Anfrage an Radio Eriwan: Kann der FC Alashkert die Champions League gewinnen?
Antwort: «Im Prinzip ja, aber es wird nicht passieren. Nicht jeder Schiedsrichter verhilft ihm zum Sieg.»

Wer sich in Eriwan aufhält, erinnert sich unweigerlich an diesen fiktiven Radiosender. Der zur Legende geworden ist, weil er mit viel Witz die Fragen seiner Zuhörer beantwortet und das kommunistische Sowjetregime mit feiner Ironie auf die Schippe genommen hat.

Ebenfalls für dumm verkauft, allerdings ohne Humor, fühlt sich in Eriwan am Dienstagabend die Delegation des FC Santa Coloma. «Der Schiedsrichter hat uns einen Penalty unterschlagen», wettert Trainer Richard Imbernón. Der Meister aus Andorra hat im Stadion der Republik gegen den FC Alashkert 0:1 verloren und wartet jetzt in der heissen Sommernacht auf die Rückfahrt ins Hotel.

Immerhin auf der Tribüne gibt es einen Ronaldo und einen Mkhitaryan zu sehen.

Immerhin auf der Tribüne gibt es einen Ronaldo und einen Mkhitaryan zu sehen.

Mit Blaulicht ist ihr Bus vor dem Spiel von der Polizei zum Stadion eskortiert worden. Ein grosser Moment, sind die Andorraner in ihrem normalen Leben doch keine Berufsfussballer und erfahren eine solche Ehre nur selten. «Zu Hause können wir die Armenier schlagen», sagt Verteidiger Ildefons Lima und erwartet ein Rückspiel auf Messers Schneide. Er war auch 2016 dabei, als sein Team in Eriwan nach drei Feldverweisen 0:3 verlor und ausschied.

Keine Spielwiese

Eines wird schnell klar: Die Champions League, die nur 24 Tage nach dem Final zwischen Real Madrid und Juventus Turin in ihre neue Spielzeit startete, ist auch im Frühstadium keine Spielwiese, auf der sich die Kleinsten der Kleinen unbeschwert tummeln. Zwar gibt es vor dem Spiel keine Hymne und sind keine Sternenbanner zu sehen, doch sonst erinnert vieles an die richtige Champions League: Hochglanzprogramm, Journalisten in Hülle und Fülle, und das erste armenische Fernsehen überträgt live.

Das Geschäft blüht. Popcorn ist der Renner.

Das Geschäft blüht. Popcorn ist der Renner.

Aus Georgien ist extra der Uefa-Delegierte Bakar Jordania angereist, um dem Heimverein auf die Finger zu schauen. Er meldet: «Der FC Alashkert hat alles im Griff. Die Feuerwehr ist da, die Sanität auch. Aber schauen Sie sich bloss einmal diesen wunderbaren Rasen an!»

Pünktlich um 20 Uhr schickt der Andorraner Quique Cubas mit seinem Ankick die Königsklasse auf ihren langen Weg nach Kiew, der am 28. Mai 2018 mit dem Final zu Ende gehen wird. Das Niveau der Partie ist mässig; auch wegen der 35 Grad, die bei Spielbeginn noch herrschen. Ein Ronaldo ist nicht zu sehen, und die Armenier haben auch keinen neuen Mkhitaryan zu bieten. Mit umso mehr Herz wird aber um jeden Ball und jeden Euro gekämpft. «Das Geld spielt auch für einen kleinen Klub eine wichtige Rolle», sagt Lima.

Hohe Antrittsgage

Jedem Erstrundenteilnehmer zahlt die Uefa eine Antrittsgage von 220 000 Euro. Wer die zweite Runde erreicht, erhält 320 000, und jeder nationale Meister, der die Gruppenphase nicht erreicht, kassiert noch einmal 260 000 Euro. Dagegen sind die Reisespesen, welche die Klubs aus dem eigenen Sack bezahlen müssen, fast schon Peanuts.

Einmarsch der Fans des FC Alashkert.

Einmarsch der Fans des FC Alashkert.

Der komplizierte Zwölfstundentrip von Andorra über Toulouse und Paris nach Eriwan kostete den FC Santa Coloma etwa 25 000 Franken. In der zweiten Runde winkt ihm ein Ausflug nach Weissrussland zu Bate Borisow. Auch dorthin würden sich keine Fans und Journalisten verirren.

Noch wichtiger als für die Andorraner aber sind die Europacupeinnahmen für die Armenier. Im bettelarmen Land am Kaukasus zählt jeder Rappen. Zwar hat der erst 1990 gegründete FC Alashkert dank dem Reiseunternehmer und Präsidenten Bagrat Navoyan mit einer Million Euro mehr Mittel als die anderen Vereine zur Verfügung. Doch viel bedeutet das nicht: Weil die wirtschaftliche Basis fehlt, sind in der höchsten Liga nur sechs Teams engagiert.

«Wir wollen Geschichte schreiben»

Die grosse Herausforderung für den FC Alashkert ist die Champions League. «Wir wollen Geschichte schreiben», hat Trainer Abraham Khashmanyan angekündigt und ist nun umso enttäuschter über dieses magere 1:0 gegen die Amateure aus den Pyrenäen. Schliesslich war sein Team extra ins Trainingslager nach Weissrussland gereist und sind alle seine Spieler Vollprofis.

Aber hochkarätige Ausländer kann sich auch Alashkert nicht leisten. Die schwarze Perle Lester Peltier aus Trinidad und Tobago ist nur beim Aufwärmen zu bewundern und der Serbe Uros Nenadovic erzielt zwar das einzige Tor (39.), bleibt sonst aber diskret. Viel unauffälliger jedenfalls als der Bergriese Ararat (5137 m), dessen schneebedeckter Gipfel hinter den Stadionsäulen so imposant in den Himmel ragt, dass der Blick immer wieder zu ihm hin schweift.

Doch für die Einheimischen ist das Alltag. Ganz im Gegensatz zum freien Eintritt, den ihnen der FC Alashkert für einmal beschert hat, um einen optimalen Support zu bekommen. So sind 6000 statt der üblichen 1500 Fans erschienen, füllen das Stadion aber nicht einmal zur Hälfte. Ein fanatisches Publikum bilden sie nicht. Viel trinken, viel Popcorn essen und viel plaudern ist ihnen wichtiger. Doch ein toller Abend kann auch so aussehen.