Young Boys

Der Prophet Mehmet

François Schmid-Bechtel

Die Chaostage bei den Young Boys sind beispiellos. Drei Tage nachdem Sportchef Fredy Bickel und CEO Alain Kappeler geschasst werden, geht auch der Mann, der das Beben ausgelöst hat: Urs Siegenthaler. Dabei gilt der 68-jährige Basler noch am Tag zuvor als neue starke YBFigur. Siegenthaler sollte als VR-Mitglied und sportlicher Berater der YB-Besitzer Andy und Hans-Ueli Rihs den Kurs des Traditionsvereins bestimmen. Diesen fit trimmen – um ihn einfacher verkaufen zu können? So wird es von Insidern kolportiert.

Ob Siegenthaler gefeuert wurde oder demissionierte, wie es in der Medienmitteilung steht, spielt eigentlich keine Rolle. Fakt ist: Er hat sich in Bern innert kürzester Zeit zur Persona non grata gemacht. Seit Frühling ist Siegenthaler im YB-Verwaltungsrat. Notiz nimmt man von ihm lange nicht. Denn der Architekt schwebt in Nimmerland, ist als Chefscout des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) vier Monate absorbiert. Doch diese Woche wird alles anders. Siegenthaler drängt ins Rampenlicht und macht dabei einen Fehler nach dem andern.

Es beginnt mit der Absetzung von Sportchef Bickel. Keine Kurzschlussreaktion. Umso erstaunlicher, mit welch schwachen Argumenten diese begründet wird: «Platz zwei gibts auch für weniger Geld.» Die «Berner Zeitung» schreibt, dass der VR im Sommer erst in einem internen Brief zum Angriff auf Basel aufrief. Und nun die Kapitulation vor dem FCB. YB-Scout Stéphane Chapuisat war ziemlich verblüfft, als man ihn in Piräus fragte, ob man ihm beide Tickets aushändigen solle. Warum zwei Tickets? Chapuisat war schliesslich allein auf dem Beobachtungstrip. Es stellte sich heraus, dass Siegenthaler auch seinen Stiefsohn nach Griechenland gesandt hatte. Ein Vertrauensbeweis gegenüber Chapuisat ist das nicht.

Oder: Nach der Absetzung von Bickel markiert Siegenthaler vor der Mannschaft den grossen Max. Poltert: «In der Bundesliga laufen die Spieler drei Kilometer mehr.» Unterstes Stammtisch-Niveau. Die Spieler wissen, dass mit Laufen allein keine Spiele gewonnen werden. Das sollte Siegenthaler eigentlich auch. Und so nebenbei diskreditiert er nicht nur die Spieler, sondern indirekt auch den Trainer. Oder sein katastrophales TV-Interview. Im Basler St. Jakob-Park sagt Siegenthaler, er werde dort oben vier Verwaltungsratssitzungen pro Jahr wahrnehmen. Mit «dort oben» meint er Bern. Despektierlicher gegenüber seiner Aufgabe kann man sich kaum äussern. Die Fans reagieren mit «Hou ab!»

Wirre Erklärungsversuche, unqualifizierte Äusserungen

Und dann die wirren Erklärungsversuche. In einem Interview mit der «Berner Zeitung» sagt Siegenthaler: «Muss ein Verwaltungsrat immer mit den operativen Leitern reden?» In sechs Monaten soll sich Siegenthaler nur einmal länger mit Bickel unterhalten haben. Mir gegenüber sagte Siegenthaler einst: «Das Problem im Fussball ist, dass man viel zu oberflächlich ist bei der Qualifikation der Mitarbeiter.» Spieler, Trainer, Fans, Mitarbeiter, Medien – Siegenthaler hat innert kürzester Zeit erstaunlich viele Menschen gegen sich aufgebracht.

Urs Siegenthaler ist ein Mann, der das Rampenlicht nicht sucht. Behauptet er. Interviews gibt er trotzdem gern. Und wenn wie diese Woche eine Kursänderung bei den Young Boys zu erklären ist, tritt er vor die Mikrofone. Obwohl die YB-Devise lautete: Wir geben vorerst keine Auskunft. Siegenthaler ist auch ein Mann, der sich als bescheidener Dienstleister aus dem Hintergrund verkauft. Gleichwohl lauert er geradezu auf die Möglichkeiten, aus dem Schatten zu treten. Auf die Frage, wie gross denn sein Anteil am WM-Titel der Deutschen 2014 sei, antwortete er: «Ich weiss es nicht, wirklich nicht. An einer Veranstaltung vor ein paar Tagen sagte Joachim Löw vor 350 Menschen, ich sei sein grosses Glück. Da sagte ich ihm, er solle damit aufhören. Lob ist der Beginn des Endes.» Übertriebene Bescheidenheit ist nicht nobel, sondern eitel.

Was Siegenthaler kann: Den Fussball erklären

Als Siegenthaler 2005 von Jürgen Klinsmann und Jogi Löw zum Chefscout beim DFB gehievt wurde, tönte es aus Deutschland: «Muss uns wirklich ein Schweizer den Fussball erklären?» Ja, denn wenn Siegenthaler etwas sehr gut kann, dann den Fussball erklären.

Es scheint, als hätte er eine Nische entdeckt. Als einer, der den prallen Fussballkosmos mit blumigen Metaphern zu ergründen versucht. Der unter den Rasen, über das Stadiondach, hinter die Garderobentür schaut. Ein Durchleuchter und Datensammler. Siegenthaler begnügt sich bei seinen Analysen nicht damit, ob Spieler X ein guter Kopfballspieler ist oder einen starken linken Fuss hat. Er will die Lebenssituation des Spielers ergründen, will in Erfahrung bringen, in welcher Situation dieser aufgewachsen ist, welchen Verlockungen er nicht widerstehen kann, wie es um seine Finanzen steht, wo die schwarzen Löcher sind. Das tönt aufregend. Irgendwie gescheit. Und überzeugend.

Nur: Was bringen diese Nachforschungen? «Jedes Detail zählt. Wenn ein Spieler weiss, in welchen Verhältnissen der Gegenspieler aufwuchs, kann ihm das im Zweikampf sehr helfen.» Tatsächlich? Schliesslich sagt Siegenthaler auch: «Ein berühmter Trainer hat mir mal gesagt: Gib deinen Spielern nur zwei Informationen mit auf den Weg. Beim Hinausgehen auf das Spielfeld haben sie schon eine vergessen.»

Mastermind oder Blender? Auf YB bezogen gilt Letzteres. Leidtragende sind unter vielen auch die Gebrüder Rihs. Ihr Verdienst ist es, dass YB trotz fehlender Titel weiterhin hochtourig fährt. Ohne die Radsport-Fanatiker gäbe es YB in dieser Form nicht. Aber ihr Verschulden ist, dass YB elf Jahre nach dem Einzug ins Stade de Suisse die Strategie fast beliebig ändert und der Erfolg deswegen ausbleibt. Den Rihs-Brüdern fehlen das Interesse, die Leidenschaft, das Wissen und vielleicht auch die Energie, um YB zu führen. Das unterstreichen die Ereignisse dieser Woche eindrücklich.

Immerhin wurde mit dem Rauswurf Siegenthalers grösserer Schaden verhindert. Trotzdem hätten die Rihs-Brüder auf Mehmet Scholl hören sollen. Der frühere Ballkünstler und heutige ARD-Experte vermutete, dass Löw im EM-Viertelfinal gegen Italien auf Empfehlung Siegenthalers die Abwehr umgestellt hatte. Prophet Mehmet zur besten Sendezeit: «Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben und nicht irgendwelche Ideen einbringen.

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François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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