Handball

Vollprofis in schweren Zeiten: Das neue RTV-Hoffnungsduo im Portrait

Artur Karvatski (l.) und Aliaksei Khadkevich (r.) wollen durch ihre Leaderqualitäten den RTV Basel besser machen.

Artur Karvatski (l.) und Aliaksei Khadkevich (r.) wollen durch ihre Leaderqualitäten den RTV Basel besser machen.

Aliaksei Khadkevich und Artur Karvatski sollen den RTV Basel verstärken. Die Situation im Heimatland Weissrussland beschäftigt sie.

Als Aliaksei Khadkevich vor einigen Tagen ins Morgentraining des RTV Basel kam, war er überrascht. Nur vier weitere Spieler begleiteten ihn. Die anderen sind bei der Arbeit. Der 26-Jährige muss neben dem Sport keinem gewöhnlichen Beruf nachgehen. Er gehört zu den wenigen Vollprofis des Basler Handballvereins. So lastet auf ihm gehörig viel Gewicht. Doch Khadkevich denkt nicht, dass es ihn erdrücken wird. Die Rolle des Verantwortungsträgers war gar ein Grund für seinen Wechsel vom rumänischen Erstligisten HC Vaslui ans Rheinknie. «Ich mag es, eine Mannschaft anzuführen», sagt der Weissrusse selbstbewusst. Sein Blick ist konzentriert, sein Verhalten besonnen und seriös. Als wolle er seinen Worten noch etwas mehr Nachdruck verleihen.

Neben ihm sitzt im Eingangsbereich der Rankhofhalle der zweite RTV-Import aus Weissrussland: Artur Karvatski. Er ist der Spassmacher von den beiden, zeigt sich unbeschwert. Sein Ausdruck immer nahe am Schalkhaften. Der 24-Jährige spielte in der vergangenen Saison noch für Olympiakos SFP. Der Unterschied vom griechischen Spitzenklub zum RTV ist beträchtlich. Letzterer war ihm vor seinem Wechsel noch gar nicht geläufig. «Ich kannte nur den FCB aus der Champions League», sagt er und lacht.

Karvatski, der Draufgänger, und Khadkevich, der Seriöse. Mit dieser Einstellung haben es die beiden Nationalspieler auch schon an Europameisterschaften für Weissrussland geschafft. Sie waren begeistert von den intensiven Partien vor vollen Rängen, vom Schaulaufen im Rampenlicht. Sie waren derart absorbiert, dass sie nach den Europameisterschaften eine Pause brauchten. «Allen, die mit mir über Handball reden wollten, sagte ich schlicht: Geh raus», sagt Khadkevich lachend.

Die Neuzugänge sind schon im ersten Spiel gefordert

Nun eint das weissrussische Duo, das bereits in Minsk zusammen spielte, ein neues Ziel, wenngleich auf einer deutlich kleineren Bühne: Sie wollen den RTV Basel verstärken. Die Klub-Verantwortlichen erhoffen sich von ihren Transfers so einiges. Karvatski soll das Offensivspiel mit seiner Torgefährlichkeit anreichern, Khadkevich als zentraler Aufbauspieler die Fäden ziehen. «Mit ihrer professionellen Einstellung helfen sie uns», ist Meinrad Stöcklin, Mediensprecher des RTV Basel, überzeugt. «Zudem unterstützen sie sich gegenseitig bei der Integration.»

Im Idealfall zeigen die beiden Neulinge bereits in der anstehenden Saison, die am Mittwoch mit einem Auswärtsspiel in Endingen beginnt, die erhoffte Wirkung. Ein Sieg gegen den direkten Abstiegskonkurrenten ist Pflicht, um nicht bereits früh einen Dämpfer einstecken zu müssen.

Handball lenkt sie von den heimischen Unruhen ab

Doch die Mission des RTV ist länger ausgerichtet. Bis 2029 will er zu den besten Vereinen der Schweiz gehören. Das haben auch die Weissrussen mitgekriegt. «Der RTV ist ein ambitionierter Verein mit einer überzeugenden Perspektive», sagt Khadkevich. Sein Kollege mag hingegen noch nicht neun Jahre in die Zukunft blicken. «Die Coronapandemie zeigt, wie wenig planbar ein Vorhaben ist», sagt Karvatski und klatscht in die Hände. Ein kurzer, kaum für möglich gehaltener Moment reicht, um einen langfristigen Plan zur Makulatur verkommen zu lassen.

Während Khadkevich und Karvatski in Basel an der kurzfristigen Mission Klassenerhalt feilen, geht es in ihrem Heimatland um ganze andere, fundamentalere Ziele: Demokratie, Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Beantwortet werden die Forderungen mit staatlicher Gewalt, willkürlichen Verhaftungen und Repression. «Leute von hier können sich gar nicht vorstellen, was in diesen Tagen in Weissrussland abgeht», sagt Khadkevich. Sie sind in Sorge, die Lage sei schlimm, besonders unmittelbar nach den umstrittenen Wahlen. Doch ändern liesse sich aus der Schweiz nichts. Beeinflussbar ist lediglich ihre persönliche Reaktion auf die heimischen Geschehnisse. «Was bringt es mir, wenn ich nun depressiv werde?», fragt Karvatski und gibt sich die Antwort gleich selbst: «Nichts.» Da ist sie wieder, die Unbeschwertheit und der Frohmut. Denn Khadkevich pflichtet bei: «Unser Fokus liegt bei unserer Aufgabe hier beim RTV.» Da die Unbeschwertheit, dort die Seriosität. Im Gespräch harmonieren die beiden Landeskollegen schon. Schlägt sich das auf das Spielfeld um, hat auch der RTV Basel einen Nutzen davon.

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