«Ich muss den Sprung vor meinem inneren Auge sehen, sonst springe ich nicht», sagt der 39-jährige Andreas Marchetti, bevor er ein erstes Mal vom Boot an Land steigt, die ersten zwei Meter Fels hochklettert und dann auf dem Trampelpfad zur Absprungplatte 22 Meter über dem Wasserspiegel des Vierwaldstättersees geht. Oben angekommen, visualisiert er den Bewegungsablauf, spürt, wie der Puls hochgeht und das Adrenalin durch die Adern jagt. «Angst habe ich nie – Respekt schon», sagt der Allschwiler, der heute mit seiner Familie in Magden wohnt. Angst sei negativ, meint er. Angst sei positiv, sagt sein Trainer Peter Rüedi, der die Anlage mit den vier Absprungplatten vor 35 Jahren mit anderen Wasserspringern gebaut hat.

«Ich hatte schon immer ein Gefühl für das Springen», sagt Marchetti. Als Junge sei er in Basel von der Schwarzwaldbrücke gesprungen. Später habe er im Hallenbad Muttenz den Skiakrobaten zugesehen und dann versucht, deren Salti vom Dreimeter nachzuahmen.

Im Sommer 1995 habe er dann, als er Camping-Ferien im Tessin machte, ein Plakat der Cliffdiving-EM gesehen und sei in der Nähe von Ponte Brolla zuschauen gegangen. Danach sei der Fall für ihn klar gewesen. Um das Wasserspringen richtig zu lernen, ging er nach Oerlikon ins Training der Wasserspringer. Stürzte sich im Sommer vom Zehnmeter-Turm im Joggeli hinunter oder fuhr zu der Anlage am Urnersee.

Er sei Frühaufsteher, sagt Marchetti – und meint es auch so. Als er mit mir am Mittag in Richtung Luzern fährt, hat er bereits acht Stunden gearbeitet. Für ihn ist Klippenspringen die tollste Sportart überhaupt. «Das Gefühl während und nach dem Sprung ist wahnsinnig. An einen perfekten Sprung kann ich mich noch eine Woche später genau erinnern», sagt er. Nach den schnellen Salti direkt nach dem Absprung öffnet er und segelt gestreckt nach unten. «Dann steuere ich mit den ausgebreiteten Armen, beinahe wie ein Adler.»

Beim Eintauchen muss jede Faser des Körpers angespannt sein; die Füsse gestreckt, um eine möglichst kleine Angriffsfläche zu bieten; die Arme vor dem Körper. Die engen Badehosen sind plastifiziert, damit beim Aufprall kein Wasser durchdringen kann. Weite Shorts sind tabu. «Sie sind wie ein Fallschirm. In der Luft, aber vor allem unter Wasser», sagt Peter Rüedi, der allgemein vor der Nachahmung warnt. Von mehr als zwölf Metern zu springen, rät er keinem Ungeübten. «Das hier sind alles Profis. In der Luft braucht es die Erfahrung, um richtig reagieren zu können. Sonst kann es tödlich enden», warnt Rüedi.

Das Wasser hat 14 Grad an dieser Stelle des Sees. «Angenehm», wie die Springer meinen. Beim ersten Training im April waren es noch acht. Kaltes Wasser sei beim Aufprall härter, sagt Marchetti. Spannend auch: Bei einem Sprung aus 20 Metern taucht man weniger tief, als bei einem aus zehn Metern. Der starke Aufprall bremse extrem.

Die Belastung bei Sprüngen aus dieser Höhe ist so hoch, dass nicht mehr als zehn Sprünge am Tag möglich sind. «Früher, vom Zehnmeter im Schwimmbad, sprang ich bestimmt fünfzigmal», schätzt Marchetti.

Die Geburt seiner zwei Söhne habe nichts an der Einstellung zu seinem Sport geändert. Aber er könne nicht mehr so oft trainieren. Auch ein viermonatiges Show-Engagement auf Mallorca sagte er der Familie wegen ab. An den Europameisterschaften Ende Juli im Tessin will er aber mitspringen. Solange sein 66-jähriger Trainer noch ab und zu springe, sei er ja bestimmt nicht zu alt für den Sport.