begleitet von gelegentlichen «Hajde Ivan»-Rufen verfolgt man das Geschehen weiter. Die Mehlemer Kroaten zeigen sich stets als faire Sportmänner, kein Fluchen über den Schiri ist zu hören, man nimmt ihn gar in Schutz. Dafür wird aber viel gelacht und stets applaudiert.

Rakitic ist einer von ihnen

Kurz vor der Pause fällt das 2:1 durch Jelavic – alle springen auf. Der Sportchef bleibt skeptisch: «Das war doch Offside!» Ich dementierte, der Ball sei von einem Iren gekommen. In der Pause dann die Bestätigung – und schon gehört der Journalist als «Adlerauge» zur Fussballfamilie. Im Nu ist die anfängliche Zurückhaltung verflogen und man findet sich in angeregtem und heiterem Dialog wieder. Zufrieden stärkten sich alle mit Leckereien vom Grill und Bier.

48. Minute: Mandzukic 3:1! Freudentaumel, Gelächter und wie bei allen guten Aktionen Applaus. Nur strahlende Gesichter sind zu sehen, insbesondere wenn im TV schöne weibliche Fans zu sehen sind. Nun finden die gut Gelaunten auch Zeit, Lippen zu lesen und erfreuen sich an den erkannten kroatischen Fluchworten. Als Rakitic in der 78. Minute das 4:1 auf dem Fuss hat, geht ein vibrierendes Raunen durch den Raum. Es ist zu spüren, wie sehr man sich ein Tor von einem der Ihren – «einem Mehlemer» wie Vizepräsident Anto Grgic betont – wünscht.

Schlusspfiff: Nochmals wird eifrig in die Hände geklatscht und ein weinender irischer Fan mit bemitleidenden Zurufen eingedeckt. Mit dem Vertrauen, gegen Italien siegen zu können, geht man, insgeheim voller Stolz, auf den Heimweg. Allerdings nicht alle – gemeinsam mit Vizepräsident Anto Grgic, dem im Tessin aufgewachsenen Pero endete der Abend erst nach fröhlichem Schwatz auf Deutsch und Italienisch weit nach Mitternacht. (edi)

Spanien löst im Español-Klublokal keine Euphorie aus

Der CD Español Basel ist der einzige spanische Fussballklub in der Region Nordwestschweiz und wurde im Jahr 1963 gegründet. Der Verein hat nur noch zwei Aktivmannschaften, unterhält dafür ein schmuckes Klublokal namens «Rincón» (die Ecke) an der Endstation des 3er-Trams - keine 400 Meter von der Grenze zu Frankreich (Bourgfelden) entfernt.

Wer nun geglaubt hätte, dass am Sonntagabend im Vereinslokal beim EM-Spiel zwischen Spanien und Italien eine Fiesta-Stimmung herrschen würde, sah sich getäuscht. Eine Viertelstunde vor Anpfiff waren acht Leute im «Rincón» - die Hälfte spielte Karten, während Barkeeper und Klubsekretär Miguel Tenna (54) primär damit beschäftigt war, im Laptop das Endspiel von Roland Garros zwischen Rafael Nadal und Novak Djokovic zu verfolgen. Einziger Jugendlicher im Lokal war Adrian Martinez, der ein Trikot der spanischen Nationalmannschaft - mit seinem Namen - trug. Fussball spielt er zwar hobbymässig und ist Fan von Real Madrid und Iker Casillas. Klubmässig jedoch ist er ein talentierter Basketballer und spielt bereits in der U16-Equipe des SC Uni Basel Basket.

«Die Jungen treffen sich in der Innenstadt; meist in der Erlenmatt auf dem NT-Areal», so der Tenor der Männer, die allesamt zwischen 40 und 65 Jahre alt sind. In der Tat findet man in den spanischen Klublokalen meist nur Männer im gesetzteren Alter. Die zweite oder dritte Generation geht ihre eigenen Wege, die Verbundenheit zur Heimat der Eltern kommt nur noch bei sportlichen Grossereignissen zum Ausdruck.

Fiebern mit «La Furia Roja»

Beim Anpfiff haben sich ein Dutzend Besucher, allesamt männlich, eingefunden. Wohl fiebert man mit «La Furia Roja» («Die rote Furie», wie die spanische Nationalmannschaft genannt wird) mit. Man moniert die Aufstellung von Nationaltrainer Vicente Del Bosque, der ohne gelernten Mittelstürmer spielen lässt. Man erhebt sich, wenn das Tiki-Taka-Spiel der «Selección» übertrieben wird und der krönende Abschluss fehlt. Aber immer wieder erkundigt man sich bei Tena, ein Katalane, der aber in Basel geboren wurde, nach dem Spielstand in Paris. Und auch die Formel 1 ist ein Thema - man ist für Fernando Alonso und fiebert mit dem Asturier mit. Das «Nationalitäten»-Problem ist im «Rincón» kein Thema - egal, ob Galizier, Madrilene, Baske, Katalane oder Andalusier.

