Briefe für Tokio
Ein Ereignis, zwei Perspektiven: Wie zwei Basler Sportler die Olympischen Spiele erlebten

Zwei Jahre erzählten Salome Lang, Jason Joseph und Christian Kirchmayr an dieser Stelle von ihrem Weg an die Olympischen Spiele. Zum Abschluss der Serie «Briefe für Tokio» berichten Lang und Kirchmayr von ihrem Olympia-Erlebnis. Vor Ort und vor dem Fernseher.

Salome Lang und Christian Kirchmayr
Drucken
Teilen

Salome Lang: «Ich war optimistisch und hatte hohe Erwartungen an mich.»

Salome Lang feierte in Tokio ihre Premiere an Olympischen Spielen.

Salome Lang feierte in Tokio ihre Premiere an Olympischen Spielen.

Laurent Gillieron / EPA

Liebe Sportfans!

Seit ein paar Tagen bin ich nun wieder zurück von meinen ersten Olympischen Spielen. Tokio war ein tolles Erlebnis. Trotz den strengen Regeln, die einen täglichen Spucktest vorsahen und vorschrieben, erst drei Tage vor dem Wettkampf ins Olympische Dorf zu kommen und es zwei Tage danach gerade wieder zu verlassen. Es ist ein bisschen schade, dass ich dadurch weniger neue Leute kennenlernte. Doch die Stimmung in unserem Schweizer Team war sehr gut, locker. Und immerhin konnte ich im Souvenirladen Erinnerungen und Geschenke für die Liebsten einkaufen. Durch das reduzierte Angebot fiel es einem zudem leichter, sich auf den Wettkampf zu konzentrieren.

Vor meinem Wettkampf war ich sehr nervös. Ich musste bereits um 5 Uhr morgens aufstehen, weil mein Einsatz kurz nach 9 Uhr begann. Viel geschlafen habe ich nicht, denn das Einschlafen bereitete mir Mühe. Zum Glück hatte ich die Tage zuvor sehr viel geschlafen! Am Vormittag hiess es dann: Essen, umziehen, Bus nehmen. Da blieb gar nicht viel Zeit, mir gross Gedanken zu machen. Eine gewisse Anspannung war dennoch dauernd vorhanden. Aber die Vorfreude, die war riesig. Ich fühlte mich nie negativ unter Druck gesetzt. Ich konnte es kaum erwarten, dass die Olympischen Spiele für mich losgehen.

Leider blieb ich in der Qualifikation bei 1,90 Metern hängen und verpasste den Final. Dass meine Leistung nicht so funktionierte, wie ich mir das vorgestellt hatte, überraschte mich ein wenig. Denn ich fühlte mich sehr gut, wusste, dass ich körperlich in Topform bin. Auch die Probleme mit der Achillessehne waren so gut wie weg. Deshalb war ich optimistisch und hatte hohe Erwartungen an mich. Ich wusste: Hier liegt viel drin.

Es war bitter, dass es nicht klappte. Dass die Sprünge technisch nicht gut waren. Wieso ich meine Leistung nicht abrufen konnte, weiss ich nicht. Doch ich fiel nicht direkt in ein Loch. Ich hatte einen solchen Spass am ganzen Wettkampf, dass mir das schlechte Resultat erst später bewusst wurde. Ich habe mir die Freude am Wettkampf nicht nehmen lassen, wollte alles aufsaugen. Darauf bin ich sehr stolz.

Die Enttäuschung kam dann als ich im Zimmer war, mich nach dem Essen und Duschen gerade hingelegt hatte. Doch nach der Besprechung mit meinem Trainer ging es auch wieder. Als ich in die Schweiz zurückgeflogen bin, war eine gewisse Leere da. Doch jetzt bin ich schon wieder sehr motiviert. Darauf, dass ich in der restlichen Saison nochmals zeigen will, was ich kann.

Liebe Grüsse, Salome Lang, Hochspringerin

Christian Kirchmayr: «Schwer wurde es vor allem, als ich mir die Eröffnungsfeier angesehen habe.»

Christian Kirchmayr verpasste die Olympischen Spiele.

Christian Kirchmayr verpasste die Olympischen Spiele.

zvg

Liebe Leute!

Im Mai teilte ich an dieser Stelle mit, dass ich die Qualifikation für die Olympischen Spiele verpasst habe. Leider. Ein paar Wochen später verkündete ich den Rücktritt vom Leistungssport. Es gab eine Zeit zwischen meinem persönlichen Entschluss und der öffentlichen Bekanntgabe, in der ich mich nicht sehr gut fühlte. Ich habe für mich gespürt, dass es nicht mehr weitergeht, doch die letzten Jahre haben mich so viele Leute unterstützt und an mich geglaubt, dass es anfangs schwer war und es sich wie ein egoistischer Schritt anfühlte, jetzt einfach aufzuhören. Doch die Bekanntgabe hat mir dann sehr gut getan, alle waren sehr verständnisvoll und unterstützend. Das war sehr schön und hat mich auch berührt.

Mein Alltag hat sich nicht auf einen Schlag komplett verändert, es ist eher eine langsame Anpassung. Ich habe bewusst nicht von täglich fünf Stunden Training auf Null geschaltet, sondern wollte den Übergang schonend gestalten. Sowohl für den Körper, aber vor allem auch für den Geist. Nach sieben Jahren Spitzensport ist die Gefahr gross, durch zu abrupte Veränderungen in ein mentales Loch zu fallen. Mittlerweile trainiere ich jeden Tag «nur» noch knapp 2 Stunden und nutze die restliche Zeit, um meine Masterarbeit zu schreiben und anderen Projekten nachzugehen, welche ich die letzten Jahre vernachlässigt habe.

Der Rückzug hat auch positive Seiten: Plötzlich habe ich freie Wochenenden oder kann am Abend auch mal Freunde treffen ohne das Training vom nächsten Tag im Hinterkopf zu haben. Profi bist du 24 Stunden – wenn du gerade nicht trainierst, bereitest du dich und deinen Körper auf das nächste Training vor.

Olympia habe ich natürlich trotzdem geschaut, auch wenn ich nicht dabei war. Denn der Anlass ist bei mir seit klein auf ein fixes Fernseherlebnis. Ich schaue dabei auch gerne Sportarten, welche man nur zu Olympia im Fernseher zu sehen bekommt. Es ist faszinierend, was die Athleten leisten, inspirierend, wenn man die besten der Welt sehen kann, wie sie mit uneingeschränkter Leidenschaft alles aus sich herausholen. Besonders wenn man weiss, wie viele persönliche Opfer jeder Athlet, jede Athletin erbringen muss.

Die Enttäuschung kam teilweise schon hoch. Darüber, dass ich die Qualifikation verpasste. Dass ich nicht dabei sein konnte. Schwer wurde es vor allem, als ich mir die Eröffnungsfeier angesehen habe. Die bekannten Gesichter der Spieler zu sehen, welche es geschafft haben, war nicht leicht. Aber dieses Gefühl hielt zum Glück nicht lange an und es hat mich auch nicht davon abgehalten, beinahe in jeder freien Minute die olympischen Spiele vor dem Fernseher zu verfolgen.

Liebe Grüsse, Christian Kirchmayr, ehemaliger Badminton-Profi

Aktuelle Nachrichten