Vom FCB zu Chennai

Warum Jan Muzangu von Basel nach Indien ging und was diese spezielle Erfahrung mit ihm macht

Jan Muzangu entwischt in dieser Aktion gleich zwei Gegenspielern.

Jan Muzangu entwischt in dieser Aktion gleich zwei Gegenspielern.

Seit Januar spielt Jan Muzangu nicht mehr für die U21, sondern für den FCB-Partnerklub Chennai City. Dieser Karriereschritt soll den Basler sportlich und menschlich weiterbringen. Doch ganz so einfach ist das Abenteuer für den 19-Jährigen nicht.

Jan Muzangu kann die Tränen nicht mehr unterdrücken. Sie kullern, während er oberkörperfrei von seinen Mitspielern umringt in der Jubeltraube steht. In der 93. Minute hat der 19-jährige Basler Chennai City mit seinem ersten Tor in Indien zum 2:1-Sieg gegen die Churchill Brothers geschossen. Vor lauter Emotionen fliegt erst das Trikot, dann fliessen die Tränen. «In diesem Moment habe ich an alle gedacht, die ich so sehr vermisse und losgelassen habe», erklärt Muzangu am Telefon.

Das Tor im Video:

Über seine Jugendvereine Black Stars, FCB und Concordia Basel war Jan Muzangu in der U18 wieder zum FCB gestossen. Dort spielt er unter Alex Frei, «dem besten Trainer, den ich je hatte», regelmässig auf der Zehn. Einen Stufe höher in der U21 sitzt er in dieser Saison dann aber nur noch draussen. Muzangu will weg. Rapperswil wäre im Winter eine Option gewesen, doch dann kam der Anruf von Massimo Ceccaroni und der Vorschlag, für drei Monate beim FCB-Partnerklub Chennai City zu unterschreiben. Dort endet die Saison Anfang April.

Jan Muzangu hält zunächst nicht viel von dem Plan. Einen Berater hat er absichtlich nicht. Alles Wichtige bespricht er mit seinem «engsten Umfeld». Dazu gehören seine Freundin Milana, seine Mama Verica und seine Schwiegermutter Andelka. Sie alle sind serbischer Abstammung, Muzangu ist ohne seinen aus dem Kongo stammenden Vater aufgewachsen. Im Gespräch mit seinen Liebsten reift die Entscheidung, dass ihm diese Erfahrung im Ausland gut tun könnte. «Das Getrenntsein wird schwierig sein. Aber du kommst als reiferer Mann und besserer Fussballer zurück. Das wird gut für die Beziehung und für den Sport sein», sagt Milana und so kommt es, dass der Offensivspieler am 8. Januar, sechs Tage nach dem Telefonat mit Ceccaroni, ins Flugzeug nach Indien steigt. Muzangu ist gewillt, seinen «Horizont zu erweitern», wie er immer wieder betont. Und wenn er das so sagt, tönt das für einen 19-Jährigen überdurchschnittlich erwachsen.

Muzangu verdient mehr, doch das sei zweitrangig

Im Gespräch mit Chennai-Präsident Rohit Ramesh lässt sich Jan Muzangu definitiv überzeugen. Auch weil ihm – solange er fit ist – ein Stammplatz garantiert wird. Dass Muzangu in Indien mehr verdient als in Basel, soll nicht ausschlaggebend gewesen sein. «Geld ist zweitrangig. Wichtig ist, dass ich spiele und weiterkomme, als Mensch und als Fussballer. Wenn du gut bist, kommt Geld irgendwann von alleine» sagt er.

Jan Muzangu ist nach seinem Tor im Zentrum der Jubeltraube.

Jan Muzangu ist nach seinem Tor im Zentrum der Jubeltraube.

Jan Muzangu bezieht, wie auch die anderen Ausländer von Chennai City, ein Zimmer in einem Hotel in Coimbatore, wo Chennai City 500 Kilometer von der Heimatstadt entfernt seine Heimspiele austrägt. «Das spielerische Niveau ist insgesamt mit der Promotion League oder der Challenge League vergleichbar», sagt Muzangu. Beim ersten Training staunen die Inder, als der Basler ein paar Tricks vorführt. «Ich bin ein Strassenfussballer mit Spass und Charisma. Mein Ziel ist es, dass die Leute mir gerne zuschauen», sagt er. In Indien fällt es dem Basler weniger schwer, die 3000 bis 5000 Zuschauer an den Heimspielen zu begeistern. «Die Fans feiern auch, wenn wir 0:5 hintenliegen, als hätten wir 8:0 gewonnen», sagt er und lacht.

Auch andere Dinge sorgen dafür, dass der Schweizer in Indien einen «Kulturschock» erleidet. Die Luft ist das eine: «Hier ist es stickig, warm und manchmal stinkt es.» Der Verkehr ist das andere: «Egal, wo du hin willst, es dauert immer viel länger als gedacht. Da läufst du lieber.» Als wolle Indien diese Aussage bestätigen, ist im Hintergrund genau jetzt lautes Gehupe zu hören. Muzangu lacht. «Hören Sie das? So ist das immer.» Der Basler hat gemerkt, dass die Uhren in Indien langsamer ticken. «Für die Verlängerung meines Visums hätte der FCB zwei Tage gebraucht. Hier dauerte es eine Woche», sagt er und fügt an: «Die Inder sind, um es in meinen Worten zu sagen, doch ein bisschen zu chillig.»

Schlimmer als der Kulturschock ist aber das Heimweh. Jan Muzangu hat viel Zeit zum Nachdenken. Er betet, meditiert und liest. «In der Schweiz habe ich nie ein Buch gelesen. Jetzt habe ich innert zwei Tagen die dreihundertseitige Biografie von Memphis Depay verschlungen», erzählt er und lacht. Immer wieder spielt Muzangu mit dem Gedanken, das Projekt abzubrechen. «Ich wollte schon so oft heim, aber ich weiss, dass es mich menschlich weiterbringt, wenn ich bis zum Schluss durchziehe. Ich weine oft, weil ich merke, was dieses Alleinsein mit mir macht. Ich muss diese inneren Dämonen besiegen», sagt er mit gebrochener Stimme. «Sehen Sie, es reicht, wenn ich darüber rede und ich bin schon wieder den Tränen nah.»

Die kurzfristige Bekanntheit soll sich langfristig lohnen

Jan Muzangu zählt die Tage bis zu seiner Rückkehr in die Schweiz. Mama Verica hat ihn bereits in Indien besucht. Freundin Milana kommt mit ihrer Mutter in den Fasnachtsferien. Das hilft der Seele. Der sportlichen Zukunft helfen Tore, denn Muzangu macht sich selbst am meisten Druck: «Ich weiss, dass ich hier etwas zeigen muss.» Im April ist er vertragslos und offen für neue Aufgaben. «An alle Vereine: Ich bin da und parat», so die offensive Botschaft von Muzangu. Er gibt zu, dass er den Schritt nach Indien auch gewagt hat, weil er ihm mediale Aufmerksamkeit bringt. Zusammen mit weiteren Toren wie jenes gegen die Churchill Brothers könnte dieser Karriereplan aufgehen.

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