Von weitem wirkt der Landhof Basel verlassen. Gestrüpp bedeckt die Plätze, an denen einst vor Freude über FCB-Siege augelassen getanzt wurde. Heute beschleicht einem das Gefühl, die Sportstätte habe seither nur noch fernab der Sportwelt viel durchlebt.

Beim Näherkommen zeigt sich allerdings ein anderes Bild. Wo einst Bälle aus Leder gekickt wurden, fliegen heute Frisbee-Scheiben durch den blauen Sommerhimmel. Wider Erwarten handelt es sich bei den Spielern nicht etwa um ein paar Freunde, die sich in den Landhof verirrt haben. Nein, Luca Miglioretto und seine Mitspieler sind Könner ihres Fachs, haben schon so ziemlich alles erlebt, was es mit dieser Sportart zu erleben gibt.

Beim Fototermin hat Miglioretto dann auch Mühe bei der Entscheidungsfindung. Soll er das Trikot seines Vereins Freespeed Basel anziehen oder doch das Dress der Nationalmannschaft? Letztlich lässt er sich in beiden ablichten. Alles andere wäre seinem Karriereweg auch nicht gerecht geworden.

Seit 2002 spielt er für Freespeed Basel, nur zwei Jahre später debütierte er in der U20-Nati. Mittlerweile in der Elite-Nationalmannschaft spielend, konnte er Anfang Juli in Györ, Ungarn, an der Europameisterschaft den vierten Platz erreichen. Obwohl er es schade findet, nur knapp am Podest vorbeigeschlittert zu sein, betrachtet der Basler das Ganze nüchtern: «Wir können sehr zufrieden sein.»

Die Reise über den Grossen Teich

Doch gutes Abschneiden hin oder her. Reich wird man mit Ultimate Frisbee nicht. Die Reisekosten nach Györ mussten die Spieler gar selbst übernehmen. «Das ist es jedem Spieler wert», relativiert Miglioretto. Selbst in Nordamerika, wo der Sport überaus beliebt ist und zum Teil sogar vermarktet wird, können die Spieler nicht von ihren Löhnen leben.

Dennoch hat sich der 29-Jährige, der soeben das Lehramtsdiplom in Sport und Geografie erreicht hat, den Traum aller Frisbee-Spieler erfüllt – die Reise über den Grossen Teich. 2013 und 2017 durfte er jeweils bei Toronto GOAT und bei den Ottawa Outlaws spielen und im Ursprungsland der Sportart Erfahrungen sammeln.

Mittlerweile kennt Miglioretto seinen Sport in- und auswendig, auch wenn sich seit seiner Anfangszeit viel geändert hat. Um mit den Entwicklungen in Nordamerika mithalten zu können, nahmen die Vereine in Europa bald grosse Veränderungen vor. Es entstand eine Finalrunde mit den besten europäischen Mannschaften, die Nachwuchsarbeit nahm einen grösseren Stellenwert ein.

«Das hat auch sonst im Leben einen Mehrwert»

«Sportlehrer nehmen Frisbee mittlerweile in den Sportunterricht auf. Es wird oft an den Sporttagen gespielt», sagt Miglioretto. So kommen immer mehr in den Genuss der besonderen Sportart, die ganz ohne Schiedsrichter auskommt – die Überwachung des Spiels und das Ahnden von Regelverstössen liegt ganz in den Händen der Spieler.

Seinen Ehrgeiz lebt Miglioretto voll und ganz bei Freespeed Basel aus, hat mit dem Verein gerade den Schweizer-Meister-Titel verteidigt. Miglioretto hat viel erlebt, gesättigt ist er deswegen noch lange nicht. Die Liebe zum Sport und zum Spielgerät an sich bleibt ungebrochen.

Er schwärmt von der Herzlichkeit der Ultimate-Spieler: «Du kannst problemlos einem Verein in einem anderen Land schreiben und findest so garantiert eine Person, die dich bei sich aufnimmt. Egal, wo du hingehst, das ist extrem schön. Das hat auch sonst im Leben einen Mehrwert.»

«Spirit of the Game» in Gefahr?

Doch wie bei so vielen Sportarten verdrängt die Kommerzialisierung Bestehendes. Noch ist der sogenannte «Spirit of the Game», der zu fairem Spiel verpflichtet, nicht in Gefahr. In der nordamerikanischen Halb-Profi-Liga, in der Miglioretto einst spielte, werden allerdings bereits schon Schiedsrichter eingesetzt.

«Sobald es kommerzieller wird, wird der Ehrgeiz einen grösseren Platz einnehmen und die anderen Werte verdrängen», vermutet Miglioretto, der am Spiel ohne Schiedsrichter festhalten möchte. Verändern sollte sich laut ihm etwas ganz anderes: «Unsere Meisterschaft wird in Turnierform ausgetragen, ich würde aber gerne mehr ligamässige Spiele durchführen. Rein von der Atmosphäre her würde das den Sport bekannter machen.» Regelmässige Spiele, Jubel, viele Besucher. Da hätte sicher auch der altehrwürdige Landhof nichts dagegen.