Acht bis zehn Stunden pro Woche sitzt Rares Jurca im Zug. Wie 3,9 Millionen andere Menschen in der Schweiz pendelt er zur Arbeit. Schaffhausen–Basel retour – vier- bis fünfmal die Woche. Nur geht er dann nicht ins Büro, sondern in die Rankhof-Halle. Denn Jurca ist nicht Sachbearbeiter oder Kundenmanager, sondern Handballer beim RTV Basel.

Und nachdem die Basler letzte Saison aus der Nationalliga A abgestiegen sind, gibt es diese Saison nur ein Ziel: den direkten Wiederaufstieg. Läuft alles nach Plan, treffen die Basler in den Aufstiegsspielen ab dem 12. Mai auf Baden. Auf denselben Gegner, gegen den sie schon letzten Samstag spielten und ihn mit 40:28 bezwangen. Jurca: «Wir haben schon mal versucht, ihnen eine kleine Lektion zu erteilen.»

Jurca bekam das Talent in die Wiege gelegt. Sein Vater war Handballer, seine Mutter Basketballerin. Beide spielten in der Nationalmannschaft. Und so reiste Rares schon als kleiner Knirps mit dem Vater ins Trainingslager. «Ich war sieben Jahre alt, als ich richtig mit dem Handball anfing. Zu Beginn spielten wir noch auf Kies», erinnert sich der 1,94-Meter-Hüne.

Das war in Cluj, wo er aufwuchs. Doch der Sport eröffnete Jurca neue Möglichkeiten. «Ich konnte nicht nur mein Hobby zum Beruf machen, sondern ich habe meinen Kopf aus Rumänien rausgekriegt», sagt er. Nicht überall auf der Welt sei das Leben einfach, fügt er an. Schon im zarten Alter von 17 Jahren wechselt er zu Magdeburg in die deutsche Bundesliga, der Traum jedes Handballers.

Zwei Kreuzbandrisse werfen ihn zurück und so wechselt er zurück in die Heimat, ehe er vier Jahre später zu RK Zagreb geht. Nach nur einer Saison zieht er weiter, kommt im Sommer 2008 zu den Kadetten Schaffhausen.

Dort spielt er – mit zwei Jahren Unterbruch, während derer er bei Göppingen und damit erneut in der Bundesliga spielt – bis zu seinem Wechsel nach Basel vor zweieinhalb Jahren. Der Transfer war ein Coup für den RTV. Jurca kam als 130-facher rumänischer Nationalspieler, Führungsfigur und eiskalter Skorer zu einem abstiegsgefährdeten Verein.

Lektion fürs Leben

Als er kam, wusste er nicht, wie lange er bleibt. Auch deshalb entschloss er sich, zu pendeln. Denn in Schaffhausen haben er und seine Frau Jasmin ein Haus gebaut. Knapp eine Minute brauchte er von dort in die BBC Arena, wo die Kadetten ihre Heimspiele bestreiten.

Jetzt braucht er etwas mehr als eine Stunde, um mit dem Zug nach Basel zu kommen – und er pendelt noch immer, auch zweieinhalb Jahre nach seinem Wechsel. In der Zwischenzeit sind Svea (26 Monate) und Suna (14 Monate) auf die Welt gekommen. «Bei uns zu Hause ist Jasmin die Chefin. Sie hat auch die Namen ausgesucht, die sind übrigens skandinavisch – nicht rumänisch», sagt Jurca und lacht.

Ende April wird Jurca 35-jährig. Da ist die Frage zwangsläufig: Wie lange wollen Sie noch weitermachen? «Ich komme aus Transsilvanien und bin ein Vampir. Deshalb habe ich sicher noch 50 Jahre Handball vor mir», scherzt Jurca. Denn tatsächlich ist die Karriere nach dem Handball längst ein Thema.

Vor etwas mehr als drei Jahren hat er mit der Handball-Trainerausbildung angefangen. Wenn alles nach Plan läuft, hat er im Sommer die B-Lizenz. Und schon jetzt arbeitet er in Schaffhausen als Personaltrainer. «Ich habe in Rumänien Sport studiert, in Deutschland noch weitere Kurse gemacht und versuche nun, für diese Diplome auch in der Schweiz eine Anerkennung zu bekommen», erzählt er.

Am Morgen arbeitet er also mit Privat- oder Firmenkunden an den Hanteln, den Seilen oder an der frischen Luft. «Ich muss mich nicht zwingen, in den Kraftraum zu gehen. Mein ganzes Leben habe ich zweimal pro Tag trainiert. In Basel aber haben wir keinen Vollprofi-Betrieb», sagt Jurca. Erst am Abend reist er nach Basel, um mit dem Team in der Halle zu trainieren.

Im Zug liest oder arbeitet er. Und wenn ihn jemand fragt, ob der Platz neben ihm noch frei sei, antwortet er in fast perfektem Deutsch. In knapp über vier Monaten hat er die Sprache gelernt, als er mit 17 Jahren nach Deutschland ging.

«Steffen Stiebler war damals Captain, heute ist er Sportchef. Er hat mir gesagt, ich solle einfach sprechen, sie würden mich verbessern. Keiner hat Sprüche gemacht und ich habe sehr schnell gelernt», sagt Jurca. Eine Lektion fürs Leben: einfach probieren, ohne falsche Hemmungen.