Nachspielzeit

«Dafür gibt es nur ein Wort: Skandal!» – der Streit nach dem spektakulären Match zwischen St.Gallen und YB

Der Moment der Aufregung: YB-Stürmer Hoarau verschiesst in der Nachspielzeit einen Penalty, erhält aber noch einmal eine Chance, weil sich St. Gallens Torhüter Zigi wohl ein kleines bisschen zu früh bewegt.

Der Moment der Aufregung: YB-Stürmer Hoarau verschiesst in der Nachspielzeit einen Penalty, erhält aber noch einmal eine Chance, weil sich St. Gallens Torhüter Zigi wohl ein kleines bisschen zu früh bewegt.

Zwei Tore in der Nachspielzeit, eine umstrittene Penaltywiederholung und viele Szenen, die in der Hektik untergegangen sind. St.Gallen-YB war ein Spitzenspiel voller Spektakel und Emotionen – lesen Sie im Blog «Nachspielzeit», wie unsere Fussball-Reporter nach diesem 3:3 denken.

Wuillemin: 3:3, ein Spitzenspiel voller Spektakel und Emotionen und trotzdem habe ich nur ein Wort dafür: Skandal!

Brütsch: Warum zum Teufel? Ich habe den Fernsehapparat sehr zufrieden ausgeschaltet.

Wuillemin: Diese Penaltywiederholung ist doch ein Witz! Erstens steht der grossartige St.Galler Torhüter Zigi mit einem Hauch seines linken Fusses noch auf der Torlinie im Moment, wo Hoarau schiesst. Zweitens: Es stimmt tatsächlich, bei dieser Pingeligkeit müsste jeder verschossene Elfmeter wiederholt werden. Drittens: Kein einziger YB-Spieler reklamiert. Fazit: Wo bleibt die Liebe zum Fussball, zur Geschichte des Moments?

Brütsch: Falsch, die Bilder sprechen eine andere Sprache. Zigi verschafft sich einen Vorteil, indem er die Regeln nicht einhält. Basta!

Wuillemin: Wollen wir über den VAR reden?

Brütsch: Es ist mir ein Anliegen!

Wuillemin: Warum ist der mit Abstand beste Schiedsrichter des Landes verschachert hinter den TV-Bildschirmen im Studio von Volketswil anstatt auf dem Platz?

Brütsch: Weil er eben auch als VAR der Beste ist! Und: Wäre Sandro Schärer im Kybunpark auf dem Platz gestanden, hätte er den Penalty auch ohne VAR wiederholen lassen...

Wuillemin: Das bezweifle ich. Hingegen hätte er sich den Penalty mit Sicherheit nochmals angeschaut am Bildschirm. Item. Wo wir uns hingegen sicher einige sind: Der VAR an sich ist eine gute Sache. Und ständig wird nur über jene Szenen diskutiert, die trotz VAR strittig sind. Aber nie über all die Fehler, die er Woche für Woche zum Wohle aller korrigiert.

Brütsch: Das tut gut zu hören! Der Mensch tickt halt so: er pickt sich lieber das Schlechte heraus, anstelle des Guten. In der Bundesliga ist das besonders krass. Gerade an diesem Wochenende hat der VAR einige «Böcke» korrigiert und für deutlich mehr Gerechtigkeit gesorgt. Die Schiedsrichterbewertungen durch das Fachmagazin «Kicker »waren in der gesamten Geschichte der Bundesliga nie so gut, wie in den zweieinhalb Saisons mit dem VAR. Und dies, obwohl der «Kicker» alles andere als ein Freund des VAR ist. Das sagt doch alles!

Wuillemin: Nochmals zurück nach St.Gallen. Zwei Dinge sind untergegangen nach all dem Trubel in der Nachspielzeit. Weisst du, woran ich denke?

Brütsch: Ich vermute es! Vor seinem Kopfballtor zum 3:2 hat Görtler den YB-Verteidiger gestossen und damit entscheidend ausser Gefecht gesetzt. Und Hoarau hat dann, auf der Torlinie stehend, ganz alt ausgesehen. Diesen Ball hätten viele der Zuschauer im Stadion von der Linie spediert. Aber Hoarau hat kläglich danebengehauen.

