Skurril. Treffender ist kein anderes Wort, um die Siegesfeier des neuen und alten Schweizer Meisters im Tischtennis, dem TTC Wil, zu beschreiben. Mit 6:2 fertigen die Ostschweizer den TTC Rio-Star Muttenz im erstmals durchgeführten Superfinal ab. Kaum ist das Rennen um den Team-Titel entschieden, sammelt Teamchef Christian Hotz seine Spieler um sich und stimmt «Meister, Schweizer Meister» an. Arm in Arm hüpfen sie. Aber den drei Helden, den Männern, die den Wilern an diesem Samstagnachmittag in der Dreifach-Halle Breite in Schaffhausen den dritten Team-Titel in Serie gesichert haben, kommt kein Wort über die Lippen.

Szenekenner wundern sich nicht. Sie wissen, dass die Ostschweizer in diesem Final gegen die Muttenzer mit drei ausländischen Profis antraten. Der Brite Andrew Rushton, der Lette Matiss Burgiss und der Schwede Frederik sprechen kein Schweizerdeutsch. Sie flogen am Freitag in die Schweiz, sicherten den Wilern den Titel und reisten – mit Ausnahme des Letten – schon am Sonntag wieder zurück in ihre Heimat. So, dass gerade noch ein bisschen Zeit blieb, um mit den anderen Klubmitgliedern den Titel zu feiern.

«Ausländer erhöhen das Niveau»

Wir fragen bei Rio-Star-Spieler Cédric Tschanz (18) nach, dem einzigen der Finalisten, der in der Schweiz geboren wurde: Was halten Sie davon, dass beim Schweizer Meister kein einziger Schweizer spielt? «Das ist absolut korrekt so. In anderen Sportarten ist es ja nicht so viel anders. Schauen Sie nur im Fussball. Diese Spieler erhöhen das Niveau der Liga, und das ist gut für uns», sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Antwort ist nicht zurechtgelegt. Er meint, was er sagt.

Ähnlich tönt es bei Team-Senior Jiashun Hu (34). «Das ist ihr Spielsystem, ihre Strategie. Für junge Spieler wie Cédric gibt es kaum etwas Besseres, als gegen Spieler dieses Formats anzutreten.» Hu selbst kam einst als Söldner aus China in die Schweiz. Wobei er nicht einfach für die Spiele eingeflogen wurde, sondern ab 2002 als Spieler-Trainer für den TTC Rio-Star Muttenz fungierte. Als Leader führte er die Baselbieter zu elf Meistertiteln in Serie. Er ist längst eingebürgert, spricht besser Deutsch als manch ein Schweizer und arbeitet als Banker in Zürich für eine der grössten Banken Chinas.

Muttenzer suchen keine Ausrede

In seinen Partien hörte man ihn immer wieder ausrufen. Nachdem er seine erste Begegnung gegen Burgiss deutlich (0:3) verlor, haderte er zu Beginn seines Duells mit dem Schweden Frederik Möller hörbar mit den Bedingungen. «Ich sehe nur Licht», schrie er nach einem Eigenfehler. Da er den Ball beim Service sehr hoch aufwirft, störte er sich ob der grellen Beleuchtung, der Sonne, die durch die Storen schien. Nach geschlagener Schlacht meint er: «Ich hatte vor allem Mühe mit mir selbst. Seit ich Vollzeit arbeite, kann ich mich nicht mehr wirklich seriös auf die Spiele vorbereiten. Wenn es dann nicht läuft, muss ich irgendwie Dampf ablassen.»

Nein, Ausreden suchen die Muttenzer nicht. Oder um es in den Worten von Nachwuchs-Hoffnung Tschanz zu sagen: «Sie waren einfach besser, aggressiver, konstanter, haben weniger Fehler gemacht. Mit vier Siegen in Serie im Einzel haben sie uns arg unter Druck gesetzt. Dem hatten wir zu wenig entgegenzusetzen.»

So deutlich das Endverdikt mit 6:2 für die Ostschweizer ausfällt, ist das Duell aber nicht. Das findet auch der Wiler Teamchef Christian Hotz: «Es war ein knapper Final, viel hat nicht gefehlt, und es wäre gekippt.» Er lacht, freut sich über diesen dritten Team-Titel in Serie. Im Wissen, dass es in der kommenden Saison einiges schwerer sein dürfte, den Titel zu verteidigen. Wil wird kaum mehr Ausländer einfliegen. Matiss und Rushton hören auf, Möller wird bloss noch als Ersatzspieler zur Verfügung stehen.

Weber kehrt zu Rio-Star zurück

So wird rund ein Drittel des Budgets frei, das während der letzten drei Jahre dafür aufgewendet wurde, den Titel mithilfe ausländischer Verstärkung in die Ostschweiz zu holen. In Zukunft soll dieses Geld vor allem dem eigenen Nachwuchs zugutekommen. Denn die Mission «Muttenz vom Sockel stossen» ist längst erfüllt. «Rio-Star war elf Mal hintereinander Schweizer Meister. Es war richtig langweilig. Die Serie ist gebrochen, jetzt ist es Zeit für den Verein, eine neue Richtung einzuschlagen», sagt Hotz.

Gut möglich, dass Rio-Star also schon bald wieder ganz zuoberst steht. Zwar verstärken sich auch die Ostschweizer. «Wir werden auch nächstes Jahr ein starkes Team haben», sagt Hotz. Doch mit Nationalspieler Cédric Tschanz haben die Baselbieter das grösste Nachwuchstalent in ihren Reihen. Und mit Lionel Weber kehrt der derzeit beste Schweizer aus Frankreich zurück zu seinem Jugendverein nach Muttenz. Ausgebildet wurden sie beide wenigstens teilweise von Jiashun Hu, dem Mann, der das Schweizer Tischtennis über Jahre dominierte, ehe die beruflichen Ambitionen grösser wurden als die sportlichen.