Chris Nikic
Ironman-Held mit Down-Syndrom, drei Löchern im Herzen, einer Schwäche für Pizza, Couch und Blondinen

Der 21-Jährige Chris Nikic hat in diesem Jahr als erster Mensch mit Down-Syndrom einen Ironman-Triathlon absolviert. Was ihn bewegt, was ihn antreibt, wie er andere inspiriert. Die Geschichte eines Siegers.

Simon Häring
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Chris Nikic hat in Florida als erster Sportler mit Down-Syndrom einen Ironman-Triathlon absolviert.

Chris Nikic hat in Florida als erster Sportler mit Down-Syndrom einen Ironman-Triathlon absolviert.

Michael Reaves / Getty Images North America

Schon seit vielen Jahren spielte er Golf, Basketball und rannte. Doch eines morgens blickte Chris Nikic in den Spiegel und sagte sich: «Konzentriere dich auf den Ironman. Denn wenn jemand den Ironman macht, dann kann er auch alle anderen Träume verwirklichen.» Kurz zuvor hatte der damals 19-Jährige an einem 1-Kilometer-Schwimmen teilgenommen und durfte sich auf einer Hauswand verewigen. Er entschied sich für «Chris World Champ». Chris Nikic hat Träume, wie sie viele in seinem Alter haben. «Mein eigenes Auto, mein eigenes Haus, und ich will eine wirklich heisse Blondine aus Minnesota als Frau. Das ist ein sehr wichtiger Teil meines Plans», sagte er im Herbst dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung».

Anfang November 2020. Es ist bereits dunkel, als Chris Nikic in Richtung Ziellinie läuft. Am rechten Knie klafft eine Wunde, die er sich bei einem Sturz vom Rad zugezogen hat. Er streckt die Händen in den Nachthimmel von Panama City Beach, Florida, und geniesst die vier magischen Worte: «You are an Ironman», du bist ein Ironman. Im Ziel der Träume nach 3,86 Kilometern im Wasser, 180 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen – absolviert in 16 Stunden, 46 Minuten und 9 Sekunden. Nikic fällt erst seinem Trainer, Dan Grieb, in die Arme. Dann seinem Vater Nik.

Chris Nikic ist jetzt ein Ironman – der allererste mit Down-Syndrom.

Operation am offenen Herzen mit fünf Jahren

Es schreibt die Geschichte eines Helden, wie man sie nur dann schreiben kann, wenn man zwei Eigenschaften auf sich vereint: Sich selber Träume zu erlauben – so gross, dass andere sie für grössenwahnsinnig halten – und die Beharrlichkeit, dafür zu arbeiten und jedes Hindernis überwinden zu wollen. Wieder aufzustehen, wenn einen das Schicksal zu Boden wirft. Einmal. Zweimal. Dreimal. Noch einmal. Immer wieder. Hinfallen – Aufstehen – Weitermachen. Es ist der Dreiklang, nach dem Nikic lebt.

Nikic kam 1990 mit drei Löchern im Herzen zur Welt. Im Alter von fünf Monaten musste er sich einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Bis zum dritten Lebensjahr konnte er nicht laufen. Er erkrankte immer wieder, reagierte allergisch auf Medikamente, das Gehör bereitete ihm Schwierigkeiten. Nach mehreren Ohr-Operationen innert kurzer Zeit prophezeiten die Ärzte, dass er nie wieder schwimmen könne. Nikic wurde träge und nahm stark zu – ein Umstand, mit dem viele Menschen mit Trisomie 21 während und nach der Pubertät zu kämpfen haben.

Zehn Mal so hart trainieren um Muskelmasse aufzubauen

Doch 2018 entdeckte Nikic seine Leidenschaft für den Triathlon. Noch im gleichen Jahr absolviert er erstmals einen Wettkampf. Im Januar 2020 folgte ein Triathlon über die Olympia-Distanz. Nikic wollte mehr: Ironman werden. Der Trainer war skeptisch. Denn Menschen mit Down-Syndrom leiden oft an Muskelschwäche, Nikic muss zehn Mal so hart trainieren, um die Muskelmasse aufzubauen, die es benötigt, um einen Ironman zu überstehen. Doch der Vater setzte sich durch, sagte: «Mein Sohn hat die gleiche Chance zum Scheitern verdient wie allen anderen auch.»

