Sportpolitik

Bei der Frauenquote hinken die Sportverbände der Realität weit hinterher

In den Führungspositionen sitzen hauptsächlich nur Männer.

In den Führungspositionen sitzen hauptsächlich nur Männer.

An Olympischen Spielen haben die Frauen die Männer fast eingeholt, in den Chefsesseln hingegen noch lange nicht. Dort werden 33 der 35 internationalen Verbände von Männern präsidiert.

Das Ziel ist längst erkannt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich in seiner «Agenda 2020» eine Geschlechtergleichheit auf Athleten- und Führungsebene auf die Fahne geschrieben. Und Willi Lemke, UNO-Sonderbotschafter für Sport, betonte kürzlich beim Weltforum für Ethik und Leadership am Fifa-Hauptsitz in Zürich: «Die beste Medizin gegen Korruption in Sportverbänden sind mehr Frauen in Führungsfunktionen.»

Bezeichnend: Unter den von der Fifa-Ethikkommission in den letzten vier Jahren wegen Korruptionsdelikten gesperrten Fussball-Funktionären befindet sich keine einzige Frau.

Olympische Verbände in der Kritik

Die Stossrichtung ist unbestritten, die Realität sieht ganz anders aus, wie eine neue Studie des «Instituts für Vielfalt und Ethik im Sport» an der «University of Central Florida» in Orlando belegt. Sie listet den Anteil Frauen im IOC, in 35 dem IOC angeschlossenen Weltsportverbänden sowie in sämtlichen Landesverbänden dieser olympischen Sportarten auf.

Insgesamt haben Autor Richard Lapchick und sein vierköpfiges Team 8500 Führungspositionen in Sportorganisationen unter die Lupe genommen. Das Resultat ist ernüchternd. Lapchick sieht einen eklatanten Mangel an Frauen in Führungspositionen.

Während die Sportlerinnen jüngst mehrmals olympische Geschichte geschrieben haben – 2012 in London war erstmals für jede teilnehmende Nation mindestens eine Frau am Start, 2016 in Rio lag die Frauenquote mit 45 Prozent so hoch wie noch nie –, geht es auf Führungsebene kaum voran. Nur 24,4 Prozent der IOC-Mitglieder sind Frauen (Stand Juli 2016). Damit steht der Weltsportverband im sportinternen Vergleich noch gut da.

Nur Eislaufen erreicht das Ziel

Insgesamt beträgt die Frauenquote nämlich lediglich 14,5 Prozent. In den internationalen Fachverbänden der Sportarten Handball, Judo und Rugby findet sich gar keine weibliche Vertretung in der Chefetage. Nur in 4 von 35 Verbänden sitzen mehr als ein Drittel Frauen in Führungspositionen: Eislauf, Landhockey, Triathlon und Rudern. Die «International Skating Union» steht mit 45 Prozent Frauen unangefochten an der Spitze der in dieser Beziehung vorbildlichen Organisationen.

Trotzdem kommt Richard Lapchick zum eindeutigen Urteil: «Die Führungsetage im Sport ist ein exklusiver Männerclub.» Weitere Fakten belegen sein Fazit. 33 der 35 internationalen Verbände werden von Männern präsidiert. Der Sportart Eishockey sitzt sogar in weltweit allen Landesverbänden ein Mann vor. Lapchick bilanziert denn auch: «Dem Aufruf des IOC fehlen die Zähne.»

Aufholbedarf auch bei der Fifa

Auch der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino hat die Frauenförderung weit oben in seiner Prioritätenliste angesiedelt. Mit der Inthronisation der Senegalesin Fatma Samoura als Generalsekretärin hat er ein Zeichen gesetzt. Zudem schreibt das Reformprogramm zwingend ein Minimum von sechs Frauen im mächtigen Fifa-Rat vor.

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura ist eine der wenigen Frauen in der Chefetage.

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura ist eine der wenigen Frauen in der Chefetage.

Bei insgesamt 36 Mitgliedern erst ein Tropfen auf den heissen Stein. Mit einer Frauenquote von insgesamt 11,5 Prozent steht der Fifa noch viel Arbeit bevor. Erfolgreicher war Präsident Infantino im privaten Bereich. Bei seinen Kindern beträgt die Frauenquote des vierfachen Familienvaters glatte 100 Prozent.

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