Kann das wirklich gut gehen mit den beiden, fragte sich die Fussball-Schweiz, als Renato Steffen letzten Winter zum FC Basel wechselte, ins Lager seines vermeintlichen Erzfeindes Taulant Xhaka? Knappe vier Monate vorher, YB hatte eben mit 4:3 gegen Basel gewonnen, da kassierte Steffen von Xhaka eine Watsche.

Young Boys - Basel inklusive Taulant Xhakas Ohrfeige an Steffen (ab 9:30)

Taulant Xhakas Ohrfeige an Steffen ab 9:30

Er soll den Basler «Bulldog» verbal provoziert haben. Rot für Xhaka – und das nach Spielschluss. Zudem drei Spiele Sperre für den FCB-Abräumer. Natürlich versuchten sie danach, den Zwischenfall kleinzureden. Lippenbekenntnisse, dachte man.

Heute sind Steffen und Xhaka unzertrennlich, teilen sich im Trainingslager in Marbella gar das Hotelzimmer. Wie um alles in der Welt ist es denn dazu gekommen? «Das erste Mal haben wir uns vor dem Gericht getroffen, als es um die Strafe für Tauli ging», erinnert sich Steffen. Sie hätten schon da ganz normal miteinander reden können. Mit dem nötigen Abstand. Wie das halt so ist bei Rivalen.

Marbella InTeam: Im Zimmer von Renato Steffen und Taulant Xhaka

Im Zimmer von Renato Steffen und Taulant Xhaka

Beim Zusammenzug der Nationalmannschaft wenig später habe er sich auch mit Granit, dem jüngeren Bruder von Taulant, unterhalten. Und dann der Wechsel im Winter. «Es war schon ein mulmiges Gefühl damals, ich wusste ja nicht, wie mich das Team aufnimmt», gesteht Steffen. Er suchte sofort das Gespräch mit Taulant. Kurz darauf schon scherzten sie über den handgreiflichen Zwischenfall, lachten zusammen. «Eigentlich sind wir mega ähnlich, haben den gleichen Humor», findet Steffen heute.

«Man muss sich im Griff haben»

Das Zimmer teilte er damals noch mit dem Schweden Alexander Fransson, Xhaka mit Breel Embolo. Doch sie sahen sich immer öfter auch ausserhalb des Fussball-Betriebs. Ein Jahr ist vergangen, aus Rivalen sind Freunde geworden.

Handgreiflich werden sie höchstens noch beim Playstationspielen. «Ich lasse ihn zwischendurch gewinnen, sonst spielt er nicht mehr mit mir», scherzt Steffen. Taulant sei nicht schlecht, aber seine Form schwanke von Tag zu Tag. Steffen: «Wenn er gut drauf ist, gewinnt er auch mal. Aber das muss ich mir dann eine Woche lang anhören.»

Wer ist der beste FIFA 17-Spieler beim FC Basel? Renato Steffen, Taulant Xhaka, Jean-Paul Boëtius und Manuel Akanji zeigen ihr Können an der Xbox One.

Wer ist der beste FIFA 17-Spieler beim FC Basel? Renato Steffen, Taulant Xhaka, Jean-Paul Boëtius und Manuel Akanji zeigen ihr Können an der Xbox One.

Es tönt fast wie in einer Hollywood-Schnulze. Kein Zoff wegen Unordnung oder Geschnarche? Steffen: «Vielleicht ist es auf seiner Seite manchmal ein bisschen chaotischer, aber ich sage immer, solange er sich wohl fühlt und seine Kleider nicht auf meinem Bett liegen, ist das kein Problem.» Und zum Schnarchen meint er: «Ich glaube, wir schnarchen beide nicht. Auf jeden Fall hat er mir noch nie einen Ellenbogen verpasst.» Er lacht, wie so oft, wenn er über Xhaka spricht.

Auch dank ihm, seinem Freund, fühlt sich Steffen heute so richtig wohl in Basel. Trainer Urs Fischer setzt auf ihn. Er hat seine ersten Erfahrungen in der Champions League gesammelt.
Dabei war er vor fünf Jahren noch Amateur, arbeitete als Maler und spielte in der 1. Liga beim FC Solothurn.

Im Sommer 2012 der Wechsel zu Thun. Ein Jahr später zu YB. In Thun pfiffen sie ihn aus, nachdem er – noch unter Vertrag im Berner Oberland – mit dem YB-Trikot posierte. «Das hat geschmerzt», sagt er heute. Und es hat ihn abgehärtet. «Es gibt nicht mehr viele Stadien, wo ich nicht ausgepfiffen werde», sagt er – mit einem Lachen auf den Lippen.

Sie sind Motivation geworden für ihn, diese Pfiffe. So ist er. Selbstbewusst. Frech. «Ich glaube, mich hat man lieber im eigenen Team als gegen sich», sagt er. Und da ist es wieder, dieses schelmische Lachen.

Steffen ist ein Schlitzohr, ohne böse zu sein. Seine Art provoziert, obwohl er das nie wollte. Gegnerische Fans gleichermassen wie Spieler. Intuitiv scheint er auf dem Platz die Worte zu finden, die sie in Rage versetzen. «Trash-Talk gibt es in einem Spiel 100-mal. Es kommt darauf an, dass man sich im Griff hat», sagt er.

Steffen ist ein Meister dieser Disziplin. Taulant Xhaka kann davon ein Liedchen singen. Einen Grund, diesbezüglich etwas an sich zu ändern, hat Steffen nicht. Der Erfolg gibt ihm recht. Trotzdem vergisst er seine Wurzeln nicht. Die Finanz-Probleme des FC Thun, dem Klub, der ihm die Chance gab, seinen Traum vom Profi-Fussball zu verwirklichen, gehen ihm nah. Er sagt: «Ich überlege, ob und wie man helfen kann. Klar ist, dass keine Reglemente verletzt werden dürfen.» Auch das ist Steffen.