Fast drei Wochen ist es her, da erlebt die elfjährige Nora Haag die schönsten Momente in ihrem Leben. Damals steht sie auf dem Siegerpodest ganz zuoberst und lässt sich an der Schweizer Meisterschaft im Karate zwei Goldmedaillen umhängen. Und kurz danach flüstert sie ihrer Mutter zu: «Das waren gerade die schönsten zwei Momente in meinem Leben.»

Nun sitzt die Siebtklässlerin in der Mensa des De-Wette-Schulhauses in Basel und erzählt während des Mittagessen von den vergangenen Schweizer Meisterschaften. Und davon, dass auch der Schulleiter ihr eben noch zum Doppelerfolg gratuliert habe.

Ihre Titel Nummer 2 und 3 an die grosse Glocke hängen, das tut sie selber nicht. «Ein paar Freundinnen habe ich es per Whatsapp mitgeteilt und einige Gratulationen direkt nach der Siegerehrung erhalten, mehr war da aber nicht», sagt sie. Ansonsten hat ihr Erfolg keine grossen Wellen geschlagen, und dies hat wohl auch damit zu tun, dass ihr Sport in der Schweiz nur wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Selbstsicherheit im Kopf

Nora macht Karate. Und sie tut dies äusserst erfolgreich. Vor der diesjährigen Schweizer Meisterschaft hat sie im vergangenen Jahr bereits eine goldene Auszeichnung in Kumite (Zweikampf) gewonnen. In Kata (Kampfkunst) blieb ihr im Vorjahr der Titel verwehrt. Dies holte sie nun nach.

Die unterschiedlichen Ausgangslagen vor den Finaldurchgängen beschreibt die Elfjährige folgendermassen: «In Kumite musste ich als Titelverteidigerin und Bestgesetzte einfach gewinnen. In Kata wollte ich zeigen, dass ich meine stärkste Konkurrentin besiegen kann.» Sie konnte, auch wenn es schliesslich gar nicht zum Direktduell kam. Und obwohl sich Nora über den Doppelerfolg «extrem» freute, hat sie die beiden Siege fast ein wenig erwartet. Genau diese Selbstsicherheit im Kopf ist es, welche das junge Karate-Talent auszeichnet und auch gegenüber Konkurrentinnen einen Vorteil verschafft.

Grössere Träume

Nora ist fokussiert, ehrgeizig und willensstark. Schon mit vier Jahren beobachtet sie ihren Bruder Jan im Dojo (Trainingshalle) vom Karatekai Basel in Allschwil. Sofort ist ihr klar, dass auch sie diesen Sport ausüben will. «Karate passt zu mir, weil ich auf den Punkt genau konzentriert sein kann. Das ist in Trainings und Wettkämpfen entscheidend», sagt Nora.

Und sie ist keine, die einfach nur dabei sein will. Sie will erfolgreich sein und möglichst viele Schwarze Gurte erreichen. Sie träumt nicht von Schweizer-Meister-Titeln, sie träumt von grösserem – beispielsweise von einer Teilnahme an Europameisterschaften. Und anschliessend womöglich von einer Medaille. So wie es einst ihrer Mutter Dunja im Team gelang, als diese Vize-Europameisterin in Kata wurde.

«Hier kommen nur Goldmedaillen hin»

Den Vorteil, eine Mutter zu haben, die sechsfache Schweizer Meisterin ist, nutzt Nora gerne aus. Im daheim eingerichteten Trainingsraum im Keller kann sie vor wichtigen Wettkämpfen mit ihrer Mutter zusätzlich trainieren. Und diese fördert, fordert und spornt an. Beispielsweise mit ihren sechs Goldmedaillen, die sie im Keller an die Wand genagelt hat mit der klaren Vorgabe: «Hier kommen nur Goldmedaillen hin.» Der 13-jährige Jan und die elfjährige Nora scheinen verstanden zu haben und erweiterten die Sammlung bereits um vier weitere goldige Auszeichnungen auf insgesamt zehn Medaillen.

Stehen bleiben will die nun schon dreifache Goldmedaillengewinnerin nicht. Auf die nächste Saison hin wechselt Nora in eine ältere Kategorie. Da zählt sie zum jüngeren Jahrgang. Trotzdem möchte sie ihre Schweizer-Meister-Titel verteidigen und sagt von sich aus: «Es ist keine Ausrede, dass ich nun nicht mehr zu den Ältesten gehöre.»

Mental stark 

Trainingsfleissig möchte sie bleiben, auch wenn die Einheiten im Karatekai Basel in Allschwil manchmal sehr anstrengend seien. Dafür ruft sie sich jeweils folgende Tugend in Erinnerung: «Nicht unser Körper bestimmt, wann es anstrengend wird, sondern unser Kopf.» Und mit ihrer vorzüglich mentalen Stärke lässt die Elfjährige diese Anstrengung oft vergessen.

Und auch wenn Nora noch Steigerungspotenzial hat in der Schnelligkeit und der Verfeinerung der Technik, dürfte der Rekord von sechs Goldmedaillen ihrer Mutter nicht lange halten. Denn wie die Elfjährige selber sagt: «Ich will mein Leben lang Karate machen – ohne Pause.»