Die italienische Führung löst Konsternation aus. Zum Hadern bleibt aber wenig Zeit, denn der Ausgleich von Cesc Fàbregas löst den ersten und einzigen lauten Jubel im «Rincón» aus. Auch bei Real-Anhängern, die den FC Barcelona sonst verwünschen. Der Endstand (1:1) wird allgemein als «gerecht» empfunden. «Italien war in der ersten Halbzeit besser; in den zweiten 45 Minuten war Spanien dominant. Das Resultat geht in Ordnung. Ich denke, beide Teams werden weiterkommen», sagt Adrian Martinez. Und geht mit dem Abpfiff nach Hause.(gk)

Mario Balotelli findet bei US Bottecchia keine Freunde

Zur Partie Italien gegen Spanien sind wir zu Gast beim ältesten ausländischen Verein der Nordwestschweiz - US Bottecchia Basel. Kenner italienischer Mentalität erwarten bei solch einer Affiche eine energische, laute und Gesten reiche Szenerie.

Nicht so im Allschwiler Klublokal. Die Azzurri scheinen die südländische Behäbigkeit erst nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Erst werden mal die begonnenen Kartenspiele abgeschlossen und der Gast mit einem leckeren Espresso verzückt. Ob es daran liegt, dass es sich hier ursprünglich um einen Radverein, benannt nach dem ersten Italienischen Tour de France-Sieger handelte? Wahrscheinlicher für die Zurückhaltung ist eher das Wissen um die Wichtigkeit der ersten schwierigen EM-Partie. Vize-Präsident Salvatore Eusebio sieht allerdings ein gutes Omen: «Als uns 2006 eine andere Zeitung besuchte, wurden wir am Ende Weltmeister», und Spiko-Chef Nino Luongo ergänzt schelmisch: «Gewinnt Nadal, verliert Spanien.»

Zu Gast beim US Bottecchia Basel zur EM-Partie Italien-Spanien.

Zu Gast beim US Bottecchia Basel zur EM-Partie Italien-Spanien.

Luongo sprüht vor vorlautem Witz und kommentiert die italienische Aufstellung mit «Ich bin besorgt, es spielt Bonucci» oder «Balotelli? Wer ist das?». Nach zehn Minuten erste Anzeichen dessen, was man von italienischen Fans kennt. Erstmals wird gestikuliert, die Hände verworfen und ausgerufen: «Pezzo di merda! Va cagare!» Im Fokus der Kritik: Balotelli, welcher eine erschreckend schwache Darbietung zeigt. Nino Luongo weiss, dass Italien offensiv die Klasse und Totti fehle. Und Cassano sei nur mehr ein halber Spieler. Dessen erster Schuss in der 23. Minute lässt die Herren mit einem lauten «Vai Toro!» aber aufspringen. Leben ist im Klublokal, man hört «Toto»-Rufe, eine Anspielung an Toto Schilacci, der für Italien an der WM 90 sechs Tore schoss.

Mit 60 Minuten zufrieden

Es gibt wohl nur etwas, das Italiener vom Fussball ablenken kann - nämlich Kinder. Luongos Nachwuchs gewinnt mir seiner Ankunft für einen Moment die volle Aufmerksamkeit der Tifosi. In der Halbzeit folgt ein zufriedener Run auf die Bar für Birra oder Caffè, man hat Schlimmeres erwartet. «Mit Glück oder di Natale», nennt Eusebio das Rezept für einen italienischen Erfolg. Mit Zweitem soll er recht behalten: nach versiebter Grosschance wird Balotellis Auswechslung lauthals gefordert - di Natale kommt und schiesst kurz danach das 1:0. Der italienische Jubel erstickt umgehend im spanischen Ausgleich, schlaffe Körper sacken in die Stühle und vergraben die Gesichter in ihren Händen.

Für Luongo ist das 1:1 typisch Italien: «Nach dem 1:0 haben sie sich wieder zurückgezogen.» So könne man mit dem Viertelfinal schon glücklich sein. Im Klublokal US Bottecchia ist man zwar mit Herzblut bei ihren Azzurri, man hat aber auch eine realistische und ernüchternde Erwartungshaltung. (edi)

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1