FC Basel

Ursachenforschung beim FC Basel: Fehlende und falsche Puzzleteilchen

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Das 1:2 des FCB gegen St. Gallen zeigt grundlegende Probleme auf, weckt Erinnerungen – und macht die Trainer-Debatte noch brisanter.

Zumindest sind sie sich einig. Die Luca Zuffis und Valentin Stockers. Es liege im Moment an Details, sagt der eine. Es seien nur Kleinigkeiten, meint der andere. Wären diese Petitessen nicht, so ihre Wahrnehmung, hätte der FCB weder zwei Mal ein Spitzenspiel nacheinander verloren. Und dann müssten sie jetzt auch nicht die Mini-Krise erklären. Nun ist es schön, dass die Spieler des FC Basel nach einem Auftritt, der nicht eben aus einem Guss war, immerhin in der Analyse in die gleiche Richtung gehen. Aber: Es sind keine Kleinigkeiten. Wäre der FCB ein Puzzle, würden ihm aktuell nicht einzelne Teilchen fehlen, die im Gesamtbild kaum auffallen. Sondern vielmehr so viele, dass die daraus resultierenden grossen Lücken das Bild nur schwer erahnen liessen.

Blödheiten und fehlende Breite

Fangen wir vorne an: Dem FCB fehlt eine potente Offensivkraft. Denn das – zumindest in der jetzigen Verfassung – ist Kemal Ademi nicht. Seit seinem letzten Tor Anfang November agiert er wie ein Fremdkörper. Ademi wirkt isoliert, bleibt ungesehen. Manche munkeln, das sei auch davor schon so gewesen. Nur: Da traf er immerhin das Tor. Alternativen hat der FCB momentan nicht, weil Arthur Cabral noch nicht ganz fit und ein Einsatz von Ricky van Wolfswinkel noch zu riskant ist. Es gäbe noch die Möglichkeit, auf die Jugend zu setzen. Aber dazu später mehr.

Möglichkeiten fehlen momentan auch in der Defensive. Aber nur, weil sich der FCB in einer Regelmässigkeit selber straft. Zählt man den defensiven Mittelfeldakteur Taulant Xhaka dazu, fehlten in den letzten beiden Partien drei Defensivspieler wegen Unsportlichkeiten. Der FCB schwächt sich dort selber, wo er in der Hinrunde so unheimlich stabil war. Die Sicherheit in der Abwehr übertrug sich in der Hinrunde auf die ganze Mannschaft. Das heisst im Umkehrschluss aber auch: Wackelt die Defensive, wackelt die Mannschaft. An dieser Stelle wäre es an Spielern wie Luca Zuffi, Fabian Frei oder Valentin Stocker, ihre Erfahrung zu nutzen und für Ruhe zu sorgen. Blöd nur, wenn dann Figuren wie Stocker auf der Tribüne sitzen – wegen, ach ja, eben nicht behaltener Ruhe. Gerade gegen St. Gallen war es frappierend, wie wenig von den Führungsspielern Zuffi oder Frei kam.

Stehen solche Akteure nicht auf dem Platz, wäre es schön, sie einwechseln zu können. Man denke da an einen Miralem Sulejmani oder einen Guillaume Hoarau, die bei YB von der Bank kommend ihrer Mannschaft im Spitzenkampf einen weiteren Schub verliehen. Ein Luxusgut, das der FC Basel früherer Jahre auch hatte. Heute heissen die Basler Ersatzspieler Afimico Pululu, Tician Tushi und Julian Von Moss und sind eher Mittelklasse- statt Luxusgüter. Die Bank des FCB löst längst keine Angst mehr aus, ein Gamechanger sucht sich vergebens. Gegen YB hiess die grösste Waffe Noah Okafor. Der trägt mittlerweile rotweiss und wohnt in Salzburg. Er sah keine Chance, in Basel den nächsten Schritt zu machen.

