Brad Gilbert verfügte nicht über das Talent eines John McEnroe, eines Boris Becker oder eines Jimmy Connors. Mit seinen 1,75 Metern war er relativ klein und dazu auch nicht besonders schnell. Kaum einer traute ihm zu, dass er sich auf der Profi-Tour durchsetzen würde. Doch der Amerikaner schaffte es in der Weltrangliste bis auf Rang 4 und er gewann 20 Turniere. Gilbert hatte eine Gabe, das Spiel seiner Gegner zu lesen wie kein anderer. Er entwickelte sich zu einem Meister der psychologischen Kriegsführung.

Noch beeindruckender als seine eigene Karriere liest sich die Vita, die Gilbert sich später als Trainer aneignete. Acht Jahre lang betreute er Landsmann Andre Agassi, der in dieser Zeit sechs seiner acht Grand-Slam-Titel gewann. «Keiner versteht die mentalen Aspekte des Tennis so gut wie er. Für mich ist er der grösste Coach aller Zeiten», sagte Agassi. Gilbert führte später Andy Roddick zu dessen einzigem Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier und auf den ersten Platz der Weltrangliste.

Hitze und Wind auf einem der «Dschungelplätze»

1993 gibt Gilbert ein Buch mit dem Titel «Winning Ugly» heraus. Es geht dabei nicht etwa um fiese Tricks, wie man den Gegner täuscht, oder schmutzige Siege feiert, wie es der Titel suggeriert. Vielmehr beschreibt Gilbert mit viel Wortwitz und anekdotenreich, wie man auch Matches gewinnt, in denen man nicht seine Bestleistung abrufen kann. Es ist ein Buch, das im Regal von fast jedem ambitionierten Spieler steht. Auch Belinda Bencic hat das 250 Seiten starke Werk gelesen, «allerdings bereits im Alter von zirka zwölf Jahren. Darum kann ich mich auch nicht mehr an sehr viel erinnern», erzählt die 21-Jährige nach dem 6:4, 2:6, 6:3 in der ersten Runde der Australian Open gegen die Katerina Siniakova (WTA 34).

Gilberts Botschaft hat sie offensichtlich verinnerlicht. Es war windig und heiss auf einem der Aussenplätze, die sie scherzhaft als «Dschungelplätze» bezeichnete. Besonders gut habe sie nicht gespielt. «Es könnte besser sein. Mir fehlte das Timing und die Sicherheit beim Aufschlag», sagte sie. Aber auch: «Ich bin zufrieden damit, wie ich meinen Weg gefunden und gekämpft habe. Ich habe mich irgendwie durchgewurstelt.»

Nirgendwo sonst sei es so wichtig, ein Niveau zu erreichen, bei dem man auch an einem durchschnittlichen Tag genug gut sei für einen Sieg, wie das im Tennis der Fall sei. «Winning Ugly», sagt sie. «Man muss akzeptieren, dass einem nur an zwei, drei Tagen im Jahr ein perfektes Spiel gelingt.» Ihr hätten auch die Erfahrungen geholfen, die sie in der Vorwoche in Hobart gemacht habe, wo sie die Halbfinals erreichte. Dort sei es dermassen windig gewesen, dass man sich habe anpassen müssen.

Läuft es, benützt Bencic immer die gleiche Dusche

Weniger flexibel zeigt sich Bencic bei der Vorbereitung auf ein Spiel. Alles, was sie tut, folgt einem genauen Plan. So zieht sie vor einem Match stets den linken Schuh vor dem rechten an. Läuft es gut, frisiert sie sich immer gleich. Und sie wählt immer die gleiche Bank links oder rechts vom Schiedsrichter, sofern sie vor ihrer Gegnerin den Platz betritt. Hat sie im Match einen Punkt gemacht, möchte sie von den Ballkindern den gleichen Ball gereicht bekommen.

Ihr Aberglaube geht so weit, dass sie auch immer die gleiche Dusche und die gleiche Toilette benutzt, sofern das möglich ist. Das mache ihr Team wahnsinnig. Darauf angesprochen, ob das nicht anstrengend sei, sagt sie zu dieser Zeitung: «Doch. Das ist mega gaga.» Aber das seien fast alle irgendwie.

Belinda Bencic wirkt dieser Tage gelöst und mit sich im Reinen. Das war in den letzten Jahren nicht immer so. Allzu oft war sie verletzt, und musste Wechsel in ihrem Umfeld erklären. Seit Herbst ist nun wieder Vater Ivan ihr Trainer. Doch fast noch wichtiger ist ihr Fitnesstrainer Martin Hromkovic, mit dem sie seit einem Jahr zusammenarbeitet und der inzwischen auch ihr Freund ist. «Seit Paris im vergangenen Mai habe ich keinerlei Probleme mehr gehabt», sagt sie. Das ist nicht selbstverständlich. Vor knapp drei Jahren war Bencic bereits einmal die Nummer 7 der Welt. Doch dann begann ihr Körper zu rebellieren und warf die 21-Jährige immer wieder weit zurück.

Der Einbruch nach dem Venus-Triumph

Bei den Australian Open erreichte sie vor drei Jahren die Achtelfinals, im letzten Jahr besiegte sie in der ersten Runde Venus Williams. Nach dem «Boom», wie sie sagt, kam in der zweiten Runde der Einbruch. Gegen Julia Putinzewa (24, WTA 39) soll es umgekehrt. «Die grosse Anspannung ist weg», versichert Bencic. Die nur 1,63 Meter grosse Kasachin sei eine gute Läuferin, «die mich sicher nicht vom Platz schiessen wird». Sie erwarte lange Ballwechsel. Einen Schönheitspreis gibt es in solchen Spielen selten zu gewinnen. Doch dass sie auch weiss, wie man auch «hässlich» gewinnt, hat Bencic nun schon mehrfach bewiesen.