Kolumne

Beim Doping existiert eine chinesische Mauer

Rainer Sommerhalder
Autor Rainer Sommerhalder.

Autor Rainer Sommerhalder.

Die Kolumne «Spritzensport» beschäftigt sich mit Themen rund um Doping und den Kampf dagegen. Aktuell geht es um die wegen des Coronavirus ausgesetzten Dopingtests in China und der schwierigen Suche nach der Wahrheit über Doping im Land, wo das Lächeln vieles überdeckt.

Jüngst gab die chinesische Antidoping-Agentur bekannt, dass man aufgrund der Verbreitung des Coronavirus bis auf weiteres keine unangekündigte Dopingtests mehr durchführt. Obwohl Athleten in der Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele in Tokio derzeit eine durchaus dopingwirksame Phase durchlaufen, blieb ein Schrei der Empörung aus. Dopingtests haben im Vergleich zum übergeordneten Ziel, eine weltweite Epidemie zu verhindern, nun mal eine äusserst marginale Bedeutung.

Man kann die internationale Gleichgültigkeit auch auf eine zynischere Weise interpretieren. Falls in China analog zu Russland methodisch gedopt wird und auch die Antidoping-Behörde Teil dieses von übergeordneter Stelle kontrollierten Systems ist, dann spielt es gar keine Rolle, ob, wer und wie oft kontrolliert wird. Die grossen Fische gehen dann ohnehin nicht ins Netz. Ob dieser Verdacht stimmt? Hier liegt das Problem. Niemand ausserhalb Chinas weiss es.

Fragen Sie mal die Ermittler des Leichtathletik-Verbandes oder der Wada. Beide haben vor einigen Jahren Untersuchungen lanciert. Doch Informationen aus China sind entweder staatlich gesteuert oder sie bleiben hinter einer unüberwindbaren Mauer. So sind aussagekräftige Ergebnisse Wunschdenken. Offiziell steht es bestens um das chinesische Antidoping-System. Staatschef Xi Jinping zelebriert seine grenzenlose Abneigung gegen Doping, das verschärfte Gesetz sieht hohe Gefängnisstrafen vor, die Antidoping-Einrichtungen entsprechen modernsten Standards und die Wissenschafter sind höchst kompetent. Auch die Statistik stimmt. China hat am drittmeisten Tests (10243) weltweit durchgeführt und am sechstmeisten Sportler überführt (62).

Trotzdem sind viele Experten unter vorgehaltener Hand sehr skeptisch. Von «Mas Schildkrötenblut-Armee» vor 25 Jahren in der Leichtathletik, über erwischte Olympiasieger im Gewichtheben bei Nachtests bis hin zu Dopingbeichten von geflüchteten Ärzten gibt es starke Anzeichen, dass etwas faul war oder noch immer ist. Aber fehlender Zugang zu Beweisen gepaart mit sportpolitischem Kalkül, es sich nicht mit China zu verscherzen, sorgen für eine augenfällige Passivität der Sportwelt. Bitte freundlich lächeln.

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