Es ist ein surreales Bild. Ein Deutscher hält in einem Restaurant in Shanghai sein rundliches Gesicht in die Kamera und spricht – nein eigentlich schreit er – in astreinem Chinesisch. Die Untertitel verraten, mit wem Youtuber Thomas da heute zu Mittag isst: Es sind Radrennprofi Marcel Kittel und seine Freundin Tess von Piekartz, die ihren Urlaub in China verbringen. 225 000 Personen haben das Video bisher angeschaut. Die meisten Klicks kommen aus Europa, denn in Asien dominieren andere Videoplattformen.

Hier gehts zum Video:

Diese Geschichte ist eine von vielen, welche die blonde Holländerin in den letzten sechs Monaten erlebt hat. Vor genau einem Jahr hat sich die damalige Capitaine von Sm’Aesch Pfeffingen im Alter von nur 25 Jahren entschieden, ihre Profikarriere zu beenden. «Ich habe Volleyball geliebt und liebe es immer noch. Aber ich wollte einfach mal etwas anderes machen», begründet Tess von Piekartz ihren Entscheid. Von klein auf war ihr Leben durch den Sport durchgeplant. Nach fünf Jahren als Profivolleyballerin in Deutschland und zwei Jahren in der Schweiz hörte sie nach der Vizemeisterschaft 2018 auf und zog an den Bodensee zu ihrem Freund.

China, Japan, USA. Dazu noch einige Länder in Europa. Tess von Piekartz war 2018 viel unterwegs. Langeweile geht sie aus dem Weg, in dem sie sich täglich kleine Ziele setzt. So half sie beispielsweise ihrem Vater beim Erstellen von Powerpointpräsentationen. «Er braucht Stunden, für mich ist das ein Kinderspiel.» Sie bildet sich in Bereichen weiter, wo sie später einmal arbeiten möchte. Denn sie weiss: «Irgendwann geht das Geld aus. Dann brauche ich wieder einen Job.» Deswegen liest sie viel. Vor allem wissenschaftliche Texte über Coaching, Ernährung und Krafttraining. Tess von Piekartz hat HR-Management studiert und hat verschiedene Zukunftspläne im Kopf, als Ende Dezember plötzlich das Telefon klingelt.

Andreas Vollmer reaktiviert seine Passeuse

Andreas Vollmer, Headcoach bei Sm’Aesch, ist am anderen Ende der Leitung. Tess von Piekartz denkt erst, dass ihr Ex-Trainer nur wissen will, wie es ihr geht. Doch dann erzählt er von den Problemen bei Sm’Aesch. Weil Taylor Tashima verletzt ist, steht bis auf weiteres nur noch eine Zuspielerin zur Verfügung. Der Trainer selber muss im Training als Passeur aushelfen und schmiedet deshalb den Rückholplan. Andreas Vollmer weiss: «Tess ist bei uns beliebt und bekannt und könnte unser Defizit mit ihrer positiven Einstellung und Erfahrung beheben.» Nach einigen Tagen Bedenkzeit sagt Tess von Piekartz zu und steht am 2. Januar in der Löhrenackerhalle in Aesch auf der Matte.

Mit ihrer stets fröhlichen Art erinnert Tess von Piekartz an die Hauptperson im Film «Die fabelhafte Welt der Amélie». Wie Amélie Poulin hat auch die Holländerin viel Freude an den kleinen Dingen im Leben und setzt sich für ihre Mitmenschen ein. So macht sie ihren Mitspielerinnen von Beginn an klar, dass sie hier nicht als Konkurrenz, sondern allein als Unterstützung für die Mannschaft da ist. Das kommt gut an. Vor dem ersten Spiel hat Tess von Piekartz Gänsehaut. Die Fans freuen sich, dass ihr Liebling zumindest für ein paar Spiele wieder zurück ist und empfangen sie mit einem besonders grossen Applaus.

Bald ist von Piekartz wieder weg

Ihr Vertrag läuft eigentlich nur einen Monat. Am kommenden Wochenende wird die Zuspielerin noch in Liga und Cup für Sm’Aesch spielen, voraussichtlich auch in der Woche darauf in Lugano. Doch dann ist das Kurzcomeback schon wieder vorbei. Taylor Tashima trainiert seit dieser Woche wieder mit der Mannschaft. Sollte es keinen unerwarteten Rückfall geben, wird sie in den nächsten Matches auch wieder spielen. Weil sich der Verein nicht zwei Profi-Zuspielerinnen leisten kann, wird Tess von Piekartz dann ins zweite Glied rücken und sich Gedanken über ihre Zukunft machen.

Eine Karriere als Beachvolleyballerin, ein Job als Trainerin oder Beraterin oder doch wieder Hallenvolleyball? Noch hat sich die 26-Jährige nicht festgelegt. In der fabelhaften Welt der Tess von Piekatz stehen viele Türen offen. Fest steht nur, dass die Holländerin Ende April gerne zurück nach Aesch kommen würde: «Sollten wir Meister werden, bekomme auch ich eine Goldmedaille. Das ist abgemacht», erklärt sie und verabschiedet sich mit einem Lächeln.