Basler Fussball-Projekt

Warum kenianische Kinder in Trikots des FC Pratteln kicken

Die Young Black Stars in ihren Trikots vom FC Pratteln.

Die Young Black Stars in ihren Trikots vom FC Pratteln.

Der Basler Fussballtrainer Lucas Flury schenkt Kindern mit einem Projekt in Kenia seit 2017 Hoffnung. Dies ist seine Geschichte.

Ein heisser Nachmittag im März 2017 in der südkenianischen Stadt Malindi: Lucas Flury aus Basel will die Heimat seiner Verlobten kennenlernen, ist erstmals mit ihr in Kenia. Vom Balkon aus beobachten die beiden eine Gruppe Jugendlicher beim Fussballspielen auf einer staubigen Wiese.

Wobei Fussball eigentlich nicht die richtige Bezeichnung ist – bräuchte es dazu doch einen Ball. «Die Kinder kickten mit einem runden, stoffartigen Etwas. Ich hatte ein paar Fussbälle im Gepäck, die ich sowieso verschenken wollte. Neugierig schnappte ich mir die Bälle und ein paar Trikots und gesellte mich zu ihnen», erinnert sich Flury, der in Basel nebenberuflich Fussballtrainer ist.

Und ehe sich der 36-Jährige versieht, leitet er, der von G-Junioren bis Aktivteams bei Frauen und Männern schon alles trainiert hat, plötzlich sein erstes Training in Afrika. Es ist der Beginn einer besonderen Geschichte.

Flurys erstes Training in Afrika - der Beginn einer besonderen Geschichte.

Flurys erstes Training in Afrika - der Beginn einer besonderen Geschichte.

«Die Kinder wohnten in Lehmhütten ohne Strom und waren total abgemagert. Sie hatten kaputte Schuhe, zerrissene Kleider und besassen nicht einmal einen Ball. Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen», sagt Flury. Er beschliesst, sich zu engagieren. «Reich war ich noch nie. Also wusste ich, dass ich den Kindern anders helfen muss», sagt der Pflegeassistent.

Schnell kommt ihm eine Idee: Flury will das Netzwerk nutzen, welches er sich durch seine Trainerlaufbahn aufgebaut hat und beschliesst, einen Verein zu gründen, den er von der Schweiz aus leiten will. Der «FC Young Black Stars» ist geboren.

Das Engagement in Kenia ist für den Basler eine Herzenssache.

Das Engagement in Kenia ist für den Basler eine Herzenssache.

«Den Namen haben sich die Kinder übrigens selbst ausgesucht. Ich mag ihn nicht sonderlich», erzählt Flury lachend. Eines der ersten Trikots, die er in Kenia verschenkte, war sein altes vom FC Black Stars. Daraufhin beschlossen die Kids, sich ebenfalls so zu nennen.

Eine ganze Fussball-Region zeigt sich solidarisch

Zurück in der Schweiz beginnt Flury, nach Unterstützern für sein Projekt zu suchen und stösst damit auf offene Ohren. Den Anfang macht die Fussballschule Aesch, die Trikots und Hosen spendet. Schnell folgen erste Vereine: Von Münchenstein bis Bubendorf zieht die Fussball-Region an einem Strang und spendet Kleider, Bälle und Fussballschuhe.

Der FC Young Black Stars in Aktion.

Eines Tages wird Flury vom Präsident des FC Pratteln kontaktiert. Die Pratteler rüsten auf neue Trikots um und stellen dem FC Young Black Stars gleich kistenweise nicht mehr benötigtes Material zur Verfügung. «Ich bin immer noch total dankbar, wenn ich an diesen Tag zurückdenke», sagt Flury und ergänzt: «Wir haben nun dank des FC Pratteln für die nächsten fünf Jahre genügend Material, das ist ein absoluter Traum.»

Den Kindern hat Flury mittlerweile genau beigebracht, woher ihre neuen Trikots kommen: «Ich zelebriere dort Basel und den Fussball in der Region. Die kenianischen Spieler kennen alle den FC Basel», sagt er stolz. Inzwischen hat der FCB sogar selbst mitgeholfen und Flury ein Trikot zur Versteigerung überlassen.