Nikic trainierte fortan während fast eines Jahres sechs Tage in der Woche; bis zu drei Trainingseinheiten zwischen einer und zwei Stunden. An den Wochenenden absolvierte er lange Radtrainings von zwischen sechs bis acht Stunden. Sein Sohn sei nicht nur fitter geworden, auch das Gedächtnis habe sich verbessert, er könne sich besser an Dinge erinnern und lerne schneller. Inzwischen hält der 21-Jährige auch Reden – und erzählt von seinem Motto: Jeden Tag ein Prozent besser zu sein als am Tag zuvor. Die Menschen lieben die Unschuld, mit der er berichtet. Und seine Geschichte.

Chris Nikic beim Schwimmstart des IRONMAN in Florida.

Chris Nikic beim Schwimmstart des IRONMAN in Florida.

GettyImages

Mit 15 konnte Nikic noch nicht Fahrrad fahren. Noch heute kann er nicht alleine auf- und absteigen, weil er an Gleichgewichtsstörungen und einer verminderten Reaktionszeit leidet. Er fährt ohne aerodynamischen Lenker, in aufrechter Position und ohne Klickpedale, was den Kraftaufwand vermindern würde. Er kann nicht gleichzeitig treten und sich verpflegen, weshalb er alle 30 Minuten absteigen muss, um zu trinken. Bei einer dieser Pausen, nach 60 Kilometern auf dem Rad, trat Nikic in einen Haufen von Feuerameisen. Die Knöchel schwollen an. Nach 80 Kilometern stürzte er. «Chris sah aus wie ein Zombie», erinnert sich seine Schwester Jacky.

Chris Nikic wollte aufgeben.

Der Traum von einer Blondine

Er tat es nicht, weil in jenem Moment, in dem sein Körper ihm mit jeder Faser sagte, dass er aufgeben solle, in dem er den Glauben an sich verloren hatte, jemand da war, der an ihn glaubte und ihn bestärkte: Vater Nik. Er wusste, dass es für seinen Sohn längst nicht mehr nur darum ging, einen Ironman zu beenden, sondern darum, sich selbst beweisen zu können, dass er in seinem Leben alles erreichen könne, was er sich wünscht: Ein Haus. Unabhängigkeit. Eine Frau, eine Blondine, so schön wie seine Mutter.

Also nahm er seinen Sohn zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr:

«Was lässt du gewinnen – deine Rückenschmerzen oder deinen Traum?»

Chris Nikic antwortete: «Mein Traum wird gewinnen!»

Und er begann wieder zu laufen. Ein Schritt. Zwei Schritte. Drei Schritte. So, wie er das in seinem Leben immer getan hatte, begleitet von seinem Trainer, Dan Grieb, mit dem er im Wasser und auf der Laufstrecke durch einen Gurt verbunden war. Dabei hat auch der unverhoffte Ironman mit seinem inneren Schweinehund zu kämpfen. Chris Nikic sagt: «Meine grösste Herausforderung ist, dass ich meine Couch, Videos und Pizza mag.» Heute sagt er: «Kinder mit Down-Syndrom werden unterschätzt. Die Ärzte und Experten reden alle Mist, darauf höre ich nicht mehr.»

200 Liegestütze, 200 Situps und 200 Kniebeugen am Tag

Chris Nikic erhält zahlreiche Briefe von Eltern, die sagen, er inspiriere ihre Kinder, «ich bin ihr Held.» Weil er versucht, jeden Tag ein Prozent besser zu werden. Vor einem Jahr begann er mit einem Liegestütz, einem Situp und einer Kniebeuge am Tag. Jetzt macht er jeden Tag 200 Liegestütze, 200 Situps und 200 Kniebeugen. «Das macht auch einen knackigen Hintern und darauf stehen die Ladys. Mein Ziel ist es, jede Blondine zu beeindrucken, der ich begegne.» Knapp 14 Minuten vor Ablauf der 17-stündigen Zeitlimite des Ironmans überquerte er die Ziellinie. Er sammelte damit 40'000 Dollar, und steht nun im «Guiness-Buch der Rekorde».

2021 tritt Chris Nikic beim härtesten Triathlon der Welt an: dem Ironman Hawaii. Es wird das nächste Kapitel seiner unglaublichen Geschichte.