Super League

Sportpsychologe Meyer ist der Seelen-Gärtner beim FCB

FCB-Sportpsychologe Alain Meyer sagt: «Was wir machen, ist wissenschaftlich gestützt, kein Hokuspokus.»

FCB-Sportpsychologe Alain Meyer sagt: «Was wir machen, ist wissenschaftlich gestützt, kein Hokuspokus.»

Eine Saison voller Hochs und Tiefs geht zu Ende. Höchste Zeit, mit Alain Meyer, Sportpsychologe beim FCB, zu sprechen. Dank Trainer Wicky gehört auch Meyer zur 1. Mannschaft des FC Basel.

Auf den Anruf von Christian Gross wartet Alain Meyer bis heute. Trotzdem hat er es unterdessen zum FC Basel geschafft, allerdings nicht als Fussballer, wie einst erträumt, sondern als Sportpsychologe. Bleiben wir vorerst bei Gross. Es ist das Jahr 2001 oder 2002, so genau weiss es Meyer nicht mehr.

Der FCB hat ihn, damals Goalie beim FC Winterthur in der Challenge League, für ein Probetraining eingeladen. Zwei Tage nimmt sich der Grossklub Zeit, um eine Nummer 2, einen Ersatz für Pascal Zuberbühler, zu finden.

«Als ich am ersten Tag kam, stand Gross da. Ich war so nervös, dass ich noch vor dem Training gefühlte fünf Mal auf die Toilette ging. Dann kam Zubi, nahm mich mit und wir trainierten zusammen. Es war ein super Training von mir», erinnert sich Meyer. Am zweiten Tag ist er wie ein umgekehrter Goalie-Handschuh. Meyer: «Ich fing kaum einen Ball.»

Wie ist das möglich? Warum hat er in diesem so entscheidenden Moment so versagt? Das sind die Fragen, die ihn umtreiben. Unterdessen hat er Antworten gefunden. Das zweite Training absolvierte er mit weiteren Konkurrenten, er setzte sich selbst unter Druck, Versagensängste kamen auf, «schlechte Bilder, falscher Fokus», sagt er.

Und so spielt er weiter in der 1. Liga und der Challenge League, bei Biel, Lyss und Winterthur. Parallel dazu lässt er sich in Olten und später in Berlin zum Sportpsychologen ausbilden. «Das Probetraining beim FCB war ein Schlüsselerlebnis, einer der Hauptgründe, dass ich mein Studium begann», sagt Meyer.

Dank Wicky bei der 1. Mannschaft

Dank Peter Knäbel, damals Technischer Direktor beim FCB, früher einst Teamkollege von Meyer beim FC Winterthur, kann er seine Bachelorarbeit beim FCB schreiben. Der Kontakt ist hergestellt. Als Meyer seine Fussball-Karriere 2010 beendet, will ihn der FCB als Goalietrainer verpflichten. Er willigt ein.

Aber nur unter der Bedingung, dass er auch als Mentaltrainer arbeiten kann. 10 bis 20 Prozent zu Beginn. Teamentwicklung in der U15. Als dann Raphael Wicky und Thomas Häberli 2013 als U18- respektive U21-Trainer zum FCB stossen, gewinnt seine Arbeit als Sportpsychologe immer mehr an Bedeutung bis er nur noch seiner Leidenschaft nachgeht. Heute hat er ein 80-Prozent-Mandat beim FCB, führt nebenbei eine Praxis in Biel, wo er mit anderen Sportlern, aber auch Führungsleuten aus der Wirtschaft arbeitet.

Alain Meyer war selbst Torhüter.

Alain Meyer war selbst Torhüter.

  

Seit Wicky im Sommer Trainer der ersten Mannschaft wurde, arbeitet Meyer auch dort. Wicky wollte, dass er regelmässig dabei ist, damit es normal sei, wenn er dabei ist und die Spieler sehen, dass ein sportpsychologisches Angebot greifbar ist. Berührungsängste abbauen bei denen, die Meyer noch nicht kennen.

Für die Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ist er längst ein alter Bekannter. Einer, mit dem man seine Sorgen teilen kann. Aber insbesondere einer, der versucht, mit ihnen herauszufinden, wie sie mit Druck, Stress, negativen Erlebnissen umgehen und so trotzdem Leistung bringen können. «Ich verstehe mich nicht als Feuerwehrmann, der kommt, wenn es brennt. Vielmehr sehe ich mich als Gärtner, der mit der Giesskanne positive Energie gibt», sagt Alain Meyer.

«Ich umarme keine Bäume»

In ein paar Jahren, ist Meyer überzeugt, werden Sportpsychologen so selbstverständlich zum Trainer-Staff eines Klubs gehören wie heute Goalie- und Stürmertrainer. Heute aber ist der FCB Vorreiter in der Super League. Zum Meistertitel oder zur Verteidigung des Cupsiegs hats trotzdem nicht gereicht.

«Ein Veränderungsprozess kann immer Unsicherheit mit sich bringen», sagt Meyer. Er will das explizit nicht als Kritik an der Transferpolitik verstanden wissen. «Das zu beurteilen masse ich mir nicht an. Ich weiss nur, dass wir im Team viele Persönlichkeiten haben, die sehr stabil sind.»

Etwa mit der Hälfte der Mannschaft ist Meyer regelmässig in Kontakt. Mit manchen spricht er alle zwei, drei Wochen. Mit anderen zwei, drei Mal im Jahr. Dann kommt schon vor, dass sie ihn mal mit grossen Augen anschauen, wenn er von Selbstgesprächen erzählt, von Ängsten, die man als kleines Monster anschauen solle.

Aber wenigstens die Jungen haben erfahren, dass sie diese Arbeit, dieses Training für den Kopf weiterbringt. Und Meyer sagt: «Ich bin keiner, der Bäume umarmen geht mit den Spielern oder sie übers Feuer laufen lässt. Was wir machen, ist wissenschaftlich gestützt, kein Hokuspokus.»

Beim letzten Saisonspiel gegen Luzern wird Meyer auf der Tribüne sitzen, wie eigentlich bei allen Heimspielen. Dann achtet er auf Körpersprache, Fehlertoleranz, Spiel unter Druck und solche Dinge. Auch dank dieser mentalen Arbeit will der FCB nächste Saison wieder ganz oben stehen. Denn in den Bereich Taktik, Technik und Physis ist vieles schon fast bis zum Maximum ausgereizt. Im Kopf dagegen gibt es Potenzial.

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