Rückblick

Das sind die Oscar-Gewinner des Sportjahres 2015

Wer gewinnt den Sport-Oscar 2015?

Wer gewinnt den Sport-Oscar 2015?

Die «Nordwestschweiz» vergibt die Sport-Oscars des Jahres 2015 in acht Kategorien. Das beste Drehbuch schrieb ein Länderspiel, die beste Seifenoper der Eishockey und warum ist Roger Federer eigentlich nur der beste Nebendarsteller?

Bester Special Effect: Der Geldregen über Sepp Blatter

Sepp Blatter wird am 20. Juli an einer Pressekonferenz von Komiker Simon Brodkin mit Geld beworfen.

Sepp Blatter wird am 20. Juli an einer Pressekonferenz von Komiker Simon Brodkin mit Geld beworfen.

Mehr Symbolik in einem Bild ist eigentlich nicht möglich. Sepp Blatter möchte über den schönen Fussball sprechen, über Reformen in seiner Fifa – aber er ist gefangen im Regen der Geldscheine, welch Drama! Es ist ein Montag im Juli, Blatter hält Hof in Zürich, auch weil er klarmachen will, dass er es ernst meint mit seinem Rücktritt als Fifa-Präsident. Doch dann baut sich Simon Brodkin vor ihm auf.

Der englische Komiker hat sich als Journalist getarnt Zutritt in Blatters Reich verschafft. Er steht vor Blatter, wirft einen Bündel (echter!) Dollarnoten in die Luft und ruft: «Sepp, das ist für die WM 2026 in Nordkorea!». Blatter weiss nicht, wie er reagieren soll, ruft die Security, dann unterbricht er seine Rede. Vielleicht ahnt er in diesem Moment schon, dass ein Bild für die Ewigkeit entstanden ist.

Ein Bild, das ihn sichtbar in einen Zusammenhang stellt mit Schmiergeld. Lange navigierte Blatter viel besser als viele andere im Fifa-Sumpf der Korruption. Nun hat es ihn aber doch noch erwischt. Wegen einer 2-Millionen-Zahlung an Einst-Freund-jetzt-Feind Michel Platini. Das Jahr 2015 ist das schlimmste für Sepp Blatter in seiner unendlich scheinenden Zeit bei der Fifa. Zu Ende gegangen soeben mit seiner Verbannung als Funktionär für acht Jahre – wahrscheinlich also für immer. Blatter will dagegen ankämpfen. Aber die Frage ist nicht, ob er noch einmal in den Fussball zurückkehrt. Die Frage ist nur: Muss Blatter auch noch ins Gefängnis? (ewu)

Bestes Make-up und beste Frisuren: Eine Frisur stellt alles andere in den Schatten

Breels blonder Kamm sorgte für Diskussionen.

Breels blonder Kamm sorgte für Diskussionen.

Wette verloren? Oder war das sogar ein erster Anflug von Starallüren? Bis zum 26. November 2015 fielen Breel Embolos Leistungen ins Auge, weniger sein Äusseres und schon gar nicht seine stinknormale Kurzhaarfrisur. Doch als die Profis des FC Basel an diesem Donnerstagabend das Joggeli betreten, um sich für die Partie gegen Fiorentina aufzuwärmen, blendet das Ding da auf Embolos Kopf.

Was ist das? Ein goldener Kamm? Ein oranger Puschel? Und dann diese in den Schädel rasierten Hieroglyphen? Was auch immer uns der 18-Jährige da präsentiert – Embolo erreicht sein Ziel: Er fällt auf, so, wie dies Stars halt zu tun pflegen. Embolos Haarpracht (oder besser Haargraus?) ist DAS Gesprächsthema an diesem Tag. Und nicht etwa die Rückkehr von Ex-Coach Paulo Sousa nach Basel.

Oder das 2:2 des FCB gegen Serie-A-Spitzenreiter Fiorentina, verbunden mit dem erstmaligen Gruppensieg im Europacup. Übrigens: Den Fiorentina-Profis passt es gar nicht, dass ihnen der Jüngling mit schräger Frisur die Show stiehlt. Denn normalerweise sind sie, die Italiener, die mit den schönsten Frisuren. Sie veranstalten eine 90-minütige Hetzjagd auf Embolo, schlagen und treten ihn am ganzen Körper.

