Olympische Spiele

Das Ende mit Schrecken ist eine Chance, den Schrecken ohne Ende und den Gigantismus zu beenden

Simon Häring
Die Olympischen Spiele in Tokio sollen im Sommer 2021 stattfinden.

Die Olympischen Spiele in Tokio sollen im Sommer 2021 stattfinden.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe initiiert die Verschiebung der Olympischen und der Paralympischen Spiele in Tokio. Es wäre auch die Chance auf eine Rückbesinnung auf die Werte der olympischen Bewegung. Stattdessen wird bereits wieder Symbolpolitik betrieben. Die Analyse.

Thomas Bach zierte sich, er wand sich, er gab Durchhalteparolen von sich, und vor allem: Er spielte auf Zeit. Eine Absage oder Verschiebung der Spiele in Tokio? Für den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees IOC bis vor einer Woche noch undenkbar. Doch der Deutsche hatte die Rechnung ohne die wichtigsten Akteure gemacht: die Sportler.

Am Wochenende erklärte Säbelfechter Max Hartung im Sportstudio, er werde auf eine Teilnahme verzichten. Die Kanadierin Hayley Wickenheiser, als Eishockey- und Softballspielerin fünf Mal bei Olympischen Spielen, Ärztin und seit 2014 Mitglieder der Athletenkommission, sagte, das IOC handle nicht nur unverantwortlich, sondern auch gefühllos. Kanada, Australien und die USA erklärten, im Sommer keine keine Athleten nach Tokio zu schicken. Und die Schweiz beantragte offiziell eine Verschiebung.

Die Welt ist gerade mit anderen Fragen beschäftigt als dem sportlichen Wettkampf. Wenn man so will, ist der Gegner nicht die Uhr, sondern das Coronavirus, das eine globale Pandemie verursacht hat. Inzwischen haben sich knapp 400'000 Menschen infiziert und 16'500 Menschen sind an der Lungenkrankheit Covid-19 verstorben.

Längst sind alle Sportanlässe des Sommers abgesagt, eine faire Qualifikation war nicht mehr möglich, nicht einmal an Training ist zu denken. Olympische Spiele sind für viele Sportler der Höhepunkt der Karriere und die Erfüllung eines Kindheitstraums. Und doch ist das kollektive Durchatmen nach der Verschiebung gross. Die Athleten sind nun vom Druck befreit, ihr Training in Ungewissheit und unter den Einschränkungen der Corona-Krise fortzuführen.

Das Coronavirus diktiert auch in Japan das öffentliche Leben.

Das Coronavirus diktiert auch in Japan das öffentliche Leben.

Olympische Spiele als Geisel des Geldes

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe bereitet nun dem olympischen Trauerspiel ein Ende, bevor es zu einem Schrecken ohne Ende geworden wäre. «Ich habe Thomas Bach vorgeschlagen, die Spiele um ein Jahr zu verschieben, und Präsident Bach hat dem zu 100 Prozent zugestimmt», lässt sich Abe in einer gemeinsamen Mitteilung zitieren. Ein Ersatztermin steht noch nicht fest.

Den Olympische Spielen dichtet man gerne eine friedensfördernde und völkerverbindende Kraft an. Bemüht Werte wie Verständigung, Toleranz und vor allem: Solidarität. Reine Augenwischerei. Im Spiegel politischer Strömungen und Ereignisse zerbricht die schöne Utopie regelmässig an der harten Realität. Die Olympische Spiele sind eine Bühne für Selbstdarsteller, Demagogen, Autokraten und Propagandisten.

Und vor allem sind sie eine Geisel des Geldes, und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Japan hat über 20 Milliarden Dollar investiert. Der amerikanische TV-Sender NBC zahlt bis 2032 fünf Milliarden Dollar für die Übertragungsrechte. Die TV-Sender sind durch Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime sowie On-Demand-Angebote in Bedrängnis geraten. Livesport ist eine der letzten Bastionen.

NBC sagt, man habe bereits Werbefenster im Wert von 1,25 Milliarden Dollar verkauft. Experten gehen davon aus, dass durch die Verschiebung Mehrkosten von bis zu 6 Milliarden Dollar entstehen. Die Olympischen Spiele in Tokio werden damit zweifellos die teuersten der Geschichte. Das ist nicht mehr abzuwenden. Bach war 2013 mit dem Versprechen angetreten, dem Gigantismus ein Ende zu bereiten. Er blieb den Beweis bis heute schuldig.

IOC-Präsident Thomas Bach spielte eine unglückliche Rolle im Trauerspiel um die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio.

IOC-Präsident Thomas Bach spielte eine unglückliche Rolle im Trauerspiel um die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio.

Symbolpolitik statt Mässigung

Die Olympischen Spiele in Tokio werden damit zweifellos die teuersten der Geschichte. Das ist nicht mehr abzuwenden. Doch die Verschiebung birgt auch Chancen. Thomas Bach war 2013 mit dem Versprechen angetreten, dem Gigantismus ein Ende zu bereiten. Fünf Mal wurden Olympische Spiele bisher abgesagt – 1916 fielen die Sommerspiele in Berlin wegen des ersten Weltkriegs aus.

Dem zweiten Weltkrieg fielen die Sommerspiele 1940 in Tokio und 1944 in Berlin zum Opfer, dazu die Winterspiele 1940 in Cortina d'Ampezzo und 1944 in Sapporo. Sie mögen einwenden, damals sei es auch noch nicht um so viel Geld gegangen wie heute. Und Sie haben damit sicher Recht. Aber vielleicht liegt die Wurzel des Übels genau dort: Die Olympischen Spiele haben sich viel zu weit von ihren einstigen Werten entfernt. Die Verschiebung wäre die Gelegenheit zur Rückbesinnung.

Doch es bestehen erhebliche Zweifel, ob man beim IOC die Zeichen der Zeit wirklich erkannt hat. Statt sich in Mässigung zu üben, wird wieder Symbolpolitik betrieben. Präsident Bach glaubt, sein Gesicht gewahrt zu haben, indem er die Verantwortung auf die Weltgesundheitsorganisation WHO abschob. Und schliesslich bat letztlich Japans Ministerpräsident Shinzo Abe ihn, die Spiele zu verschieben – und nicht umgekehrt.

Keine Absage also, sondern eine Verschiebung. Ein Novum in der Geschichte, das man als Sieg der olympischen Bewegung verkaufen kann. Bisher sollten die Olympischen Spiele und die Paralympischen Spiele, die ebenfalls abgesagt wurden, ein Symbol für die Resilienz Japans sein und stehen, neun Jahre nach dem Tsunami und der Nuklearkatastrophe von Fukushima, unter dem Motto: «Hoffnung erhellt unseren Weg.»

Und nun? Nun erklärte Shinzo Abe die Spiele vorsorglich bereits als Symbol für den Sieg der Menschheit über die Pandemie.

© CH Media

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