In seiner Sportart ist er der Beste in der ganzen Schweiz. Trotzdem kennen ihn nur wenige. Vor 14 Jahren hat sich Lionel Weber aus Reinach fürs Tischtennis entschieden – und wurde schnell erfolgreich. Insgesamt sieben Mal wurde er Schweizer Meister, drei Mal im Einzel, vier Mal im Doppel. Er vertrat die Schweiz an sieben Welt- und sechs Europameisterschaften.

Doch trotz seiner Erfolge ist Lionel Weber, der für den TTC Rio-Star Muttenz spielt, in der Schweiz ein weitgehend unbekannter Sportler. «Dafür, dass Tischtennis zu den Olympischen Sportarten gehört, ist die Beachtung relativ gering», sagt er. Ihn stört das aber nicht weiter. «Ich persönlich brauche das nicht. Für den Sport im Allgemeinen wäre es aber sicherlich gut, wenn er mehr Anklang finden würde.» Ein, zwei Mal wurde er auf der Strasse erkannt. Aber das sei eher die Ausnahme. «Das finde ich auch gut. Fussballer werden alle zehn Meter erkannt. Das würde mir nicht gefallen.»

Chinesischer Volkssport

Anders sieht es da in Deutschland oder Asien aus. Dort geniesst Tischtennis einen weitaus höheren Stellenwert als hierzulande. «Deutschland hat einige Spieler, wie Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov (beide ehemals Weltnummer 1, d. Red.), die zur absoluten Weltspitze gehören», erklärt Lionel Weber. «Da ist es selbstverständlich, dass der Sport mehr beachtet wird. Und in China ist Tischtennis Volkssport. Das sind ganz andere Dimensionen.» Das spiegelt sich in der Weltrangliste wider. Von den ersten 100 Plätzen werden 50 von Asiaten belegt. Deutschland stellt fünf Spieler und ist das am besten vertretene europäische Land. Das Schweizer Kreuz sucht man in den Top 100 vergebens. Lionel Weber belegt als bester Schweizer aktuell Rang 148. Von der Elite ist er noch ein Stück entfernt, was mitunter daran liegt, dass Lionel Weber viel Wert auf andere Aktivitäten legt. «Wenn ich unbedingt zum Vollprofi werden wollte, ginge das wahrscheinlich schon. Aber ich habe keine Lust darauf, sieben Stunden am Tag in der Halle zu stehen. Ich will auch noch Zeit haben für meine Freunde und andere Sachen.»

Momentan trainiert Lionel Weber vier Mal die Woche. Dazu kommen Krafttraining und Matches. Neben dem Tischtennis studiert er Sozialwissenschaft an der Universität Bern. «Der Sport ist dabei ein schöner Nebenverdienst. Aber davon leben könnte ich nicht. Ich wohne auch noch bei meinen Eltern», sagt er.

Lionel Weber betreibt auch andere Sportarten. «Aber nur harmlose Sachen», wie er sagt. Ab und zu geht er joggen. Im Winter macht er Langlauf. Sachen wie Fussball oder Skifahren liegen nicht drin. Die Verletzungsgefahr ist zu hoch. «Es wäre mir schon erlaubt, Ski fahren zu gehen, aber es wäre unvernünftig von mir. Der Klub zählt auf mich. Das ist mein Job. Ich bin nicht bereit, dieses Risiko einzugehen.»

Der untypische Student

Auch in anderen Bereichen verzichtet er – freiwillig. Weber trinkt keinen Alkohol. «Das hängt aber nicht unmittelbar mit dem Sport zusammen», relativiert er. «Alkohol schmeckt mir gar nicht. Ich habe schon mal probiert, aber angetrunken war ich nie. Ich finde, es bringt mir nichts. Es reizt mich auch nicht, weil es Sachen mit einem macht, die ich nicht will.» Als 22-Jähriger, der komplett auf Alkohol verzichtet, gehört Lionel Weber damit eher einer Minderheit an. Auch sonst entspricht er nicht dem Klischee eines durchschnittlichen Studenten. «Ich bin kein Typ, der gerne in die Disco geht. Ich unternehme lieber was mit Freunden», verrät er.

Die grosse Chance in Montreux

Lionel Weber ist keiner, der dauernd im Mittelpunkt stehen muss. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Auch als er auf das kommende Turnier vom Wochenende angesprochen wird. Beim «Europe Top 16» in Montreux duellieren sich Europas Top Shots der Szene – und Lionel Weber. Er hat als Schweizer eine Wildcard erhalten. In der ersten Runde wird er gegen einen der Top 8 spielen. Dann könnte er auf Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov treffen. Trotz der vermeintlichen Übermacht glaubt der Schweizer an seine Chance: «Natürlich bin ich da Aussenseiter. Aber ich bin nicht als Tourist da. Wenn ich spiele, dann will ich gewinnen. Vielleicht fallen ein paar glückliche Ballwechsel auf meine Seite. Dann wird der Gegner nervös und ich kriege meine Chance.»

Solche Turniere sind für Lionel Weber Gold wert. Es sind Gelegenheiten, sich mit den Besten der Welt zu messen. In der Schweiz fehlen diese Gelegenheiten für gewöhnlich. Hier sind ein paar wenige auf seinem Niveau, die meisten aber darunter. Am «Europe Top 16» kann Lionel Weber wertvolle Erfahrungen im Hinblick auf sein grosses Ziel sammeln: die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio 2020. Das geht entweder über das Weltranking oder über ein Qualifikationsturnier. «Es wird auf jeden Fall ziemlich schwierig. Es braucht einen Exploit», sagt Lionel Weber. Eines ist sicher: Sollte er es schaffen, wird er in der Schweiz nicht mehr ganz so unbekannt sein.