Der grösste Rüpel ist Roncaglia, der Embolo mit voller Absicht den Ellbogen ins Gesicht schlägt – rote Karte! Übrigens: Embolo rechnete wohl nicht mit so viel Aufhebens um seine Frisur. Und erschien am Tag darauf wieder mit unauffälliger Kurzhaarfrisur zum Training. Oder wollte Mama Germaine ihren «normalen» Breel zurück? Wir finden: Danke Breel für die beste Frisur des Jahres, dafür den Oscar! Aber pssst: Danke, dass du jetzt doch wieder normal aussiehst! (wen)

Die besten Nebendarsteller: Federer und Hingis spielen zweite Geige

Vor mehr als zehn Jahren gewannen sie den Hopman-Cup - Jetzt greifen Martina Hingis und Roger Federer nach Olympia-Gold in Rio.

Vor mehr als zehn Jahren gewannen sie den Hopman-Cup - Jetzt greifen Martina Hingis und Roger Federer nach Olympia-Gold in Rio.

Sie sind das Schweizer Traumpaar für die Olympischen Spiele 2016 in Rio: Roger Federer und Martina Hingis. Im Mixed werden die Tennisprofis für die Schweiz auf Medaillenjagd gehen. Und das ist gut so. Denn: Olympiagold glänzt immer, egal in welcher Disziplin. Auf der Profitour ist das nicht ganz so. Mit 34 Jahren legte Federer eine glänzende Saison hin und spielte dennoch meist nur die Nebenrolle. Novak Djokovic überstrahlte alles, wenn es ums ganz grosse Kino ging.

In den drei wichtigsten Finals spielte Djokovic den Schweizer an die Wand: Wimbledon, US Open und World Tour Finals. Entsprechend kassierte der Serbe auch ab. 21 592 125 Dollar strich er als Gage in diesem Jahr ein. Daneben sind Federers 8 682 892 Dollar geradezu bescheiden. Immerhin liegt er als Nummer drei der Welt in der Rangliste gut 450 000 Dollar vor der Nummer zwei, dem Schotten Andy Murray. Die falsche Bühne wählte Martina Hingis.

Im Einzel mag sie sich nicht mehr quälen, sie hat Doppel und Mixed als Spielwiese entdeckt. Zehn Doppeltitel hat sie gewonnen, darunter Wimbledon, das US Open und die WTA Finals. Sie triumphierte im Mixed in Australien, Wimbledon und beim US Open. Doch Doppel und Mixed sind nicht Einzel. «Nur» 1 960 000 Dollar spielte Hingis ein. Serena Williams kassierte 10 582 642 Dollar und Timea Bacsinszky als Nummer zwölf im Einzel verdiente etwa so viel wie Nebendarstellerin Hingis. (mic)

Bestes Szenenbild: Der Vorhof zum Knast

Das Hotel Baur au Lac bietet den Rahmen für zahlreiche Fifa-Verhaftungen.

Das Hotel Baur au Lac bietet den Rahmen für zahlreiche Fifa-Verhaftungen.

Es war einmal ein ziemlich edles Hotel, von seinen vornehmen Kunden geschätzt als Hort des Luxus und der Ruhe. Wer heute Abend im «Baur au Lac» noch ein Zimmer möchte, der kann das problemlos haben. Für 4209 Franken. Inklusive Blumen, Champagner sowie Anreise- und Abreisetransfer. Dumm nur, dass im Jahr 2015 die Sache mit dem Abreisetransfer etwas anders gelaufen ist, als sich das die Chefs der Luxus-Pforte vorgestellt hatten.

Am frühen Morgen des 27. Mai klicken im «Baur au Lac» die Handschellen. Hochrangige Fifa-Funktionäre werden aus dem Bett geholt und verhaftet. Mitarbeiter des Hotels versuchen, mit weissen Tüchern zu verdecken, was noch zu verdecken ist, während die Fifa-Scharlatane abgeführt werden. Es ist ein Spektakel, die wirkungsvollste Fifa-Razzia der Geschichte, die gesamte Weltpresse ist vor Ort und nimmt das «Baur au Lac» in Beschlag. Ende des Jahres wiederholt sich die Szenerie noch einmal.

