Nati-Stürmer vor der WM

Breel Embolo: «Ich war hässig und verstand die Welt nicht mehr»

Breel Embolo im Zweikampf mit Nati-Kollege Nico Elvedi.

Breel Embolo im Zweikampf mit Nati-Kollege Nico Elvedi.

Das Schweizer Nationalteam eröffnet das WM-Jahr mit dem Testspiel in Griechenland. Eine zentrale Frage wird sein: Wer schiesst die Tore? Stürmer Breel Embolo spricht über sein vergangenes Leiden und seine Hoffnungen

Die Schattenseite verflüchtigt sich, die Zuversicht ist bei Breel Embolo zurück – nach einem quälend langen Stillstand beim FC Schalke 04 verspürt der 21-jährige Schweizer Nationalspieler Auftrieb.

Ihr Captain Stephan Lichtsteiner sagte, dass viele der Nationalspieler derzeit im Klub unter Hochspannung stünden. Sie auch? Tut es gut, mal ein «Timeout» zu beziehen?
Breel Embolo: Ein Aufgebot für die Schweiz löst positive Gefühle aus. Und natürlich macht es Spass, mit den Jungs Zeit zu verbringen, den Alltag mal für ein paar Tage auszublenden.

Was ist denn im Nationalteam anders als auf Schalke?
Mit dem Verein sind wir mitten im Kampf um die Champions-League-Qualifikation. Hier geht es um ganz andere Ziele. Im Nationalteam ist die Konkurrenzsituation unterschiedlich, die Hierarchie ist anders aufgebaut. Wir sprechen vielleicht etwas anders miteinander; man kennt sich seit Jahren, das Team hat zusammen viel erlebt.

Können Sie zur zwischenmenschliche Komponente der Schweizer Auswahl etwas konkreter werden?
Auch bei uns verfolgt jeder seine persönlichen Ziele, aber die Hierarchie steht. Jeder kennt seinen Platz und seine Rolle. Wir respektieren uns gegenseitig. Ich beispielsweise habe Anfang Woche lange mit Steph (Lichtsteiner) gesprochen – der Austausch ist auch mit jenen intensiv, die man sonst nicht oft sieht. Es gibt offene Ohren, das ist wichtig.

In knapp drei Monaten steht für Sie das zweite grosse Turnier Ihrer Karriere an – was löst die WM in Russland bei Ihnen aus?
Zuerst einmal wünsche ich mir, dass sich nicht wiederholt, was ich vor der EM in Frankreich durchmachen musste. Mir kommen die damaligen Knieprobleme in den Sinn. Lange wusste ich gar nicht, ob ich dabei sein würde, meine Teilnahme war ernsthaft gefährdet. Entsprechend tief waren meine eigenen Erwartungen.

Wie beurteilen Sie Ihre jetzige Ausgangslage?
Meine Aufgabe wird eine andere sein, ich bin nach einer langen Reha auf dem Weg nach oben. Das Selbstvertrauen ist zurück, ich habe mit Schalke endlich Tritt gefasst. Ich spüre, dass ich bereit sein werde, im Sommer das Maximum abzurufen.

Sie sind in diesem Frühling quasi zum zweiten Mal in Gelsenkirchen angekommen.
Ja, ich bin nach eineinhalb schwierigen Jahren wieder da. Ich merke, wie mir die Mitspieler mehr und mehr vertrauen, ich bekomme auch in schwierigen Situationen Bälle – so wie früher beim FC Basel. Ich erspiele mir Chancen, ich kann wieder befreit aufspielen, ich erkämpfe mir wichtige Aktionen, ich halte mich zwischen den Linien auf, bin kreativ – ich mache, was ein purer Instinkt-Fussballer eben so macht.

Versteht Sie Domenico Tedesco inzwischen besser? Oder Sie ihn? Er hat Sie im Herbst ziemlich deutlich kritisiert.
Wir hatten im Winter mehrere gute Gespräche. Im letzten Sommer gehörte ich zwar zum Kader, aber ich hatte das Gefühl, trotzdem nicht nahe dran zu sein. Obwohl mir die Ärzte grünes Licht gaben, stand ich lange still. Das frustrierte mich, die fehlende Spielpraxis machte mich hässig, manchmal verstand ich die Welt nicht mehr. Dann kommen halt beidseits Emotionen ins Spiel.

In den letzten Wochen forcierte der Coach Sie spürbar.
Ich musste mir sein Vertrauen erkämpfen. Wir verstehen uns immer besser, der Austausch wird intensiver. Ich weiss viel mehr, woran ich bin, was Sache ist. Und eines ist klar: Von diesem Trainer kann ich extrem profitieren, seine Arbeit im taktischen Bereich ist perfekt.

In Ihren weniger guten Phasen auf Schalke wurde immer wieder über die Rekordsumme debattiert, die der Klub für Sie 2016 ausgelegt hatte – stört Sie die Reduktion auf das Preisschild?
Ich kann damit umgehen, weil ich diesen Aspekt weder zu verantworten haben, noch bin ich in der Lage, diese Zahlen zu beeinflussen. Im Fussball dreht sich die Spirale immer schneller. Das kann man durchaus kritisieren,ist aber sicher nicht die Schuld der Spieler.

Per Mertesacker prangerte die Entwicklung in einem Interview an und gab zu, manchmal unter dem enormen Druck fast zusammengebrochen zu sein.
Von seinem Interview habe ich gehört. Ich kann mir gut vorstellen, was Per meinte. Druck hat grundsätzlich jeder Mensch. Im Fussball reden einfach viel mehr mit – jeder kann sich ungefragt über mich äussern, jeder kann mich kritisieren, das ist im Preis inbegriffen.

Die mit den kolportierten 22,5 Millionen verlinkten Erwartungen sind für Sie nicht problematisch?
Nein, ich bin da gelandet, wo ich landen wollte. Der FC Basel hat mich überhaupt nicht gegen meinen Willen verkauft. Und damit ist das Thema für mich erledigt. Auch ein Spieler, der für 500 000 Euro wechselt, ist enttäuscht und angespannt, wenn er nicht spielt. Das eigene Empfinden hat nichts mit dem Preis zu tun, gar nichts sogar.

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