Auf den holprigen Hinterhöfen des Problemviertels La Castellane in Marseille lernte er die «Roulette», den Trick, mit dem er später weltberühmt wurde. Bei der «Roulette» stoppte er jeweils den Ball mit dem rechten Fuss, und während er sich pfeilschnell um die eigene Achse drehte, kontrollierte er die Kugel mit links, um sie dann blitzartig wieder auf den rechten Fuss zu legen. Eine «Roulette» ist viel schneller gespielt als beschrieben.

Zinedine Zidane, das Emigrantenkind kabilisch-algerischer Eltern, hatte in seiner Kindheit wenig Platz zum Fussballspielen. Er lernte, sich auf sehr engem Raum zu behaupten. Diese Fähigkeit kam ihm später in den grössten Stadien der Welt zugute. Wenn ihn drei oder vier Gegenspieler eng deckten, fühlte er sich an seine Jugend erinnert. Zidane machte die «Roulette» und liess sie alle ins Leere laufen.

Taten statt Worte

Mit seiner unnachahmlichen Fähigkeit, die feinsten Tricks in schnellstem Tempo auszuführen, wurde «Zizou», wie ihn seine Freund nannten, zum weltbesten Fussballer seiner Zeit. Er behandelte den Ball, wie ein guter Musiker sein Instrument behandelt, mit Liebe, mit Könnerschaft und mit Leichtigkeit.

Zinedine Zidane äusserte sich immer am liebsten spielend. Alles, was er zu sagen hatte, sagte er mit den Füssen. Ansonsten blieb er gerne stumm. Sogar als Weltmeister und mehrfacher Weltfussballer ging er Mikrofonen und Kameras wenn immer möglich aus dem Weg.

Und mehr als einmal antwortete er auf verbale Provokationen auf dem Rasen nicht mit Worten, sondern mit Tätlichkeiten. An der WM in Frankreich 1998 fehlte er wegen eines üblen Fouls im letzten Gruppenspiel und im Achtelfinal. Als er zurückkehrte, führte er die französische Nationalmannschaft zum ersten WM-Titel ihrer Geschichte.

Acht Jahre später war er drauf und dran, dieses Kunststück zu wiederholen. Im WM-Final 2006 in Berlin stand es zwischen Frankreich und Italien 1:1. Frankreich kontrollierte das Spiel. Aber als der Italiener Marco Materazzi ihn persönlich beleidigte, rammte ihm «Zizou» den Kopf in die Brust und flog für diese rüde Attacke vom Feld. Italien wurde Weltmeister. Zinedine Zidane, der Zauberer, verliess die grosse Fussballbühne durch die Hintertüre.

Stilles Arbeiten fernab der ganz grossen Bühne

Bei Real Madrid, dem weissen Ballett, dem berühmtesten Fussballclub der Welt, hat Zidane seine reifsten Jahre als Fussballer verbracht. Wir Real-Fans lieben ihn noch heute für jedes Kunststück, das er gezeigt hat. Unvergessen bleibt vor allem das Volleytor im Champions-League-Final 2002 gegen Leverkusen. Roberto Carlos flankte hoch zur Mitte. Zidane stand im Strafraum, nimmt den Ball direkt aus der Luft ab und hämmert ihn aus fünfzehn Metern ins Lattenkreuz. Für einen Augenblick schien im Hampden Park in Glasgow die Zeit stillzustehen.

Nach seiner Spielerlaufbahn blieb Zinedine Zidane in Madrid. Er liess sich zum Fussballtrainer ausbilden. Er war Teammanager unter Trainer José Mourinho und Assistent bei Carlo Ancelotti, bevor er Real Madrid Castilla, die zweite Mannschaft Reals, als Cheftrainer übernahm. In eineinhalb Saisons bei Castilla zeigte sich Zidane von seiner schweigsamen Seite. Er redete wenig und arbeitete viel. Es schien ihm zu behagen, dass der ganze Fokus der Öffentlichkeit auf die erste Mannschaft gerichtet war. So konnte er ungestört Erfahrungen sammeln.

«Nichts ist für dich unmöglich!»

Seit aber letzte Woche Real-Trainer Rafa Benítez freigestellt wurde, ist es für den schüchternen Künstler vorbei mit der Ruhe. Präsident Florentino Pérez wusste, dass er bei den Fans viel Kredit verspielt hatte. Er musste einen neuen Trainer präsentieren, der alle glücklich macht. Es lag auf der Hand, die Klublegende, den allseits bewunderten, den magischen Zinedine Zidane auf den Thron zu heben.

«Nichts ist für dich unmöglich!», rief der Präsident bei der Präsentation seinem neuen Trainer zu. Und die Anwesenden merkten womöglich gar nicht, dass er damit einen Werbeslogan seiner Ausrüsterfirma zitierte. «Impossible is Nothing» heisst es in der Reklame des Sportartikelherstellers. Und an diesem Satz hängt nun die Hoffnung eines Klubs, bei dem in letzter Zeit wenig zusammenpasst. Stars wie Ronaldo, Benzema oder Bale kommen nicht richtig auf Touren.

Es wird gemunkelt, die Führungsspieler hätten den strengen Benítez rausgemobbt. Jetzt werden sie zeigen müssen, ob sie unter dem schweigsamen Zidane befreiter aufspielen.

Ein Tanz auf dem Vulkan

Auf Zinedine Zidane kommen schwere Zeiten zu. Der Mann, der immer lieber mit den Füssen als mit dem Mund redete, muss nun jeden Tag der Weltpresse Rede und Antwort stehen. Bei seinen ersten Auftritten am Mikrofon war bereits klar ersichtlich, dass ihm diese Rolle nicht behagt. Er gab praktisch nur Plattitüden von sich. Eine fein gedrehte «Roulette» war ihm stets näher als eine pointierte Aussage.

Fachleute zweifeln daran, ob der Ballzauberer seine Magie auch tatsächlich auf das Team übertragen kann. Lang nicht jeder grosse Fussballer wird ein guter Trainer und nicht jeder gute Trainer war selbst ein grosser Fussballer. Das Experiment Zidane könnte für Real-Präsident Pérez zum Rohrkrepierer werden. Aber bevor wir Real-Fans uns von den Zweiflern anstecken lassen, nähren wir unsere Hoffnung am alten Werbeslogan: «Impossible is Nothing».

*Pedro Lenz ist Schriftsteller, lebt in Olten und ist bekennender Fan von Real Madrid.