Orchestriert ist alles von der amerikanischen Justizministerin Loretta Lynch. Das «Baur au Lac» ist nicht mehr länger ein Ort des Genusses, sondern die Absteige von Ganoven, quasi der Vorhof zum Knast. Wer wirklich noch 4209 Franken übrig hat, sucht sich besser eine andere Unterkunft – ohne den inbegriffenen Abreisetransfer ins Gefängnis. (ewu)

Bestes Drehbuch: Grosse Wende trotz Balkan-Graben

Aus 0:2 mach 3:2 - Die Schweiz dreht gegen Slowenien ein irres Spiel.

Aus 0:2 mach 3:2 - Die Schweiz dreht gegen Slowenien ein irres Spiel.

Es ist das wichtigste Spiel der EMQualifikation. Die Schweiz empfängt Slowenien. Die Revanche für die bittere Niederlage in Maribor. Captain Inler muss draussen bleiben. Xhaka darf erstmals Chef sein. Und dann so ein Auftritt! Fast 80 Minuten ist das Team von Trainer Vladimir Petkovic ein einziges Rätsel. Keine gelungenen Spielzüge, keine Stabilität, keine Leidenschaft. Es steht 0:2, ein im Vorfeld kaum für möglich gehaltener Absturz.

Doch dann, als niemand mehr daran glaubt, als die Pfiffe im Basler St. Jakob Park zunehmend bis ins Mark dringen, kommt plötzlich alles anders. Es kommt die grosse Wende. Drmic trifft zweimal, dazwischen Stocker, und auch Embolo hat seine Füsse massgeblich im Spiel – alle drei Einwechselspieler. Sie führen die Schweiz in die Ekstase. Das 3:2, dieser späte Sieg, ist der wichtigste Schritt auf dem Weg zur gelungenen Qualifikation für die Europameisterschaft kommenden Sommer in Frankreich.

Was aber bleibt von diesem Jahr der Nationalmannschaft? Die sportlichen Leistungen stehen nicht immer im Vordergrund. Im Gegenteil. Anfang des Jahres lanciert Stephan Lichtsteiner in Interviews die Debatte um Identifikationsfiguren, spricht über «richtige und andere Schweizer». Er spürt, dass die Stimmung im Volk kippt, dass die bedingungslose Unterstützung für die Nati schwindet. Auch im Team führt der Balkan-Graben zu Spannungen. Damit setzen sich die Spieler nun auseinander. Vielleicht gerade noch rechtzeitig vor der Europameisterschaft. (ewu)

Bestes Kostümdesign: Wawrinkas Hose beim French Open

Die Pyjamahose von Stan Wawrinka - Das Kostüm bringt ihm den Titel.

Die Pyjamahose von Stan Wawrinka - Das Kostüm bringt ihm den Titel.

Mit seiner karierten Hose schoss Stan Wawrinka in der Sandsaison den Vogel ab. Hohn und Spott ergoss sich über den Schweizer Tennisprofi: Da spielt doch tatsächlich einer in der Pyjamahose! Und dann erst die Farben: Pink und Grau. Eine modische Sünde. Die Meinungen waren schnell gemacht. Doch als der 30-jährige Romand beim French Open triumphierte, wurde die Hose plötzlich Kult.

In den Läden war die modische Extravaganz nach Wawrinkas zweitem Grand-Slam-Triumph blitzschnell vergriffen. Es gab nur noch wenige Exemplare in Schwarz oder Blau. Die Hosen in den original French-Open-Farben waren sofort ausverkauft. Stolz präsentierte Wawrinka seine «Glücksbringer» an der Pressekonferenz nach dem Turniersieg. Er hängte sie neben dem Pokal ans Rednerpult und lachte fröhlich.

Die Hose wurde zum Symbol mit Strahlkraft. Sogar so beliebt, dass heute ein Exemplar der Shorts im offiziellen Museum in Roland Garros hängt. Wawrinkas Hose schreibt also Tennisgeschichte. Und die Marketingmaschine läuft. Die Kulthose gibt es in Miniatur als Schlüsselanhänger. Das perfekte Geschenk – auch für Wawrinka. Er schenkte ein Paar seinem Finalgegner in Paris Novak Djokovic. Dieser streckte das Präsent fröhlich in die Kamera. Und natürlich hatten auch die Cartoonisten ihre Freude am Kultobjekt. Wawrinka selbst postete eine Karikatur auf Twitter. Die Hose ist das Kostüm des Jahres. (mic)

Beste Seifenoper: Die Suche nach dem Nationaltrainer

Kevins Schläpfers Tränen - Der Höhepunkt der Daily Soap des Schweizer Eishockeyverbands bei der Trainerfindung.

