Leichtathletik

Der jamaikanische Jahrhundert-Sprinter verabschiedet sich an den Weltmeisterschaften von der Leichtathletik

Usain Bolt zelebriert nach einer Pressekonferenz an der WM in London den «Lightning Bolt», sein Markenzeichen.

Usain Bolt zelebriert nach einer Pressekonferenz an der WM in London den «Lightning Bolt», sein Markenzeichen.

Heute Abend, knappe zehn Sekunden nach 22.45 Uhr, werden wir Gewissheit haben. Gewinnt Usain Bolt auch das allerletzte Einzelrennen seiner einmaligen Karriere? Bleibt die Ungeschlagenheit bei grossen Meisterschaften seit zehn Jahren – sehen wir grosszügig über die Disqualifikation wegen Fehlstarts an der WM in Daegu hinweg – bestehen?

Leise Zweifel sind offensichtlich angebracht, ohne blasphemisch wirken zu wollen. In der Jahresweltbestenliste findet man Bolt erst auf Rang 7. Seine diesjährige Bestzeit steht bei 9,95 Sekunden. Was sich für ihn anfühlen muss wie eine Autofahrt durch eine verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone. Seine beiden Weltrekorde über 100 m und 200 m liegen acht Jahre zurück.

Seither wurden die Duelle mit den grossen Konkurrenten stets ein wenig enger. 2015 an der WM in Peking trennten ihn und Justin Gattlin nur noch eine lausige Hundertstelsekunde. Letztes Jahr in Rio gewann Bolt gar mit der schwächsten seiner bisherigen Siegerzeiten (9,81).
Auch hat der bald 31-Jährige seit nunmehr drei Jahren kaum mehr einen vernünftigen Rennrhythmus. Seine Saisons blieben bestenfalls Stückwerk, beschränkt auf einige ganz wenige Wettkämpfe.

Usain Bolt steht an den Weltmeisterschaften in London ein letztes Mal im Fokus und startet über 100 m und mit der Sprint-Staffel

Usain Bolt steht an den Weltmeisterschaften in London ein letztes Mal im Fokus und startet über 100 m und mit der Sprint-Staffel

Bolt war öfter in der Praxis von Doktor Müller-Wohlfahrt in München, dem Arzt seines Vertrauens, als auf der Tartanbahn. Die Rückenbeschwerden wegen der angeborenen Wirbelsäulenverkrümmung, die davon ausstrahlenden Probleme in den Beinen und das Alter an und für sich zollen ihren Tribut. Die perfekte Ausgangslage für einen allerletzten Tanz fühlt sich anders an.

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit

Doch wir reden hier nicht von einem normalen Sportler, wir reden von Usain Bolt. Wer sollte ihn schlagen? Ist die Konkurrenz nicht bereits besiegt, wenn der schlaksige Zappelphilipp, der seine zumeist bulligen Gegner mit einer Körperlänge von 1,95 m schon optisch um Welten überragt, vor dem Start die bekannten Faxen macht? Diese an Arroganz grenzende Selbstsicherheit, von der man nie genau weiss, ob sie wirklich echt ist oder letztlich doch nur dazu dient, die eigene Nervosität im Zaum zu halten.

Jedenfalls strahlt Bolt den Nimbus der Unbesiegbarkeit auch heute Abend aus. Die Buchmacher gehen von seinem Sieg aus, ebenso seine Landsleute zu Hause auf der rauchgeschwängerten Karibikinsel. Dort, wo Bolts Popularität höchstens noch von Bob Marley übertroffen wird. Doch der König der Reggae-Musik ist längst tot, wogegen Usain Bolt eine lebende Legende ist.

Bolt ist unersetzbar

Zumindest sind sich Bolt und Leichtathletik-Weltpräsident Sebastian Coe in dieser Frage einig. «In meinem ganzen Leben habe ich neben Muhammad Ali noch keinen Sportler erlebt, der die Menschen so in seinen Bann gezogen hat», sagte der smarte Brite, der in den Achtzigerjahren die Zuschauer im Letzigrund mit seinen Weltrekordläufen über die Mittelstrecken selbst in Ekstase versetzt hatte.

Bolt sei für die Leichtathletik unersetzbar, verkündete Coe als einer von Unzähligen der Branche, die sich in diesen Tagen ob des Abschieds des Jahrhundert-Athleten zu einer Würdigung berufen sehen. Zum Superlativ greift auch Alex Wilson, der Schweizer Sprinter mit jamaikanischen Wurzeln. «Er wird für immer in Erinnerung bleiben», sagt Wilson, «er hat die Leichtathletik weltweit ins Schaufensterlicht gebracht.»

Und ja, Bolt werde auch am Samstag gewinnen. Auch Peter Haas, der Leistungssportchef von «Swiss Athletics» und in normalen Zeiten die Nüchternheit in Person, gerät beinahe ins Schwärmen: «Die Leichtathletik verliert eine Identifikationsfigur. Er genoss auch dank seiner Persönlichkeit einen absoluten Sonderstatus.» Es sei vom Ruhm her auch nicht zu vergleichen, ob jemand einen Diskus so weit wie kein anderer werfen kann oder ob jemand der schnellste Mann auf diesem Planeten ist.

Usain Bolts Bestzeiten über 100 m und 200 m seien Marken für die Ewigkeit, behaupten viele. Man fragt sich höchstens, ob Bolt selber nicht noch schneller hätte laufen können, wäre seine Partylust kleiner und sein Trainingsfleiss grösser gewesen. Und hätte er den Siegesjubel nicht regelmässig schon Meter vor der Ziellinie lanciert.

Usain Bolt hat mit seinen Rekorden Geschichte geschrieben.

Usain Bolt hat mit seinen Rekorden Geschichte geschrieben.

Nie ein Verdacht auf Doping

Wir werden es nie erfahren. Genauso wenig die absolute Gewissheit erlangen, ob seine Leistungen wirklich nur Resultat einer einmaligen körperlichen Konstitution, von aussergewöhnlichen Hebelverhältnissen und von unerreichten Schrittlängen bis knapp drei Meter waren. Oder ob vielleicht doch irgendwann unerlaubte Medizin zu Hilfe kam. So wie bei praktisch allen ganz schnellen Konkurrenten der jüngeren Sprintgeschichte. Johnson, Greene, Powell, Gattlin, Gay und Blake – alle zumindest einmal wegen Dopings gesperrt.

Bolt und Doping? Es wäre ungerecht, den grössten Sprinter aller Zeiten mit solcherlei Mutmassungen in den Ruhestand zu entlassen. Zumal es nie konkrete Anschuldigungen, ja nicht einmal Gerüchte gab. Bolt wird die Bühne als leuchtender Blitz und nicht als Verdächtiger verlassen. Und uns alle am Samstagabend noch einmal in seinen Bann ziehen.

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