Beachvolleyball

Das Schweizer Männerbeachvolleyball steckt im Sand fest

Mats Kovatsch (l.) und Sébastien Chevallier beendeten ihre Karrieren im besten Beachvolleyball-Alter.

Mats Kovatsch (l.) und Sébastien Chevallier beendeten ihre Karrieren im besten Beachvolleyball-Alter.

Noch vor wenigen Jahren gehörte die Schweiz zu den besten Beachvolleyball-Nationen weltweit. Trotz Nationalem Leistungszentrum ist davon heute nichts mehr erkennbar.

Schweizer Männer und Beachvolleyball – da war doch mal was! Genau, kurz vor der Jahrtausendwende, als der Sport mit den freizügigen Athleten am europäischen Festland den Anker warf. Als plötzlich im Alpenland Schweiz lastwagenweise Sand herumgescheppert wurde. Als Beachvolleyball nicht mehr bloss die belächelte Art war, in der Badi scharenweise Frauen um den Verstand zu bringen. Konkret: Beachvolleyball wurde professionell, also mehr als ein Hobby und 1996 ins olympische Programm aufgenommen.
Das war die Zeit der Gebrüder Laciga. Paul und der vier Jahre jüngere Martin wurden zu Pionieren. Nicht nur gewannen sie drei EM-Titel in Folge (1998 bis 2000), als erste Europäer überhaupt führten die Vizeweltmeister von 1999 die Weltrangliste an. Ein Sogeffekt zeigte sich, als kurz nach ihnen die Duos Patrick Heuscher/Stefan Kobel und Sascha Heyer/Markus Egger auf die internationale Bühne traten. Auch hier liess der Erfolg nicht lang auf sich warten: Heuscher/Kobel gewannen 2004 in Athen Olympia-Bronze. Sascha Heyer und Markus Egger durften sich 2001 als Europameister feiern lassen, und als Egger 2004 den Rücktritt gab, schloss sich sein Partner Heyer mit Paul Laciga zusammen. Das neue Duo wurde fulminant Zweite an der WM 2004.

Die Schweizer Bilanz ist ernüchternd
Die Tatsache, dass zu Spitzenzeiten drei Schweizer Duos in den Top 10 der Welt vertreten waren, liess sich sehen. Der Blick auf die Weltrangliste, aktualisiert am 5. Oktober 2015, verheisst aber nichts Gutes. Auf der Suche nach dem weissen Kreuz auf rotem Grund müssen die Augen um einiges nach unten wandern. Doch dann bleiben sie stehen – auf Rang 30 beim eidgenössischen Duo Gabathuler/ Gerson.

Die helvetische Bilanz ist ernüchternd. Die klingenden Namen haben sich aus dem Spitzensport verabschiedet. Die Rücktrittswelle folgte nach Olympia 2012. Mit Martin Laciga, Sascha Heyer und Patrick Heuscher traten gleich drei jener Männer zurück, die das Beachvolleyball einst geprägt hatten.
Zeit für die jungen Pflänzchen also, die bis anhin im Schatten der Grossgewächse gestanden hatten. Doch weit gefehlt. International ist die Schweiz in der Versenkung verschwunden. Sinnbildlich dafür ist, dass Sébastien Chevallier und Mats Kovatsch ihre Karrieren auf Ende Saison beenden. Beides Spieler im besten Alter (Chevallier 28, Kovatsch 26) ohne Verletzung, die einen Rücktritt begründen würde.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass das Kader dünn ist, Talente mit Luft nach oben sucht man vergebens. «Auf der World Tour gibt es immer mehr Nationen, die professionelles Beachvolleyball spielen. Das Feld ist immer dichter beieinander», sagt Stefan Kobel. «Zudem haben Nationen wie Russland, Brasilien, Deutschland, Holland oder die USA in den letzten Jahren massiv investiert.»
Geld in die Hand genommen hat man aber auch in der Schweiz. Um dem Generationenwechsel entgegenzuwirken, erfolgte 2009 die Inbetriebnahme des Nationalen Leistungszentrums (NLZ) in Bern. Vollamtliche Trainer kümmern sich seither zentral um die besten Duos der Schweiz und um junge, ambitionierte Spieler, auf denen grosse Hoffnungen ruhen.

Die Basis sei absolut vorhanden, sagt Sascha Heyer. «An den Strukturen kann es in der Schweiz nicht scheitern. Das Leistungszentrum und der Verband sind super. Man will wieder Erfolge erzielen.» Er ist überzeugt, dass die Schweiz das Generationenproblem in den nächsten Jahren in den Griff bekommen wird, denn: «Die vollamtlichen Trainer leisten tolle Arbeit.»

Heuschers harsche Worte

Doch das war nicht immer so – findet zumindest Patrick Heuscher. Brisant: Er spricht von der Zeit, als Stefan «Steff» Kobel Nationaltrainer war. «Nach unserer Generation wurde falsch und zu ungenau gearbeitet.» Die Worte lassen aufhorchen, bildeten Heuscher und Kobel doch jenes Duo, das vor gut zehn Jahren die bisher einzige Olympia-Medaille für die Schweiz holte. Heuscher wird konkret: «Man hat den Fokus zu wenig auf die technischen Elemente gelegt.» Zu viele Spielflussübungen seien trainiert worden, was die Spieler in der Komfortzone habe ausharren lassen.

Die Worte von Patrick Heuscher wirken harsch. «Es werden wohl nicht alle Freude an meinen Aussagen haben, doch es musste mal gesagt sein.»
Anfang 2014 ging die «Ära Kobel» zu Ende, sein Amt übernahm Markus Egger. Für den Trainerwechsel findet Heuscher nur Worte des Lobes: «Mit Markus Egger als Trainer wird die Situation zu 100 Prozent besser.» Die beiden kennen sich noch von Zeiten, als Egger Heuscher coachte.
Mit Markus Egger in eine rosige Zukunft? Mit der aktuellen Ausgangslage schwer zu glauben, zumindest kurzfristig. Sascha Heyer hat die Hoffnung aber nicht verloren. Der 43-Jährige betont die gute Situation der Junioren, die durch die vielen nationalen Turniere ansprechende Möglichkeiten hätten. Von den Weltmeisterschaften 2019 verspricht er sich viel, wo herangereifte, erfolgshungrige Schweizer wieder mehr erreichen könnten. Auch Heuscher glaubt an die Jugend: «Mit Marco Beeler und Mirco Gerson haben wir Spielertypen. Mit ihnen kann gearbeitet werden.»

Wann und ob mit der nächsten Goldenen Generation gerechnet werden kann, steht in den Sternen. Einzig die Zeit wird zeigen, ob Markus Eggers Arbeit im NLZ Früchte tragen wird und wieder eine (oder mehrere) Schweizer Flaggen weit oben in der Weltrangliste aufleuchten werden.

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