Gärtchendenken und gestörtes Gleichgewicht

Ein doppelt schockierender Fakt. Denn: Einerseits ist das Kader des FCB weder austariert noch breit. Es ist dünn. Viel zu dünn, insbesondere für einen Verein, der gar nicht mehr so leise davon träumt, zeitnah wieder Meister zu werden. Ein dünnes Kader böte Chancen für junge Spieler. Aber, und das ist der andere Punkt: Die gibt es beim FCB kaum. Konzept hin oder her. Die aufstrebendsten Talente fliehen lieber nach Österreich, um sich entwickeln zu können.
Ein dünnes Kader alleine ist schon ein Problem. Wenn es dann noch eines ist, in dem die Beteiligten mit sich selber beschäftig sind, wird es gefährlich. Marcel Koller warnte am Sonntag davor, dass sich jetzt nicht alle um ihre eigenes Gärtchen kümmern dürften und dass diese Gefahr bestehe. Erschreckende Worte, die an die Zeit vor zwei Jahren erinnert. Damals eruierte Renato Steffen genau diese Ich-Bezogenheit aller Beteiligten als eines der grossen Probleme eines krankenden Kollektivs. Wenig später war er weg.

Es ist nicht nur diese Episode, die an das Frühjahr 2018 erinnert. Da sind ebenfalls die zwei Punkte Rückstand, die Basel vor Rückrundenstart auf Bern hatte – und die damals ganz schnell anwuchsen. Zwei Niederlagen in drei Spielen sorgten dafür – eine davon zu Hause gegen St. Gallen.
Auch damals wollte der FCB keine Ausreden vorschieben, suchte aber nach Erklärungen, die bei genauem Hinhören wie ebensolche klangen. Waren es damals die insgesamt zwölf Wechsel in der Winterpause, sind es dieses Mal die fünf Gesperrten in zwei Spielen. Durchaus schwerwiegende Änderungen und Abwesenheiten, aber: alle selbst verschuldet.

Diese Sperren und dass sich deren Klärung (im Fall von Stocker) so lange hingezogen haben, sind Nebengeräusche, die das Gleichgewicht beim FCB zu stören scheinen. In der Vorbereitung, aber auch im laufenden Ligabetrieb. Energien gehen verloren, die bei einem so schwierigen Rückrundenauftakt nicht abdingbar sind. Wenn dann noch ehemalige Nachwuchschefs nach Indien abdelegiert werden und Verwaltungsräte sich zu allem Unverständnis öffentlich in einer Talkshow über den Trainer auslassen, zeichnet dies ein unschönes Bild. Es gibt aktuell zu viele Störfeuer.

Eigenmotivation und späte Einsicht

Dass sich der Trainer an dieser öffentlichen Kritik stört, ist absolut verständlich. Es scheint, als wären der Diffamierungen im Sommer nicht schon genug gewesen. Aber, und das muss ihm auch klar sein: Seine Person wirft Fragen auf. Dringende. Brisante. Sein Vertrag – ein lukrativer –läuft im Sommer aus. Gespräche laufen, ein Entscheid soll erst nach ein paar Spielen in dieser Rückrunde gefällt werden, wie Präsident Bernhard Burgener unlängst erklärte. Waren in der Hinrunde noch Siege in fast allen wichtigen Spielen auf der Habenseite, stehen dort jetzt zwei Pleiten aus zwei Spielen. Damals sprach der Trainer von einer Eigenmotivation, die das Team aufbringe und implizierte damit ungewollt, dass nicht er für die Coups verantwortlich ist. Nun stehen zwei Pleiten in zwei Spitzenspielen und insgesamt fünf Niederlagen in den letzten neun Pflichtspielen zu Buche. Zuletzt zwei Mal auf bedenkenswerte Art und Weise. Frei von Feuer, frei von Idee.

Vor zwei Jahren war die Ausgangslage ähnlich. Vor allem auch dahingehend, dass eine erfolgreiche europäische Kampagne Vieles vergessen liess. Wäre diese damals nicht gewesen, hätte der damalige Sportchef Marco Streller seinem Instinkt schon früher getraut und die Trennung von Trainer Raphael Wicky vollzogen. Stattdessen ging die Zusammenarbeit über den Sommer hinaus. Ein Schritt, den der FCB bereute. Und einer, der auch in der aktuellen Konstellation falsch erscheint. Eine Vertragsverlängerung macht keinen Sinn. Denn Marcel Koller scheint alles in allem nicht derjenige zu sein, der das lückenhafte FCB-Puzzle wieder zusammensetzen kann.

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