Kolumne
Eishockey-Playoffs im Coronamodus: Der Umgang mit dem Virus verzerrt den Wettbewerb

Damit die Playoffs in der National League durchgeführt werden können, hat die Liga unter der Leitung der Taskforce ein Double-Bubble-Konzept entwickelt. Dazu gehört auch eine Teststrategie, die in den Klubs sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Das führe zu einer Wettbewerbsverzerrung, schreibt unser Kolumnist Reto Steinmann.

Reto Steinmann*
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Der ehemalige Eishockey-Einzelrichter Reto Steinmann.

Der ehemalige Eishockey-Einzelrichter Reto Steinmann.

Die Schweiz im Normalmodus ist für die Mehrheit ihrer Bewohner eine Art Wohlfühloase, befindet sich aber pandemiebedingt weiterhin im Ausnahmezustand. Demnach ist selbsterklärend, dass der Sport die Hoheit über den Liveticker noch nicht zurückgewonnen hat und in den nächsten zwei, drei Monaten wohl auch nicht haben wird. Die üblicherweise schönste Zeit des Eishockeys beginnt zwar am Dienstag gemäss Plan, aber ohne das übliche Faszinationspotenzial, eben im Coronamodus, also vor leeren Rängen. Und damit ohne den Stoff, aus welchem durch die Akteure im Rink und die Schaulustigen auf der Galerie die grossen Playoff-Dramen gewoben werden.

Der EVZ hat die Regular Season in einer Art und Weise dominiert, wie es in der jüngeren Geschichte des hiesigen Eishockeys noch nie vorgekommen ist. Für die Veredelung dieser blau-weissen Erfolgsstory wird aber der Titel benötigt. Die Chancen dazu stehen gut. Mehr noch, die Zuger Trendsetter können sich eigentlich nur selbst in die Quere kommen auf dem Weg zum Ziel. Oder, dies ist die andere Variante, die Reise zum blau-weiss geschmückten Pokal wird plötzlich abgebrochen mittels Hissens der weissen Fahne durch einen der Kantonsärzte als der plötzlich zentrale Office-Player, in dem eines der an den Playoffs beteiligten Teams in Quarantäne geschickt wird. Mit der Folge von Meisterehren in der Corona-Light-Version, also gewissermassen ohne den letzten Puck. Für den EVZ, sofern er beim Abbruch des Geschehens noch dabei wäre, bedeutete dieses Szenario quasi die Transformierung des blau-weissen Titeltraumes in einen Albtraum. Einen solchen Titel will in Zug natürlich niemand.

Deshalb ist den Möglichkeiten entsprechend vorgesorgt worden. Unter der Leitung der medizinischen Taskforce hat die Liga ein Double-Bubble-Konzept entwickelt. Will heissen, die Spieler halten sich nur entweder zu Hause oder im Rink auf. Im Zentrum des Konzepts steht die Teststrategie. Diese wird aber sehr unterschiedlich gehandhabt. Während beim EVZ seit längerem dreimal pro Woche ausschliesslich PCR-Spucktests zum Einsatz gelangen, die in einem spezialisierten Labor unter strengen Vorgaben ausgewertet werden, benützen andere Teams neu einmal pro Woche einen PCR-Spucktest und zweimal wöchentlich «nur» Antigen-Schnelltests mittels Abstrichs aus dem Nasen-Rachen-Raum.

Zum Ersten werden diese Tests nicht überall, wie gemäss Covid-19-Verordnung verlangt, von dazu legitimierten Fachpersonen durchgeführt. Es gibt Klubs, die den Masseur oder den Physiotherapeuten damit betrauen. Zum Zweiten besteht keine wirkliche, neutrale und vom betroffenen Klub unabhängige Kontrolle und damit auch keine Gewähr, dass die Tests mit positivem Ergebnis via Meldeportal zum zuständigen Kantonsarzt gelangen und in der Folge in einem zweiten Schritt ein PCR-Test durchgeführt werden kann. Primär wegen der hohen Kosten fand die Idee bei den Klubs kein Gehör, aus Gründen von Transparenz und Zuverlässigkeit ausschliesslich PCR-Tests zu verwenden.

Diese Situation könnte dazu führen, dass positive Tests nicht zwingend bis auf den Tisch des Kantonsarztes gelangen, mit der Folge, dass der gesamte Wettbewerb verzerrt wird. Obwohl in den Klubs ja oft betont wird, die Gesundheit der Spieler habe absolute Priorität, erhalten solche Worte zuweilen dann ein Verfalldatum, wenn das Erfolgsdenken überhandnimmt, wie das folgende Beispiel belegt. Analog dem Prozedere bei Hirnerschütterungen hat die medizinische Covid-19-Taskforce von Swiss Ice Hockey den Klubs dringendst empfohlen, nach Ablauf der zehntägigen Isolation eines positiv getesteten Spielers diesen bei Symptomfreiheit, unauffälligem Status und normalen EKG-/Laborbefunden bei gradueller Steigerung der sportlichen Aktivität innerhalb von minimal fünf Tagen wieder aufzubauen zur Erreichung der vollen Sporttauglichkeit beziehungsweise Spielfähigkeit («Return to play»-Prozedere).

In der letzten Runde der Regular Season am Ostermontag sowie in den beiden ersten Pre-Playoff-Runden am Mittwoch und Freitag foutierten sich zwei Klubs der National League um diese Empfehlung und setzten drei betroffene Spieler vor Ablauf der fünftägigen Frist ein. Solches Gebaren offenbart, dass selbst Empfehlungen, deren Hintergrund die Gesundheit der Spieler ist, wohl erst Wirkungen erzeugen würden, wenn sie in ein Reglement gegossen wären, mit Sanktionsmöglichkeiten im Falle der Zuwiderhandlung.

Weil der Grad der Umsetzung des Double-Bubble-Konzepts und dessen Teststrategie sich je nach Klub an dessen eigenem Erfolgsdenken orientieren oder diesem sogar untergeordnet werden könnte, ist leider nicht ausgeschlossen, dass dem zukünftigen Meister der Makel des Zufalls anhaften wird – selbst wenn die Playoffs plangemäss bis zum Schluss gespielt werden sollten.

* Reto Steinmann ist langjähriger Eishockeyjournalist. Von 2004 bis 2016 war er Einzelrichter für Swiss Ice Hockey. Er praktiziert als Rechtsanwalt und Notar in Zug.