Wie würden Sie einem Ahnungslosen YB erklären?

Fredy Bickel: YB ist der Schweizer Klub mit dem grössten Potenzial hinter dem FC Basel. Und YB ist der Klub, der sich als klare Nummer 2 etablieren soll und bereit sein muss zu reüssieren, sollte Basel schwächeln.

Dass der Klub 27 Jahre lang keinen Titel mehr gewonnen hat, verschweigen Sie.

Ich war ja nur von 1999 bis 2003 und jetzt seit knapp zwei Jahren bei YB. Deshalb kann ich nicht über die 27 Jahre reden. 1999 jedenfalls haben wir erfolgreich mit dem Wiederaufbau begonnen. Seit 2004 versucht sich der Klub zu festigen. Aber der Klub wird immer wieder in seiner Entwicklung gebremst, weil Unruhen aufkommen. Der FC Basel hingegen wurde von solchen Unruhen verschont.

Nicht ganz. Die Basler selbst sprechen von einer unruhigen letzten Saison, die in der Trennung von Trainer Murat Yakin gipfelte.

Schon. Aber Basel hatte Ruhe während der Aufbauphase. Das ist etwas, was wir seit eineinhalb Jahren versuchen hinzukriegen.

Trotzdem war YB in der Saison 2009/10 punkto Zuschauerzahlen, Vermarktung und in der Tabelle auf Augenhöhe mit Basel. Unterdessen sind die Basler aber entrückt.

Einerseits haben die Basler sehr gut gearbeitet. Andererseits haben sie dank den Champions-League-Einnahmen wirtschaftlich einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Bei YB ist gleichzeitig Unruhe aufgekommen, weil 2010 der Meistertitel trotz grossem Vorsprung in der Winterpause nicht gewonnen wurde.

Wann kann YB wieder so nahe an Basel herankommen wie 2010?

Auf die Gefahr, dass ich mich weit aus dem Fenster lehne: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir sehr weit vom FC Basel entfernt sind.

Wie bitte?

Wir haben in vielen Bereichen wie Nachwuchs, Marketing oder dem professionellen Umfeld der ersten Mannschaft bereits ein gutes Fundament gelegt. Ausserdem haben wir die Profiabteilung bereits stark bereinigt. YB ist aktuell der grösste Lieferant für die Schweizer U21-Auswahl. Wer die positive Entwicklung bei YB sehen will, erkennt diese auch.

Trotzdem ist YB weiterhin ein Synonym für Pleiten und Pannen, wie zuletzt die Cup-Blamage gegen Buochs gezeigt hat.

Wir alle schämen uns dafür. Dieser Rückschlag zeigt, dass wir noch nicht so stabil sind, wie wir glaubten.

Geht es den Spielern bei YB zu gut?

Ich werde häufig mit dem Begriff Wohlfühloase konfrontiert. In der Stadt Zürich hat man nach zwei Niederlagen eins auf den Deckel gekriegt. Der Berner hingegenspricht eher Mut zu und sagt: «Kopf hoch, es kommt schon wieder.» So gesehen gehts den Spielern gut. In Bezug auf Betreuung und Finanzen gilt dies nur bedingt. Jede Niederlage wirkt sich negativ auf die Lohnzahlung aus.

Man hört, Sieg- und Punkteprämien gibt es nur, wenn YB einen Ranglistenplatz einnimmt, der zur Teilnahme für den Europacup berechtigt?

Ja.

Aber richtig wirksam scheint die Massnahme nicht zu sein.

Wenn man das Cup-Out als Referenz nimmt, scheint das System fraglich. Aber trotzdem ist es der einzig richtige Weg: Die Spieler, der Staff sollen gut verdienen, wenn sie erfolgreich sind. Und sie sollen es spüren, wenn sie keinen Erfolg haben.

Nochmals: Stellen Sie Genügsamkeit bei YB fest?

Überhaupt nicht. Nach dem Cup-Out kam es zu bewegenden Szenen innerhalb des Teams.

Welche?

Es gab Spieler, die ihre Emotionen nicht mehr in den Griff bekommen haben.

Obwohl Sie YB näher an Basel dran sehen als auch schon, haben Sie von einer Übergangs-Saison gesprochen.

Mit Übergangs-Saison meine ich, die letzte Saison mit Platz 3 zu bestätigen. Ein anderes Ziel war mit dem Einzug
in die Europa-League-Gruppenphase definiert, was ebenfalls nicht für eine Übergangs-Saison spricht.

Ausserdem sagten Sie, dass Sie erst im kommenden Sommer, also zweieinhalb Jahre nach Ihrem Amtsantritt, das Kader bereinigen können.

Ich war die letzten eineinhalb Jahre nicht der untätige Fatalist. Aber grossen Handlungsspielraum haben wir tatsächlich erst im nächsten Sommer, wenn die Verträge von über zehn Spielern auslaufen.

Bei so viel auslaufenden Verträgen sind Unruhen programmiert.

Das kann man nicht ausschliessen. Deshalb ist es wichtig, bis Ende Jahr einige Weichen zu stellen. Eine offene Vertragssituation kann bei einzelnen Spielern auch leistungsfördernd sein.

Das bedeutet auch für Sie: Nächste Saison ist nur ein Titelgewinn gut.

Ich habe immer gesagt, dass ich bis Ende Saison 2015/2016 in Bern einen Titel gewinnen will. In der Meisterschaft führt das aber über den FC Basel. Also wird dies mit dem Meistertitel eher schwierig und gelingt nur, wenn Basel schwächeln sollte …

Basel hat auf diese Saison hin einen Umbruch vollzogen. Ob die Voraussetzungen, Basel herauszufordern, nächste Saison besser sind, ist mehr als fraglich.

Der FC Basel steckt in einem Prozess, was ihn wohl etwas angreifbarer macht. Ich wäre gerne mit YB schon jetzt bereit, diese kleine Chance zu nutzen. Unser Anspruch für die Zukunft ist unmissverständlich: Titelgewinn und die Etablierung als erster Herausforderer von Basel.

Der SCB ist auch ein Gastro-Unternehmen. Bei YB ist das Stadion der Star. Warum steht bei den Bernern nicht der Sport im Vordergrund?

Das stimmt in dieser Deutlichkeit nicht. Bei YB hat man jedoch aus meiner Sicht tatsächlich zu lange vom Stadion als Star gesprochen. Dagegen kämpfen wir an. Wir müssen es hinkriegen, dass der Fussball bei YB unbestritten im Fokus steht.

Was mit Identifikationsfiguren, mit echten Young Boys im Team einfacher zu bewerkstelligen ist.

Danke. Das ist richtig. Es gibt keine andere Super-League-Mannschaft mit so vielen eigenen Junioren. Aber das wird nicht überall anerkannt. Einer wie Hadergjonaj ist ein Young Boy, auch wenn sein Name schwierig auszusprechen ist. Mvogo ist ein Young Boy. Die Öffentlichkeit beobachtet mit Wohlwollen, dass wir unsere Jungen pushen. Die Medien indes anerkennen unsere Leistung nicht immer.

Aber es geht nicht ohne Rückschlag, wie das Beispiel Michael Frey beweist, der zu Lille gewechselt ist.

Das ist kein YB-spezifisches Problem. Jeder Schweizer Klub hat Mühe seine Jungen zu halten, wenn ausländische Klubs um diese werben. Freys Abgang hat uns auf dem falschen Fuss erwischt, weil wir dachten, dass alle, nur nicht dieser bodenständige Typ dem ersten Lockruf erliegt.