Champions League
Bayern-Star Thorsten Fink erklärt, wie es zum Wunder von Barcelona kommen konnte

Ein Bayern-Star erklärt, wie es zum Wunder von Barcelona kommen konnte. Die Pariser dürfen die Schuld nicht auf den Schiri schieben. Stattdessen sollten sie wieder nach vorne blicken.

Sebastian Wendel
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Der FC Barcelona ist die erste Mannschaft in der Champions League, die eine 0:4-Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen konnte.

Der FC Barcelona ist die erste Mannschaft in der Champions League, die eine 0:4-Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen konnte.

Keystone

Ist es Arroganz? Ist es Selbstüberschätzung? Ist es Selbstverständnis? «Mein Glaube an die Wende ist ungebrochen», sagte Barcelona-Trainer Luis Enrique am Vortag. Auch für seine Spieler und das Heimpublikum war klar: «Wenn Paris im Hinspiel gegen uns vier Tore schiesst, machen wir im Rückspiel sechs.»

Andere hätten sich primär um Schadensbegrenzung bemüht. Umso mehr, als die Mannschaft des Gegners eine Ansammlung von Weltstars ist und die Barça-Profis drei Wochen zuvor am Nasenring durch den Pariser Prinzenpark geführt hat. 0:4. Noch nie in der Champions League wurde für den Verlierer im Rückspiel daraus noch ein Weiterkommen.

Paris St-Germain ist zwischen Hin- und Rückspiel keine schlechtere Mannschaft geworden. Auch die Annahme, ihre Taktik im Camp Nou sei falsch gewesen, ist Kaffeesatzlesen. Wollte PSG-Coach Unai Emery, dieser Offensivverfechter, wirklich, dass seine Spieler sich zurückziehen? Kaum. Vielmehr liess Barcelona an diesem Abend gar nichts anderes zu. Der Wucht der Welle, ein Mix aus der Angriffswut der Barça-Profis, dem Lärm im Stadion und den Vorhersagen im Vorfeld der Partie («wenn, dann holt nur Barcelona ein 0:4 auf») hatten die Pariser nichts entgegenzusetzen.

Grosse Wenden der Sportgeschichte:

25. Februar 2017 Unglaubliche Steigerung im Unihockey-Cupfinal GC Zürich liegt nach Spielhälfte 1:6 im Rückstand gegen den HC Rychenberg Winterthur. Dann legt GC einen irren Steigerungslauf hin. Sie erzielen drei Tore innerhalb von zwei Minuten und gewinnen am Ende mit 8:7.
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5. Februar 2017 Das beste Comeback der Super-Bowl-Geschichte Nach 3:28-Rückstand liegen die New England Falcons um Quarterback Tom Brady gegen Atlanta Falcons zurück. Nach der Verlängerung steht es 34:28 für Superstar Brady, der seinen insgesamt fünften Super Bowl gewinnt.
17. April 2012 McCarthys Schuss ins Glück – 2,5 Sekunden vor Schluss Die ZSC Lions liegen in der Playoff-Finalserie gegen Bern mit 1:3 Siegen im Rückstand. Sie erzwingen aber ein entscheidendes, siebtes Spiel, in welchem Steve McCarthy die Zürcher 2,5 Sekunden vor Schluss zum Titel schiesst.
7. Mai 1995 Acht Sekunden für die Basketball-Ewigkeit NBA-Halbfinalspiel zwischen den New York Knicks und den Indiana Pacers. 18 Sekunden sind noch auf der Uhr, Indiana hat sieben Punkte Rückstand. Dann dreht Reggie Miller mit acht Punkten die Partie.
3. Juli 1993 Die bitteren Tränen der Jana Novotna Im Wimbledonfinal liegt Steffi Graf 1:4 im dritten Satz zurück, die Niederlage scheint besiegelt. Plötzlich aber verschlägt Gegnerin Novotna die einfachsten Bälle, verliert und heult sich bei der Herzogin von Kent aus.

