Turnfest

«Das Eidgenössische ist ein Segen für uns» – das sagt der Aargauer Chefturner zum Start des Mega-Events

Jörg Sennrich am Aargauer Kantonalturnfest in Muri 2017.

Heute beginnt in Aarau das Eidgenössische Turnfest. Präsident Jörg Sennrich und der Aargauer Turnverband sind in diesen Tagen und Wochen stark gefordert.

Wer Jörg Sennrich telefonisch erreichen will, benötigt einen langen Atem. Der Präsident des Aargauer Turnverbandes beklagt sich derzeit sicher nicht über Langeweile. Sei es als Vizepräsident des Organisationskomitees für das Eidgenössische Turnfest oder als Taktgeber für das neue Aargauer Turnzentrum – aussergewöhnliche Ereignisse prägen seinen Alltag als Sportfunktionär. Wir haben vor Beginn des ETF seinen Puls gefühlt.

Wie gross beschäftigt das Eidgenössische Turnfest den Präsidenten des Aargauer Turnverbandes?

Es ist allgegenwärtig und dominiert die Agenda. Ich beschäftige mich seit Wochen tagtäglich mit einem bunten Strauss an Themen.

Sind Sie neben der Tätigkeit als Vizepräsident im OK auch anderweitig am ETF im Einsatz?

Ich engagiere mich als Helfer, habe während des Fests verschiedenste Schichten. Jüngst kam die Anfrage, ob ich auch einmal zum «Fötzele» käme. Man ist Turner und gemeinsam mit allen anderen eine Familie. Da hilft man einander, wo man gebraucht wird. Das macht ein Turnfest aus.

Ist ein solch grosses Ereignis im eigenen Kanton für den Aargauer Turnverband eigentlich Fluch oder Segen?

Es ist ein Segen. Das Turnen findet im Sportalltag eher versteckt im Kleinen, mit der typisch turnerischen Bescheidenheit statt. Dank dem Eidgenössischen erhält es eine ausserordentliche Aufmerksamkeit und Präsenz, welche für das Turnen einen unbezahlbaren Wert hat. Aargauer Vereine werden von den Medien bei ihren Auftritten begleitet. Es werden Geschichten geschrieben und erzählt. Unsere Turner haben die Möglichkeit, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Und sie können an den Wettkämpfen demonstrieren, was sie alles leisten. Und das Fest ist nicht nur für die Turnvereine, sondern auch für die Bevölkerung und die Gesellschaft ein toller Anlass.

Wo profitiert man als ATV davon?

Der Profit für den Verband steht an zweiter Stelle. Und Profit ist auch das falsche Wort. Es ist ein Mehrwert, den man durch die Aufmerksamkeit erhält. Dieser kommt weniger dem Verband als vielmehr all den Ehrenamtlichen im Breitensport zugute, die sich rund um das Turnen im Aargau engagieren. Die mediale Präsenz des ETF ist auch ein Dankeschön an sie. Der Verband schafft Strukturen und den Rahmen, aber profitieren sollen die Turnvereine.

Wo frisst es Ressourcen?

In der Organisation und Planung sind unheimlich viele Aargauer Turnerinnen und Turner in verschiedensten Funktionen für den Anlass tätig. Der Verband leistet mit den bescheidenen Mitteln seiner Geschäftsstelle Support. Und der ATV stellt die Anmeldestelle für die teilnehmenden Vereine. Dafür haben wir Mitarbeiter freigestellt.

Das eigene grosse Turnfest, das Kantonale in Wettingen, soll nun bereits 2022 anstatt wie vorgesehen 2023 stattfinden?

Das ist richtig. Dazu laufen intensive Gespräche. Es braucht für ein solches Fest immer eine Crew, welche sich für die Führung und Organisation zur Verfügung stellt. Ich bin sehr froh, dass sich die Region Baden-Wettingen für dieses Kantonalturnfest engagiert.

Und dann ist man vonseiten Verband auch betreffend den vorgesehenen Sechs-Jahre-Rhythmus flexibel?

