Basels Sportvereine
Einen Fussballverein gründen, aber nicht spielen dürfen: Das ist die skurrile Geschichte von Gilgenberg United

Es grassiert eine weltweite Pandemie in der viele Vereine kämpfen, weil sie ihren Sport nicht ausüben können. Eine junge Gruppe Fussballbegeisterter aus dem Schwarzbubenland stört das nicht. Sie gründeten im vergangenen Jahr ihren eigenen Verein. Drei Mitglieder erzählen die ungewöhnliche Geschichte.

Esteban Waid
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Die Spieler von Gilgenberg United durften bisher nur achtmal aufs Feld laufen. Hier gegen den FC Ettingen.

Die Spieler von Gilgenberg United durften bisher nur achtmal aufs Feld laufen. Hier gegen den FC Ettingen.

zVg/Sannie Schnell

Es war April 2020, die Pandemie hatte gerade erst begonnen, als sich Cédric Colin, Präsident des Vereins Gilgenberg United, durch Exceltabellen wälzt. Er rechnet, wie der Verein finanziert werden könnte. Nicht, weil ihm Corona wie vielen anderen Vereinen Probleme bereitet, sondern weil er und seine Kollegen mitten in der Pandemie auf die Idee kamen, einen neuen Verein zu gründen. Und der will schliesslich auch finanziert werden.

Neun Monate später sitzen der Präsident Cédric Colin, Vizepräsident Lars Schnyder und Sportchef Aurelio Currenti vor dem Laptop und erzählen in einer Videokonferenz, wie es ihnen ergangen ist. Denn Fussball wurde seit der Gründung von Gilgenberg United kaum gespielt.

Bevor die Idee entstand, traf sich die Gruppe schon seit Jahren zum hobbymässigen Kicken auf dem Sportplatz Seichel in Nunningen. Im Januar 2020 wurden sie dann auf die Aktion «Traum-Mätsch» von Blue aufmerksam. Es winkte damals die Möglichkeit, gegen den grossen FC Basel zu spielen.

Als «Seichel Kickers» nahmen sie an dieser Aktion Teil und reichten ein Video ein. Der erste Schritt zu Vereinsgründung. Um besser für die Blue-Aktion wahrgenommen zu werden, gründeten sie einen Plauschverein mit selbigem Namen. «Das kann man relativ schnell an einem Abend machen», erinnert sich Cédric Colin. Der «Traum-Mätsch» wurde wegen Corona auf das nächste Jahr verschoben, doch dafür keimte eine andere Idee auf: «Da wir jetzt schon einen Verein haben, können wir ja auch einen richtigen Verein gründen und um die Meisterschaft mitspielen», erzählt Colin.

Vereinssteckbrief Gilgenberg United

Gründungsdatum: 3. April 2020

Anzahl Mitglieder 2020: 36

Vereinsfarben: Schwarz/Weiss/Gold

Motto/Leitspruch: Vo hinge füre, aber vorne drbi.

Heimstätte: Sportplatz im Nau (Danke FC Laufen!)

Ligahöhe 1. Mannschaft: 5. Liga

Grösste Rivalen: FC Breitenbach, FC Zwingen und manchmal die Emotionen

Grösste Erfolge: Aufstiegsgruppe 4. Liga in Hinrunde 2020

Bekannte (Ex-)Spieler: …dürfen sich gerne beim Sportchef melden. Erfahrene Spieler sind goldwert.

Das unterscheidet uns von anderen Vereinen: Wir haben die wahrscheinlich jüngste Vereinsführung im Schweizer Fussball und sind der erste Verein, der keine Stadt/Dorf sondern eine ganze Region (Gilgenberg) vertritt.

Die Idee ist geboren und so findet sich die Vorstandschaft inmitten von Kalkulationen und Diskussionen wieder. «Ich war ein Stück weit auch sehr vernarrt in dieses Projekt und wollte das unbedingt machen», meint Colin. Obwohl er wegen Corona mehr Zeit hat, muss er viel Freizeit opfern und so taucht er tief in das Regelwerk des Fussballverbandes Nordwestschweiz (FVNWS) ein.

