Das ganze Jahr 2007 war ein stetiger Konkurrenz-Kampf zwischen mir und einem Tessiner Sprinter. Damals lief ich die 100 Meter noch nicht unter 11 Sekunden, sein Bestwert lag bei 10,95 Sekunden. Ich war also immer langsamer als er. Dann kamen die U18-Schweizer-Meisterschaften im September und wieder dieses Duell zwischen ihm und mir. Und ich wusste, er war bereit für den Sieg. Ich erinnere mich noch genau. Im Vorlauf gelang mir eine Zeit von 11,08, seine Zeit stoppte bei 11,04. Im Halbfinal kam dann das grosse Rennen. Er lief 10,92 und schaffte wieder eine Schweizer Saison-Bestleistung. Das spornte mich dann so richtig an. Wie beflügelt kam ich im anderen Halbfinal-Lauf auf 10,89 Sekunden. Aber das Highlight war ja letztlich der Final. Ich wollte unbedingt gewinnen. Mit Leichtathletik hatte ich damals erst ein Jahr vorher begonnen und wusste nichts von Technik und solchen Dingen. Auch 2006 nahm ich an der U18-SM teil, schied aber bereits nach dem ersten Lauf aus. Ich musste nur noch weinen. So richtig. Daraufhin ging ich zu meinem Trainer und sagte: ‹Ich will noch härter trainieren›. Er hat nur gelacht und gemeint: Genau das möchte ich von dir hören.

Keiner kann mich schlagen

Darum wusste ich vor dem Final, dass sich an diesem Tag alles entscheidet. Und ich war bereit, gegen ihn zu bestehen. Dann schaffte ich eine Zeit von 10,80 Sekunden, ich liess meine ganze Energie in diesen Lauf fliessen. Mein Rivale lief in 11,05 Sekunden ins Ziel. Bis heute ist dieser Erfolg mein allerschönstes Erlebnis. Ich hatte an diesem Wettkampf einfach dieses einmalige Gefühl: Keiner kann mich schlagen, egal was passiert.

Endlich wieder fit

In den letzten beiden Jahren habe ich dieses Gefühl ein wenig verloren. Wahrscheinlich wegen der vielen Verletzungen. Irgendwann macht dann auch der Sport keinen Spass mehr. Man probiert und probiert, aber es tut sich nichts. Ich wusste nicht, wieso der Schmerz nicht weggeht, stellte mir tausend Fragen. Vielleicht verlief mein Aufstieg einfach zu schnell. Ich war plötzlich einfach da. Möglicherweise bin ich deswegen verletzungsanfälliger als andere Athleten. Jetzt fühle ich mich aber endlich wieder fit. Die Freude ist wieder da und die EM in Zürich kann kommen.

Eine grosse ‹Schnorre›

Auch wenn ich in London an den Olympischen Spielen gegen Usain Bolt angetreten bin und 2013 den Schweizer Rekord über 100 Meter geschafft habe, was zählt, ist dieser erste Sieg von damals. Dieser U18-Erfolg bleibt unersetzlich. Ein Sieg, der dich im Leben weiterbringt und dir den Willen gibt, gegen jeden bestehen zu können. Mir zeigte dieser Erfolg: Man kann alles erreichen, wenn man daran glaubt und daran arbeitet. Ich sagte mir damals: Ab heute bin ich ein Sieger. Das war der erste und wichtigste Schritt in meiner Sport-Karriere. Mein Verein und mein Umfeld haben gesehen, dass etwas in mir steckt. Niemand hätte damit gerechnet, dass ich ein Jahr nach meinen Anfängen gleich einen Titel holen würde. Wenn man jung ist, hat man sowieso oft eine grosse ‹Schnorre›. Dann muss man sich aber erst recht beweisen und auf diese Worte Taten folgen lassen. Im Sprint geht es sowieso nur um eines: sich zu beweisen. Am Ende zählt nur, wer der Schnellste ist. Alles andere spielt keine Rolle – und ich habe noch viel zu beweisen.

Sportler werden an Resultaten gemessen

Entsprechend ehrgeizig verfolge ich auch meine Ziele. Kein Jahr ist seit 2007 vergangen, wo ich keine persönliche Bestzeit gelaufen bin. Noch heute begleitet mich dieser U18-Titel jeden Tag. Vor jedem Wettkampf habe ich diese Bilder von damals vor Augen, die mir zeigen, dass ich alles schaffen kann. Besonders im letzten Jahr, welches wahrscheinlich das schwierigste in meiner Karriere war, half mir dieses Denken, neuen Mut zu schöpfen. Ohne den U18-Titel hätte ich die Leichtathletik womöglich schon viel früher aufgegeben. Denn Sportler werden an Resultaten gemessen, stellen sich diese nicht ein, muss man sich selber hinterfragen: ‹Ist dieser Sport überhaupt der richtige für mich?› Aber die Resultate kamen und das gab mir die Kraft, um weiterzumachen. Vor allem in schweren Zeiten.»
Aufgezeichnet von: Jonas Burch

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Spiel des Lebens

In der Rubrik «Spiel des Lebens» erzählen Persönlichkeiten aus der
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