Kevins Schläpfers Tränen - Der Höhepunkt der Daily Soap des Schweizer Eishockeyverbands bei der Trainerfindung.

Jede vor Schnulz und Schmalz triefende brasilianische Telenovela verblasst neben jener Seifenoper, die das Schweizer Eishockey im Herbst produzierte. Am Anfang stand der plötzliche Rücktritt von Nationaltrainer Glen Hanlon im Oktober. Was danach folgte, war ebenso unterhaltsam wie peinlich. Der Schweizerische Eishockeyverband SIHF inszenierte auf der Suche nach Hanlons Nachfolger eine eigentliche Tragikomödie.

Das begann mit der geheimen Annäherung an Biel-Trainer Kevin Schläpfer, welche mit einem krachenden Debakel endete. Die Bieler hatten die Wut im Bauch, Schläpfer gab unter Tränen einen Treueeid an seinen Arbeitgeber, der ihn nicht gehen lassen wollte, ab. Und der Schweizer Verband stand mit abgesägten Hosenbeinen, einem schlechten Ruf und weiterhin ohne Nationaltrainer da. Das blieb so, weil sich auch die Option mit Wunschkandidat Nummer zwei, Arno Del Curto, zerschlug.

Ein Doppelmandat des HCD-Trainers scheiterte an der Opposition der NLA-Klubs, die befürchteten, dass Del Curto am Ende alle Nationalspieler nach Davos lockt. Die Seifenoper mit vielen Hauptdarstellern erlebte ihren (vorläufigen?) Höhepunkt Anfang Dezember, zwei Monate nach der Trennung von Hanlon, mit der Ernennung das «Triumvirats» Patrick Fischer, Felix Hollenstein und Reto von Arx an der Spitze des Nationalteams. Die Chancen stehen gut, dass noch weitere Episoden dazukommen. (ku)

Bester Kurzfilm: Humm schreibt WM-Geschichte

Ein Hattrick in nur 274 Sekunden - Fabienne Humm sorgt für einen Rekord.

Ein Hattrick in nur 274 Sekunden - Fabienne Humm sorgt für einen Rekord.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was sie in 4 Minuten und 34 Sekunden alles erledigen können? Vielleicht aus dem Büro hetzen und den Bus noch erwischen. Vielleicht könnten Sie sich in dieser Zeit auch ein feines Sandwich mit Schinken, Käse, Gurken und Tomaten herrichten. Aber egal was Sie tun, Sie werden in dieser kurzen Zeitspanne wohl kaum so viel und vor allem Geschichtsträchtiges leisten wie die Aargauer Fussballerin Fabienne Humm im vergangenen Sommer.

Denn die 28-jährige Stürmerin nutzte die exakt 274 Sekunden beim 10:1-Sieg der Schweizerinnen gegen Ecuador im Gruppenspiel der Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada für einen Hattrick – es waren die schnellsten drei Tore einer Spielerin in der WM-Geschichte des Frauenfussballs. «Hummbelievable», lauteten am Tag danach in Anlehnung an den englischen Begriff für «unglaublich» die Schlagzeilen.

Fast schon unglaublich ist, was Fabienne Humm neben ihrem Dasein als erfolgreiche Stürmerin des Nationalteams leistet. Die gelernte Kauffrau arbeitet als Logistikerin – angestellt mit einem Vollzeitpensum. Dank ihres grossen WM-Auftritts ist die Schweizerin mittlerweile nicht mehr nur Insidern des Frauenfussballs ein Begriff. Kein Wunder: Wer in einem Kürzest-Drehbuch von gerade einmal 274 Sekunden die Hauptrolle dermassen dominant ausfüllt, hat entsprechende Anerkennung – auch in Form des Oscars – mehr als verdient. (dfs)

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