Bob
Wie eine Flipperkugel durch die 14 Kurven des Olympia-Bobruns in St.Moritz

Bobclub-Präsident und Senioren-Schweizer-Meister Nikki Albrecht hat einen bz-Journalisten in seinem Viererbob Platz nehmen lassen. Ein ungepolsterter, 139-km/h-schneller Erlebnisbericht aus dem minusgradigen Engadin.

Patrick Pensa
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Wie eine Flipperkugel durch die 14 Kurven des Olympia-Bobruns in St.Moritz
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Die letzte Natureisbahn der Welt erwacht um 7 Uhr morgens.
Nikki Albrecht (links) und Hans Dürrenberger montieren die Kufen.
Bitte Platz nehmen. Bequem ist anders.
Patrick Pensa (links) springt nach dem Piloten als Zweiter in den Schlitten.
«Horse Shoe»: Das Fünffache des Gewichts wirkt auf die Passagiere.
Der letzte Mann reisst die Bremse, der Bob bremst von 139 km/h auf Schritttempo hinab. Nägelin
Pilot Nikki Albrecht auf der Ladefläche des Lastwagens zurück auf dem Weg zum Start.

Wie eine Flipperkugel durch die 14 Kurven des Olympia-Bobruns in St.Moritz

Nägelin

Engadinerhof, Pontresina. Mitglieder des Bob- und Skeletonclubs Baselland besetzen den Stammtisch direkt neben dem Pizzaiolo. Neben mir sitzt Skeleton-Schweizer-Meisterin Marina Gilardoni, gegenüber Viererbob-SM-Bronze-Gewinner Martin Galliker. Weiter links Nikki Albrecht, der Präsident des BCBL, der heute im elften und letzten Rennen des St. Moritz Grand Prix von Fabio Guadagnini noch auf den zweiten Rang verdrängt wurde. Albrecht wird morgen mein Pilot sein.

Blutergüsse und gequetschte Rippen

Die Anwesenden erzählen sich Räubergeschichten. Gequetschte Rippen, Nagelschuhe, die in Waden steckten, geprellte Oberarme. Zum Beweis zeigt mir Urs, der Freund von Marina, seinen rechten Arm. Ein riesiger Bluterguss. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Urs ist Skeletonanfänger und stellt sich jeder Bande des Bobruns mehr oder weniger persönlich vor. Trotzdem ist es nicht die Art von Gespräch, die einem am Vorabend der eigenen Eiskanal-Premiere Mut macht.

Trockentraining in der Lagerhalle

Um 21 Uhr sind alle Teilnehmer, die morgen das Gefühl einer Bobfahrt erleben wollen, eingetroffen. Da es bitterkalt ist, wird das Einsteigen in einer Lagerhalle in Pontresina geübt. Ohne Eis und ohne Vorwärtsbewegung ist das Prozedere nicht ganz ernst zu nehmen. Kommando, an Ort «täppele», rein springen, halten, der Bremser fädelt ein, «Gut!», fallen lassen. Der Vierer-Rennschlitten des Albrecht Racing Teams ist nicht gepolstert. Die schärfsten Kanten sind notdürftig mit Tape abgedeckt. Gewichtsreduzierung. 210 Kilogramm sind das Minimum. Dieser Bob bringt ohne Passagiere 212 Kilogramm auf die Waage. Nach einer Stunde Üben werden wir entlassen.

Morgenwache um 5.45 Uhr

In der letzten Woche der Natureisbahn-Saison beginnt der Betrieb wegen der frühlingshaften Temperaturen um 7.30 Uhr. Ein schlechter Scherz. Das Thermometer zeigt minus 18 Grad. Es scheint, als wäre in der eisigen Nacht alleine der Schneepflug nicht erfroren. Nachdem er vorüber geschabt ist, herrscht Totenstille.

Eiskanal von weitem zu erkennen

Fünf Minuten nach Abfahrt ist der Eiskanal von weit her sichtbar. Hell ausgeleuchtet schlängelt er sich durch den Wald den Hügel nach Celerina hinab. Helfer fräsen und wischen den Schnee aus der Bahn. Während sie sich dem Eis widmen, präparieren die Teams ihre Schlitten. Der Temperatur entsprechende Gummidämpfungen werden angebracht, Abstandshalterungen und schliesslich die langen gewölbten Kufen angeschraubt. Dies alles geschieht ohne Worte. Die Handgriffe der Routiniers sitzen, die Laien staunen.

Ein letzter Test

Bald ist auch der Speaker erwacht. Er ruft die Startliste aus. In der Nebensaison sind nur wenige Fahrer anwesend. Es bleibt nicht viel Zeit bis zum ersten Start. Um das Einsteigen mit richtiger Ausrüstung zu üben, schnüren wir die Nagelschuhe. Sofort dringt die Kälte bis zu den Zehen. Albrecht scherzt: «Das sind die am besten isolierten Schuhe. Ist die Kälte einmal drin, geht sie nie mehr raus.»

Es gilt ernst

Unser Schlitten wird aufgerufen. «Albrecht 4: Nikki Albrecht, Patrick Pensa, Luzi Nägelin und Roger Schaffner bitte an den Start.» Es gilt ernst, volle Konzentration auf den Start. Unser Pilot gibt das Kommando, wir rennen los. Die Schuhe halten gut auf dem Eis, trotzdem braucht es Überwindung aus dem Lauf auf die fussgrosse Fläche und dann in den Bob zu springen. In der Lagerhalle war das einiges einfacher.

Die zweite Kurve überrascht mich

Wir sitzen, unser Gefährt nimmt Fahrt auf. Die erste Kurve ist noch relativ harmlos. Langsam pfeift der Wind um den Helm. Die nächste Kurve habe ich nicht kommen sehen, Kopf und Schulter knallen an die Seitenwand des Schlittens. Erst jetzt merke ich, dass ich mich die ganze Zeit mit dem Einsteigen, nicht aber mit der Fahrt befasst habe. Im «Horse Shoe», der berüchtigten 180-Grad-Kurve, faltet es mich zusammen. Das Fünffache des Körpergewichts presst einen auf den Boden. Gegenhalten unmöglich.

Bin ich im Flipperkasten?

Atemberaubend schnell ist der Schlitten jetzt. Links, rechts, ich fühle mich wie eine Kugel im Flipperkasten. Dann auf einmal ein Ruck, Roger Schaffner hat die Bremse gezogen. Der Bob bremst von 139 km/h auf Schritttempo. Wir stehen im Ziel, das Adrenalin jagt durch den Körper. Aufstehen ist noch nicht möglich. Stattdessen grinsen Luzi, der zweite Gast, und ich uns an. Pilot und Bremser sind schon auf den Beinen. Noch etwas benommen, steige ich aus und bin froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Und dass sich die Nagelschuhe meines Hintermanns nicht in meine Waden gebohrt haben.

Abends kommen die Wehwehchen

Am liebsten würde ich gleich nochmals hinunterbrausen, aber jetzt sind die Taxifahrten an der Reihe, bei denen man im Bob Platz nimmt und dann angeschoben wird. Abends im Bett grinse ich noch immer, spüre aber meine Schultern. Jetzt kann auch ich Räubergeschichten erzählen.

Unser Schlitten erreichte eine Maximalgeschwindigkeit von 139,7 km/h. Wir wurden mit einer Zeit von 1:12.53 min gestoppt. Weitere Informationen finden Sie auf www.raceteam-albrecht.ch.