Ja, man muss Rücksicht nehmen auf die Situation in der entsprechenden Region. Und da die Badenfahrt nun definitiv im Jahr 2023 stattfinden soll, sind wir genügend flexibel und agil, um unseren Anlass zeitlich anzupassen. Am Schluss ist es immer auch eine Frage der Ressourcen und des Supports für ein solch grosses Ereignis.

Das grösste Projekt des ATV heisst aber nicht Turnfest, sondern Turnzentrum. Die geplante Eröffnung in Lenzburg im September 2021 ist ein sehr, sehr ambitioniertes Ziel?

Das ist so. Wir sind das Projekt sportlich gestartet und ziehen es sportlich durch. Wir haben in den letzten Wochen intern die notwendigen Strukturen geschaffen. Man muss auch sehen, dass ein Turnzentrum bauen nicht der Alltag eines Sportverbandes ist. Es ist anspruchsvoll. Wir werden nach den Sommerferien wieder über den aktuellen Stand informieren und dann auch das Fundraising lancieren.

Will man den Zeitpunkt der Eröffnung einhalten, müsste der Spatenstich in ziemlich genau einem Jahr erfolgen?

Korrekt, wir gehen davon aus, dass der Spatenstich im Sommer 2020 erfolgt, wenn alles mitspielt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als dieses ambitionierte Ziel mit der entsprechenden Zuversicht anzugehen.

Als Rechtsform soll es nun eine Stiftung sein. Wieso?

Wir sind derzeit in den letzten Abklärungen. Es geht um viel Geld und die Frage war dabei, wie man den Verband schützen kann. Wichtig ist, dass das neue Gefäss keinen Profitgedanken verfolgt. Deshalb steht eine Stiftung im Raum.

Ein wichtiger Personalentscheid steht an: Der Chef Breitensport – der sogenannte Kantonaloberturner – Andreas Wernli tritt zurück. Wer wird ihn beerben?

Der Nachfolger oder die Nachfolgerin ist noch nicht bekannt. Wir haben mit mehreren Kandidaten gesprochen. Bei solch tragenden Funktionen gibt es selten viele Personen, die darauf warten. Deshalb ist es eine grosse Herausforderung. Wir haben aus diesem Grund auch beschlossen, dass wir dem Chef Breitensport neu mit einer Teilzeitstelle auf der Geschäftsstelle operativen Support geben wollen. So wie wir das vor einigen Jahren auch im Bereich Spitzensport lanciert haben. Die Stelle soll mit 20 bis 30 Prozent starten und wird sehr bald ausgeschrieben. Wir erhoffen uns damit auch eine zusätzliche Motivation für allfällige Kandidaten als Chef Breitensport.

Finanziell steht der Verband gut da. Einerseits hat man mit den Rückstellungen Reserven von mehr als 1 Million Franken, andererseits versucht man derzeit, mit neuen Projekten zusätzliche Geldquellen zu erschliessen?

Wir haben versucht, dem Aargauer Turnverband einen gewissen Innovationscharakter mit auf den Weg zu geben. Wir haben eine Vision formuliert, obwohl es natürlich schwierig ist, wirklich in die Zukunft zu schauen. Aber ich bin der Überzeugung, dass man als Sportverband eine Perspektive haben muss. Wir wollen neue Wege beschreiten und wer das von sich sagt, kann in der Regel niemandem hinterherlaufen. Wir sind gut unterwegs und haben neue Plattformen lanciert. Zum Beispiel bei den Kindern entsteht im polysportiven Bereich ein neuer Kids-Club, der auch für Partner interessant sein kann. Es ist ein Einstieg in den Sport und es ist dabei auch okay, wenn sich die Kinder später für eine andere Sportart entscheiden. Und wir haben Anfang Jahr Aargau aktiv lanciert. Das ist eine Plattform, auf welcher sämtliche Aargauer Vereine in 70 Sportarten mit rund 100 000 Mitgliedern als Basis präsent sind. Dort gibt es einen integrierten Marktplatz, wo sich Anbieter im Bereich Sport, Bewegung und Gesundheit mit ihren Dienstleistungen und Services in diesem Sportumfeld präsentieren können. Das sind unsere jüngsten Projekte.

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