Platzgrösse, Spielerzahl, Finanzen. Alles Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Schnell wurde aber klar: «Das ist gar nicht so einfach, einen richtigen Verein zu gründen.» Der Platz in Nunningen ist zu klein, ausserdem hätten sie knapp 7000 Franken in die Hand nehmen müssen. Geld, das nicht vorhanden war. So entstand irgendwann auch der Kontakt zum FVNWS-Geschäftsführer Pascal Buser. Er erwähnte gegenüber den jungen Vereinsgründern, sich bei einem bestehenden Verein als Untersektion einzugliedern. «Ich habe dann Kontakt mit allen Vereinen in der Region aufgenommen», sagt Colin.

Das erste Mannschaftsfoto der Vereinsgeschichte.

Das erste Mannschaftsfoto der Vereinsgeschichte.

zVg/Sannie Schnell

Am schnellsten und am proaktivsten zeigte sich der FC Laufen, sodass eine Zusammenarbeit entstand. Offiziell ist Gilgenberg United nun die dritte Mannschaft von Laufen. Auf dem Papier sind die Gilgenberger auch Mitglieder des Vereins. Trotzdem haben sie ihre eigenen Statuten, erheben ihre eigenen Beiträge. Ein Verein im Verein sozusagen.

Die offizielle Gründung fand dann im Mai mit einer Ausserordentlichen Mitgliederversammlung statt. Aus «Seichel Kickers» wird Gilgenberg United. Der Vertrag mit dem FC Laufen wurde im Juni unterschrieben. Währenddessen kümmerte sich Sportchef Aurelio Currenti um die Spielersuche. Er ist im regionalen Sport gut vernetzt. Und: «Aurelio weiss, wie man die Leute überzeugt», sagt Colin mit einem Lachen. Fast 30 Spieler zählt der Verein aktuell und für den Sportchef ist damit sicher:

«Das sportliche Ziel ist ganz klar Aufsteigen.»

Nach dem ganzen bürokratischen Arbeiten ist es Anfang Juli endlich so weit: Das erste Testspiel. Das erste Mal auf dem Rasen, zu Gast beim FC Rheinfelden. Präsident Colin spielt mit. Fünf Minuten, bis er wegen eines, wie er sagt «üblen» Fouls, verletzt runter muss. Das Aussenband ist dahin, Gilgenberg United holt trotzdem ein 2:2. «Wir haben überhaupt nicht gewusst wo wir stehen. Doch dadurch hat die Mannschaft direkt gemerkt, dass da was möglich ist», so Colin.

Gilgenberg United schreibt eine kleine Erfolgsgeschichte

Den ersten Ernstkampf fast zwei Monate später gegen den FC Zwingen gewinnt der Klub sogar. Die junge Vereinsgeschichte wird eine kleine Erfolgsgeschichte. Aktuell wären sie für die Aufstiegsrunde qualifiziert. Ganz nach dem Geschmack von Sportchef Currenti. Und trotz dieser kurzen Zeit hat Gilgenberg United schon einige Sachen mitgemacht. Trainerwechsel während der Saison. Ein 9:0 Sieg gegen Therwil, oder aber auch heiss umkämpfte Spiele, bei denen auch die ein oder andere rote Karte gezückt wurde. Für die Amateursportromantiker hat der Klub einiges zu bieten.

Obwohl während der Pandemie gegründet, schmerzt auch bei Gilgenberg die trainingsfreie Zeit. Trotzdem blickt die 22-jährige Vorstandschaft positiv in die Zukunft, auch wenn nicht all zu weit. Wichtig bleibt der Spass und wie Vizepräsident Lars Schnyder betont: «Was den Verein ausmacht, ist unsere Kollegenschaft und das wir alle untereinander super auskommen.»

Geht es nach den Gründern, soll es Gilgenberg United noch lange geben und zahlreichen neuen Mitgliedern die Möglichkeit geben, Fussball zu fühlen. Und es ist davon auszugehen, dass die Geschichte des kuriosen ersten Vereinsjahres noch so manchem neuen Spieler erzählt werden wird. Nach dem Motto: Weisst du noch. Als wir gerade frisch gegründet waren, aber nicht spielen durften.

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Regelmässig porträtiert die bz die Vereine der Region auf einer Zeitungsseite und auf unserem Onlineportal. Bist auch Du in einem Verein und hast eine tolle Geschichte zu erzählen, dann schreibe eine E-Mail an sportbasel@chmedia.ch.