Lukas Görtler köpft das 3:2 für St. Gallen. Guillaumen Hoarau schlägt auf der Linie auf Ball vorbei.

Lukas Görtler köpft das 3:2 für St. Gallen. Guillaumen Hoarau schlägt auf der Linie auf Ball vorbei.

Wuillemin: Ja, Hoarau. Oder müssten wir korrekterweise sagen: Der Fasnächtler, der sich mit dem Trikot jenes Mannes verkleidet hat, der einmal der aufregendste Stürmer der Schweiz war? Hoarau überzeugt mich momentan mehr hinter dem Mikrophon als Sänger. Ich muss mich aber wiederholen: Aus Liebe zu den Geschichten im Fussball hoffe ich sehr, dass er einen schönen Karrieren-Abschluss findet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass YB seinen Vertrag nochmals verlängert.

Brütsch: In dieser Verfassung sicher nicht. Und das zu Recht.

Wuillemin: Und dann finde ich es bemerkenswert und gut, dass die St.Galler Betreuer ihren Verteidiger Yannis Letard nach einem heftigen Zusammenprall daran gehindert haben, wieder auf den Platz zurückzukehren. Gegen den Willen des Spielers. Auch wenn sie damit die eigene Mannschaft geschwächt haben.

Der fatale Zusammenprall: Yannis Letard kracht mit Jean-Pierre Nsame zusammen, fällt auf Rücken und Kopf – und muss das Spielfeld verlassen.

Der fatale Zusammenprall: Yannis Letard kracht mit Jean-Pierre Nsame zusammen, fällt auf Rücken und Kopf – und muss das Spielfeld verlassen.

Brütsch: Dieser Wechsel war sicher ein Nachteil für die St. Galler. Aber klar haben die Betreuer vorbildlich gehandelt. Der Spieler selber ist in einem solchen Moment nicht in der Lage, seine Situation richtig einzuschätzen. Die Gesundheit steht über allem.

Wuillemin: Und welchen Einfluss hat die Partie von gestern nun auf das Meisterrennen? Hat YB tatsächlich einen ernstzunehmenden Konkurrenten?

Brütsch: Ja, das glaube ich auf alle Fälle. YB hat mich gestern nicht überzeugt. Nach der Pause waren die Berner viel zu passiv. Das waren sie in der letzten Saison eigentlich nie. Zumindest gefühlt nicht. So wie es jetzt aussieht, bleibt uns der Dreikampf an der Spitze noch eine Weile erhalten. St. Gallen spielt derzeit aber den attraktivsten Fussball und war auch besser als YB.

Wuillemin: Den attraktivsten Fussball – auf jeden Fall, ja. Aber ich glaube schon auch, dass sich am Ende jenes Team durchsetzt, das am besten durch die Krisen kommt. Und das ist zweifellos YB. Seit Wochen läuft es nicht. Auch gestern war das über weite Strecken bieder. Aber dann retten Nsame, Ngamaleu (welch Wundertor!) und Hoarau die Berner eben doch. St.Gallen dagegen hat seine Krise noch nicht erlebt. Bleibt uns noch ein Wort zum FC Basel...

Brütsch: Ich würde ihn noch lange nicht abschreiben. Obwohl es natürlich keine Heldentat ist, zu Hause einen 2:0-Vorsprung herzuschenken. Aber Servette war ein wirklich starker Gegner und am Schluss hat den Baslern bei Widmers Grosschance auch etwas das Glück gefehlt.

Wuillemin: Einverstanden, Servette ist in dieser Saison schlicht grossartig, hätte auch gegen Basel noch mehr Tore schiessen können als nur zwei. Aber: Die Spiele der verpassten Chancen beim FCB mehren sich. Diese Punkte fehlen am Ende. Wenigstens macht er uns in Europa weiter so richtig Freude.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1