Leichtathletik

Weit und breit kein Nachfolger von Mister Sperrwurf in Sicht

Tritt auf dem Höhepunkt ab: Nicola Müller muss seine Karriere wegen gesundheitlichen Problemen vorzeitig beenden.

Tritt auf dem Höhepunkt ab: Nicola Müller muss seine Karriere wegen gesundheitlichen Problemen vorzeitig beenden.

Speerwerfer Nicola Müller spricht nach seinem Rücktritt über seine Karriere. Über den Wurf seines Lebens und der unerfüllte Traum der Olympia-Teilnahme.

Dieses Kribbeln. Immer und immer wieder. Nicola Müller wollte, nein musste es nochmals wissen. Zum Anfang des Jahres machte sich der 35-Jährige auf zum letzten Teil seiner Laufbahn – mit dem Ziel des neuerlichen Gewinnes des Schweizer-Meister-Titels. Nach dem Sieg 2002 sollte sich ein Jahrzehnt später der Kreis schliessen.

Und das tat er auch. Nur zwei Monate später zollte der Riehener dem hohen und vor allem intensiven Trainingspensum Tribut. Rechtes Knie verletzt, Karriereende. Bis zum Sommer 2013 wollte der Leichtathletik noch weitermachen. Jetzt ist schon früher Schluss. Es ist doch letztlich das schönste auf dem Höhepunkt aufzuhören, sagt er gelassen. In acht Punkten blickt Müller auf seine Karriere zurück. Erzählt über Höhen und Tiefen, Anfänge, und seine Bestweite – die er nach 2002 nie mehr erreichen konnte.

Das erste Mal:

«Daran kann ich mich noch erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Es geschah 1992, und ich war damals 15. In einem Trainingslager mit dem TV Riehen kam ich zum ersten Mal mit dem Speer in Kontakt. Ich nahm ihn in die Hand, warf und er flog kreuz und quer durch die Gegend. ‹Das war das erste und letzte Mal›, sagte ich mir. Ein Jahr später habe ich einen neuen Anlauf gewagt und auf Anhieb die nötige Limite erreicht, ohne überhaupt eine Ahnung von der Technik zu haben. Letztlich war es Liebe auf den zweiten Blick.»

Der Tag, an dem der Anruf kam:

Ich wollte ja eigentlich noch bis 2013 weitermachen. Danach wäre ohnehin Schluss gewesen. Nach meiner Verletzung am Knie rief mich mein Arzt drei Wochen nach der Diagnose an und fragte mich: ‹Was sind deine Ziele, was willst du noch erreichen?› Als ich ihm von meinen Plänen erzählt hatte, riet er mir aus gesundheitlichen Gründen von meinem Vorhaben ab. Danach war klar, es ist vorbei, es geht nicht mehr. Daran muss ich erst noch gewöhnen, aber es geht gut. Vor allem wenn man weiss, dass man alle seine Ziele erreichen konnte.

Die Höhepunkte:

«Ganz klar die Jahre 2002 und 2012, wo ich jeweils Schweizer Meister wurde. Der erste Erfolg kam aus dem Nichts, niemand hatte mich auf der Rechnung – dann lief alles perfekt. In diesem Jahr war die Ausgangslage anders. Bereits im Vorfeld habe ich die Schweizer Meisterschaft als absolutes Saisonziel ausgerufen, entsprechend hoch waren die Erwartungen vom Umfeld und auch an mich selber. Umso schöner, dass ich mir diesen Traum nochmals erfüllen konnte. Rückblickend ist es schwer zu sagen, welcher Titel schöner ist. Beide waren anders, geschahen unter anderen Vorzeichen und Ausgangslagen. Für mich sind beide gleichgesetzt.

Die magischen 73,52 Meter:

Mein persönlicher Bestwert, der mir bereits an den Schweizer Meisterschaften 2002 gelang. Erstaunlich, dass ich trotz intensiverem Training nie mehr an diese Weite herankam. Auch 2012 nicht, wo ich mein ganzes Betreuerteam neu strukturiert habe. Die meisten sagen, dass eine solche Umstellung erst drei bis vier Jahre im Nachhinein Früchte trägt. Wahrscheinlich hätte ich mein Trainingsplan bereits früher umstellen sollen. Dafür kam ich in diesem Jahr stets auf konstante Weiten im 70er-Bereich. 2002 waren die 73,52 ein Exploit, und somit ein Einzelfall.

Das Schicksalsjahr 2011:

Definitiv das prägendste Jahr in meinem Sportlerleben. Nach 18 Jahren unter meinem damaligen Trainer Dieter Dunkel brauchte ich eine Veränderung. Dringend. Meine Leistung stagnierte, die Fortschritte blieben trotz dem immensen Trainingsaufwand aus. Also verliess ich mein altbekanntes Umfeld in suchte nach einer neuen Herausforderung. Auch heute gibt es noch Leute, die mir diesen Entscheid Übel nehmen. Dank dem Schweizer Speerwurf-Nationaltrainer Terry McHugh, Kugel-Ikone Ursi Jehle-Stäheli, Jean-Pierre Egger (Ex-Trainer von Werner Günthör) und vor allem auch Wolfgang Kötteritzsch fand ich neue Impulse und Motivation für den Schlussspurt in meiner Sportler-Karriere.

Der Traum von Olympia:

Bei diesem Thema muss ich mir eingestehen, dass die nötigen Limiten für mich schlicht und einfach nie erreichbar waren. Für London hätte man mit 79,5 Metern gerade mal die B-Limite erreicht – ich wurde 2012 mit 69,66 Metern Schweizer Meister. Für unsere Verhältnisse sind das natürlich utopische Werte.

Wer tritt in die Fussstapfen?

Auch ich bin gespannt, wie es mit der regionalen Speerwurf-Szene weitergeht. Konkret ist mir kein Talent aufgefallen. In den Leichtathletik-Vereinen geniessen wir leider immer noch ein Schattendasein, der Schwerpunkt liegt bei den Sprint-Disziplinen. Folglich fehlt dem Sport für junge Athleten der Glamour-Faktor und die Identifikationsfiguren. Für mich ist aber klar, dass ich mich für meinen Sport einsetzen werde. Wann das am Ende sein wird, lasse ich offen.

Die persönliche Zukunft: Lustig war, dass ich nach Bekanntgabe meines Rücktritts unzählige Angebote aus Sportlerkreisen erhielt. Als Trainer, Funktionär, Botschafter und so weiter. Aktuell bin ich noch als Produkte-Entwickler tätig, wieder zu 100 Prozent – während der Wettkampfzeit waren es 80 Prozent. In ferner Zukunft wäre ich einem Engagement im Sportbereich nicht abgeneigt. Schliesslich soll man ja nie vergessen, wo man herkommt. Aber entschieden ist noch nichts, da lasse ich mir Zeit. Davon habe ich ja jetzt genug. (lacht)

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