Wäre Ruedi Zbinden damals, im Februar 2002, nicht so unverfroren gewesen, Matías Delgado wäre nie beim FCB gelandet. Ja, er hätte Delgado vermutlich gar nie zu Gesicht bekommen, wenn er sich den Rat von Enzo Trossero und Nestór Clausen zu Herzen genommen hätte. Aber der Reihe nach: In jenem Februar 2002 trifft sich der FC-Basel-Chefscout Zbinden mit dem damaligen Trainer von Independiente Buenos Aires und seinem Assistenten zum Mittagessen. Trossero fragt: «Und, was wirst du dir heute für eine Partie anschauen?» Zbinden erzählt von seinen Plänen: Er schaue sich eine Halbzeit der Chacarita Juniors an und dann ein weiteres Spiel.

Trossero und Clausen trauen ihren Ohren kaum, was sie da hören. «Bist du wahnsinnig? Nie im Leben gehst du ein Spiel der Juniors schauen. Das ist zu gefährlich», sagt Trossero, der zu Beginn seiner Karriere auch den FC Sion für zwei Jahre trainierte. Zbinden hört nicht auf den Rat, geht zum Spiel, und dann geschieht es: Matías Delgado, der gerade 19-jährige Spielmacher der Chicarita Juniors, schlägt einen dieser Pässe. Zbinden erinnert sich an den Moment der Offenbarung: «Es war ein genialer Pass aus dem Nichts. Er schaute nach rechts, spielte dann aber einen Pass auf einen Stürmer in die Tiefe.» Einer dieser magischen Momente, ohne Ankündigung, völlig überraschend.

Bei Zbinden läuten die Alarmglocken. Zwar verlässt er die Partie wie geplant nach der ersten Halbzeit. Aber er sucht Delgado wieder auf, schaut sich ein zweites Spiel an. Danach weiss er: Delgado ist ein Rohdiamant, ein Juwel. Über einen Schweizer Bekannten stellt er Kontakt zu Juniors-Präsident Luis Barrionuevo her. Was Delgado kostet, will Zbinden wissen. «Unverkäuflich», kommts umgehend zurück. Keine Chance? Zbinden gibt sich nicht so schnell geschlagen. Über Monate bleibt er dran. Bis irgendwann ein Anruf des israelischen Spielerberaters Mayngarten kommt. Was er für Spieler suche, will er wissen. «Delgado würde ich nehmen», antwortet Zbinden.

Monatelange Verhandlungen

Und plötzlich öffnet sich ein Weg. Mayngarten kennt Eduardo Emilio Delgado, ehemaliger Fussballer, Vater und Berater von Matías Delgado. Vater Delgado realisiert sofort, was sich seinem Sohn da für eine Chance bietet. Europa, Zentrum des Weltfussballs – sportlich, finanziell und von der Bedeutung her. «Er hat Druck auf den Präsidenten gemacht», erzählt Zbinden. Die Verhandlungen beginnen, aber sie ziehen sich hin. Monatelang. Es ist Zbindens erster Transfer eines Argentiniers direkt aus Südamerika in die Schweiz.

Was er seither gelernt hat? Argentinische Klub-Präsidenten sind äusserst umgänglich, wenn man mit ihnen isst und trinkt. Sobald es aber um einen Spieler geht, sind sie knallhart. «Sie geben dir oftmals vor, sie hätten es nicht nötig, obwohl sie die Löhne teils kaum rechtzeitig bezahlen können», sagt Zbinden. Doch er ist immer über die finanzielle Lage der Klubs informiert. Ihm macht man so schnell nichts vor.

Schwierige Anfangsphase

Im Sommer 2003 klappts dann endlich. Delgado kommt in die Schweiz. Auch dank der zweiten Frau seines Vaters. Sie lebte lange in Deutschland, sprach Deutsch und vereinfachte so die Verhandlungen mit Basel. Bei Delgados Rückkehr nach Basel im Sommer 2013 spielte sie erneut eine wichtige Rolle, wie Zbinden betont.

Zurück zu seinem ersten Besuch in der Schweiz. 20 Jahre alt, Buenos Aires–Basel, eine neue Welt. Delgado tut sich schwer. «Wir hatten im ersten halben Jahr viele Gespräche mit ihm, schwierige Gespräche. Er hatte einen ganz schön sturen Kopf, wollte sein Spiel spielen», so Zbinden. Ihm gegenüber Christian Gross, das Schweizer Trainer-Schwergewicht, ebenfalls mit hartem Schädel. Zbinden dazwischen. Immer wieder. «Im Winter mussten wir mit Matí Klartext reden», erinnert sich Zbinden. Delgado spielte zu riskant, produzierte zu viele Fehlpässe. Gross machte ihm klar, dass er das verbessern muss. Und sein Defensivverhalten. Zwar sträubt sich etwas in Delgado, aber ab Frühling beginnt er die Ratschläge in die Tat umzusetzen.

Sonst wäre es wohl zum Bruch gekommen. Ein Bruch, den andere zu diesem Zeitpunkt längst prophezeiten. Zbinden erinnert sich an ein Gespräch mit Erich Vogel, nachdem Delgado wenige Monate in der Schweiz war: «Der schiesst nie ein Tor, sagte er zu mir. Anderthalb Jahre später war Matí zweitbester Torschütze der Super League.»

Immer wieder hatte Delgado im weiteren Verlauf seiner Karriere schwierige Zeiten, immer wieder rappelte er sich auf, blühte auf ein Neues. Delgado ist weg. Kein Fussball mehr. Die kommenden Tage werden nicht einfach sein für ihn. Doch irgendwann wird er wieder aufblühen. In neuer Rolle.