25. Februar 2017 Unglaubliche Steigerung im Unihockey-Cupfinal GC Zürich liegt nach Spielhälfte 1:6 im Rückstand gegen den HC Rychenberg Winterthur. Dann legt GC einen irren Steigerungslauf hin. Sie erzielen drei Tore innerhalb von zwei Minuten und gewinnen am Ende mit 8:7.

Nordwestschweiz (nch)

Und genauso erging es Schiedsrichter Deniz Aytekin: Alle zweifelhaften Szenen entschied er zugunsten von Barcelona. Nicht bewusst, sondern unbewusst. Wäre Gerard Piqué ein PSG-Spieler, hätte er ihm für seine Grätsche an der Mittellinie Rot und nicht nur Gelb gezeigt. Wäre Luis Suarez Pariser, hätte er den Penalty in der Nachspielzeit nicht bekommen. Ganz sicher. Das mag ungerecht klingen, ist aber nur menschlich.

Apropos Penalty: Das 5:1 holte Barça und seine Fans ins Leben zurück und lähmte die Pariser. Irgendwas war da. Andere wären den Weg zum zu weit geratenen Pass wegen der Aussichtslosigkeit des Resultates gar nicht erst gegangen. Luis Suarez schon. Was zur Schwalbe und zum Pfiff von Aytekin führte. Dem Schiedsrichter Absicht zu unterstellen, ist absurd. In diesem Moment, in dieser Atmosphäre musste es einfach so kommen.

Am Ende siegt die Gerechtigkeit

Fussball ist nicht immer erklärbar. Immer wieder greifen scheinbar höhere Mächte ein. Das war immer so, das ist so und das wird es auch in Zukunft immer geben. Ein Beispiel aus der Vergangenheit für ein nicht mehr für möglich gehaltenes Drehbuch: der Champions-League-Final 1999 zwischen Bayern München und Manchester United. Tatort: ebenfalls dieser 96 000 Zuschauer fassende Fussballkessel Camp Nou in Barcelona.

Die grössten Comebacks in der Champions League:

08. März 2017: Der FC Barcelona schafft das Unmögliche und bezwingt Paris Saint Germain im heimischen Camp Nou mit 6:1. Im Hinspiel unterlagen die Katalanen noch klar und deutlich mit 0:4.
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08. April 2014 Der FC Chelsea steht nach einer 1:3-Niederlage im Viertelfinal-Hinspiel in Paris mit dem Rücken zur Wand. Schlussendlich können die «Blues» dank einem 2:0-Sieg und der Auswärtstorregel in den Halbfinal einziehen.
19. März 2014 Manchester United geht mit einem 0:2-Rückstand in das Achtelfinal-Rückspiel gegen Olympiakos Piräus. Die «Red Devils» können eine verkorkste Saison nur noch in der Champions League wiedergutmachen. Sie nutzen die Chance und schicken Piräus mit einem 3:0-Sieg zurück nach Griechenland.
09. April 2013 Nach einem 0:0-Unentschieden im Viertelfinal-Hinspiel liegt Borussia Dortmund im Rückspiel gegen Malaga in der 90. Minute mit 1:3 zurück. Was dann geschieht ist Stoff für die Geschichtsbücher. Marco Reus und Felipe Santana drehen die Partie in der Nachspielzeit zum 3:2 Sieg.
12. März 2013 Vor vier Jahren konnte der FC Barcelona eine 0:2-Niederlage gegen den AC Milan im Achtelfinal-Hinspiel mit einem klaren 4:0-Sieg im Rückspiel wettmachen. Lionel Messi schiesst in diesem Spiel einen Doppelpack und ebnet so den Weg zum Sieg.
14. März 2012 Der Schweizer Trainer Roberto Di Matteo (m.), der mit dem FC Aarau 1993 Schweizer Meister wurde, kann mit dem FC Chelsea eine 1:3-Hinspielniederlage gegen Napoli im Achtelfinal-Rückspiel drehen. In der Nachspielzeit bezwingen die Londoner die Italiener mit 4:1.
07. April 2004 4:1 gewinnt der damals grosse AC Milan gegen Deportivo La Coruña im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League 2004. Die Spanier können aber dank einem phänomenalen 4:0-Sieg in den Halbfinal einziehen.
06. April 2004 Die Königlichen scheinen nach dem 4:2-Sieg über Monaco im Viertelfinal-Hinspiel die Halbffinal-Qualifikation in trockenen Tüchern zu haben. Die Monegassen gewinnen jedoch das Rückspiel mit 3:1 und ziehen dank der Auswärtstorregel in den Halbfinal ein.