Doch mit Trikots und Bällen allein ist Flurys Arbeit in Kenia noch lange nicht getan. Dem ostafrikanischen Staat geht es schlecht, der Tourismus ist seit Jahren rückläufig. Nun kommt auch noch die Corona-Pandemie dazu. Die Perspektiven sind düster. Entsprechend will er über den Fussball zumindest für ein wenig Hoffnung sorgen.

Das kostet den Basler einiges: «Wenn ich so überlege, wie viel ich eigentlich opfere für dieses Projekt, dann ist das fast zu viel. Aber jedes Mal, wenn ich in Kenia bin und mit den Kindern Fussball spiele oder auf Videos sehe, wie glücklich sie sind, dann ist es jeden Rappen und jede Minute wert.» Konkret braucht der Verein pro Jahr rund 8000 Franken. Einen Mammutanteil davon zahlt Flury aus dem eigenen Sack, der Rest kommt von Spendern.

Für sieben Franken essen sechzig Junioren

Nebst Ausgaben für Platzmiete, Spielerpässe oder den Versand von Spendengütern nach Malindi ist auch ein fixer Betrag für Nahrungsmittelausgaben eingeplant. Denn auch neben dem Platz soll den Junioren geholfen werden. «Pro Tag haben wir ein Budget von 7 Franken. Das reicht um unseren 50 bis 60 Junioren zumindest eine Mahlzeit am Tag zu sichern. Denn Zuhause bekommen sie leider oft nichts.»

Koordiniert wird das Ganze von David Odhiambo. Er war schon an jenem Nachmittag im März 2017 mit dabei, heute ist er nicht nur ein enger Freund Flurys, sondern auch Trainer der Young Black Stars. Er kauft täglich vor dem Training mit den Kindern auf dem Markt ein, anschliessend wird gemeinsam gekocht.

Lucas Flury und David Odhiambo.

Lucas Flury und David Odhiambo.

Meist gibt es Ugali – eine lokale Maisbrei-Spezialität – mit Gemüse oder Fisch. «Dass die Spieler auch neben dem Platz eine Struktur haben, ist enorm wichtig. Mittlerweile sind wir zu einer waschechten Familie geworden», sagt Flury.

Einkaufen & Kochen mit "Coach David" und den Junioren.

Dabei kann er nicht nur auf die Unterstützung von «Coach David» vor Ort zählen. In der Schweiz steht ihm seine Verlobte Jaqueline Hess Karisa als Vizepräsidentin zur Seite. Sie sagt: «Ich bin enorm stolz auf Lucas, dass er dieses Projekt aufgegleist hat. Dass wir nun zusammen mit Hilfe aus der Region so viel bewegen können für die Kinder, rührt mich immer wieder.»

Lucas Flury mit seiner Verlobten und Vizepräsidentin Jaqueline Hess Karisa.

Lucas Flury mit seiner Verlobten und Vizepräsidentin Jaqueline Hess Karisa.

Das Projekt ist innert drei Jahren bereits beachtlich angewachsen. Mittlerweile haben die Young Black Stars drei Juniorenteams sowie eine Aktivmannschaft. Insgesamt zählt der Verein rund 150 Mitglieder. Täglich wollen neue hinzukommen. Vor einigen Wochen meldete sich sogar der U20-Nationaltrainer Kenias bei Flury. Er wurde auf einen Spieler aufmerksam und möchte ihn in die Hauptstadt holen.

Doch ausschliesslich positiv ist die Resonanz des Projekts nicht. «David erzählt mir zum Beispiel oft wütend von Schiedsrichtern, die absichtlich gegen uns pfeifen. Da ist dann oft Neid im Spiel. Aber man kann es leider nie allen recht machen», sagt Flury.

Für ihn überwiegt dennoch klar das Positive. «Fussball gibt den Kindern Hoffnung. Und das ist enorm viel wert.» Ohnehin lässt er sich von solchem Gegenwind nicht von seinem Ziel abbringen: «Ich möchte den Kindern in Malindi ermöglichen, sorgenfrei Sport zu treiben. Denn das sollte jedes Kind in der heutigen Welt tun dürfen. Dafür werde ich bis an mein Lebensende kämpfen.»

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