08. März 2017: Der FC Barcelona schafft das Unmögliche und bezwingt Paris Saint Germain im heimischen Camp Nou mit 6:1. Im Hinspiel unterlagen die Katalanen noch klar und deutlich mit 0:4.

epa/efe

Bis in die Nachspielzeit führen die Münchner nach dem Freistosstor von Mario Basler mit 1:0, als innert einer Minute Teddy Sheringham und Ole-Gunnar Solskjaer die Wende für die Engländer bringen. Mittendrin damals: Thorsten Fink. Der spätere Trainer des FC Basel (heute Austria Wien) wird für Lothar Matthäus eingewechselt und wegen seiner unglücklichen Leistung von den deutschen Medien zum Sündenbock gemacht.

Thorsten Fink «Alles Kopfsache. Wir damals und nun die Paris-Spieler nach dem 3:1, wir waren zu siegessicher. Auf diesem Niveau wird das gnadenlos bestraft – manchmal auch durch einen Fehler des Schiedsrichters.»

Thorsten Fink «Alles Kopfsache. Wir damals und nun die Paris-Spieler nach dem 3:1, wir waren zu siegessicher. Auf diesem Niveau wird das gnadenlos bestraft – manchmal auch durch einen Fehler des Schiedsrichters.»

KEYSTONE/AP/KERSTIN JOENSSON

Fink sagt gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Alles Kopfsache. Wir damals und nun die Paris-Spieler nach dem 3:1, wir waren zu siegessicher. Auf diesem Niveau wird das gnadenlos bestraft – manchmal auch durch einen Fehler des Schiedsrichters.» Was die Franzosen nun auf keinen Fall tun dürften: Die Schuld für das Ausscheiden Deniz Aytekin geben. «Der Schiedsrichter hatte es schwierig: Alle spielentscheidenden Szenen waren nicht glasklar, sondern zweifelhaft. Und in diesem Rahmen ist klar, dass Aytekin im Zweifel für Barcelona pfeift.»

Die Bilder zum Wunder im Camp Nou:

Neymar jubelt über die unglaubliche Wende
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Champions League Barcelona Paris
Ein Haufen Freude: Barcelona jubelt über den sensationellen Sieg. Keystone
Lionel Messi feiert sein zweites Tor.
Umgeben von französischen Spielern: Lionel Messi.
Erbitterter Kampf um den Ball: Blaise Matuidi (links) und Barcelonas Rafinha.
Der Goalie von Paris Saint Germain Kevin Trapp argumentiert mit dem Schiedsrichter.
Jubel für den FC Barcelona. Im Bild: Lionel Messi (links), Neymar (Mitte) und Gerard Pique (rechts).
Messi (links) jubelt mit Teammitglied Neymar.
Lionel Messi zwischen französischen Spielern.

Neymar jubelt über die unglaubliche Wende

Keystone

Fink erzählt, wie er und seine Teamkollegen sich wenige Tage nach dem verlorenen Final geschworen hätten: «Das machen wir wieder gut.» Zwei Jahre später gewinnt Bayern die Champions League. Gegen Valencia. Im Penaltyschiessen. Alles, was zwei Jahre zuvor gegen die Münchner lief, lief 2001 für sie. Fink: «Auf Dauer ist der Fussball gerecht. Daran müssen auch die PSG-Spieler glauben. Die Klasse, in zwei Jahren die Champions League zu gewinnen, haben sie.»