Die schmale Strasse führt durch den Wald. Nach etwa 200 Metern sieht es so aus, als wären ein paar Fussballplätze vom Himmel gefallen. Bäume rundherum. Dahinter fliesst die Limmat. Naherholungsgebiet nennt man so was. Dietikon, 26 630 Einwohner, rasch wachsende Agglo von Zürich, mit 44 Prozent Ausländeranteil ein Schmelztiegel der Kulturen, kann also auch idyllisch sein. Selbst, wenn das neue Wahrzeichen der Stadt, der 80 Meter hohe Limmat-Tower, im Blickfeld steht. Denn mit Ausnahme des Flugverkehrs hört man auf der Fussballanlage Dornau vor allem eines: Vogelgezwitscher.

Konzentration aufs Wesentliche

Die 13 Fussballer produzieren auch ein paar Geräusche. Aber ziemlich dezent. Wahrscheinlich sorgt die Hitze dafür, dass sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Sprich: laufen statt reden. Sowieso ist ihre Grundstimmung nicht euphorisch. Denn jeder dieser 13 Fussballer hat – Stand heute – keinen Vertrag für die nächste Saison. Und die Gruppe wächst. Trainer Goran Ivelj sagt: «In den nächsten Tagen werden Andrea Guatelli und Orlando Urbano dazustossen.» Guatelli war immerhin mal für kurze Zeit Stammtorhüter beim FC Zürich und Urbano bis vor einem Jahr Abwehrchef in Lugano.

Andrea Guatelli stand zuletzt beim FC Chiasso unter Vertrag.

Andrea Guatelli stand zuletzt beim FC Chiasso unter Vertrag.

Einer der 13 Spieler, die an diesem Tag das Trikot der Schweizer Spielergewerkschaft (SAFP) tragen, ist Ramon Cecchini. Der 26-Jährige könnte sich auch allein mit Lauftraining fit halten, statt täglich von Winterthur nach Dietikon zu fahren. Aber Fussballer sind Fussballer und nicht Leichtathleten geworden, weil sie Herdentiere sind. Ausserdem würde unter dem Individualtraining der Spieltrieb leiden. «Eine gute Sache», findet Cecchini deshalb, was die Gewerkschaft zum Wohl ihrer Mitglieder tut.

Das tägliche Training während vier Wochen ist das eine. Der Physiotherapeut, der Gratis-Eintritt fürs Fitness-Center, die Karriereplanung oder die Hilfe beim Verfassen eines Lebenslaufs und natürlich die vier bis fünf Castings in Form von Testspielen das andere. Selbst das Mittagessen ist bezahlt. Und das für 160 Franken Jahresbeitrag – Spieler aus der Challenge League bezahlen 110.

Orlando Urbano (l.) stand bis vor kurzem noch beim FC Lugano unter Vertrag. Hier im Duell mit dem damaligen GC-Torjäger Munas Dabbur.

Orlando Urbano (l.) stand bis vor kurzem noch beim FC Lugano unter Vertrag. Hier im Duell mit dem damaligen GC-Torjäger Munas Dabbur.

Während sechs Jahren stand Cecchini in Vaduz unter Vertrag. Obwohl die Liechtensteiner eben in die Challenge League abgestiegen sind, sehen sie keine Verwendung für ihn. Man könnte verstehen, wenn er deswegen verbittert wäre. Doch Cecchini sagt nur: «Es hat für beide Seiten nicht mehr gestimmt.»

Das war nicht immer so. Als Vaduz vor drei Jahren in die Super League aufstieg, war Cecchini unbestrittener Antreiber im Mittelfeld. Man schätzte seine Qualitäten als teamorientierter Energiespieler. Doch dann, nach einigen Partien in der Super League, bricht er sich den Fuss. Cecchini fällt ein halbes Jahr aus und wird zur Marginalie degradiert.

Cecchini tut, was viele Fussballer in dieser Situation tun: Er lässt sich ausleihen. Aber die Rückkehr zu seinem Stammverein Winterthur eröffnet ihm keine neuen Perspektiven. Im Gegenteil: Als Cecchini im Sommer 2016 ins Fürstentum zurückkehrt, wird ihm mitgeteilt, dass er keine Rolle mehr spielt. Weil er dies so spät erfährt, die anderen Teams ihre Kaderplanung bereits abgeschlossen haben, bleibt ihm nichts anderes übrig, als von der Tribüne aus zuzuschauen, während seine Kollegen um den Klassenerhalt kämpfen.

Zwei Einsätze kriegt er. Einmal 17, einmal 8 Minuten. «Wer so selten spielt wie ich, dem fehlen ein paar wichtige Argumente auf dem Transfermarkt.» Verzweifelt ist Cecchini nicht, sondern einfach nur realistisch. Und gleichwohl zuversichtlich. Auch wenn bislang keine Anfragen oder Angebote eingegangen sind. Natürlich hat er den Kontakt zum FC Winterthur gesucht. Aber auch dort will man ihn nicht. «Im Fussball gibt es keinen Bonus für Verdienste aus der Vergangenheit. Deshalb kann ich als Winterthurer auch nicht erwarten, dass die Türen beim FC für mich jederzeit offen stehen. Kurz: Ich bin Winti nicht böse.»

Auto, Ausgang, Casino, Designer-Klamotten – andere Spieler haben bald mal existenzielle Nöte, wenn nur noch das Geld von der Arbeitslosenkasse fliesst. Doch der Sohn eines Italieners und einer Thurgauerin hat einerseits gelernt, haushälterisch umzugehen und etwas auf die hohe Kante gelegt, obwohl er nie dort gespielt hat, wo die hohen Saläre bezahlt werden. Vielleicht ist er auch deswegen noch gelassen und sagt: «Ich schaue mal, was kommt. Wenn nicht im Fussball, dann anderswo.» Schliesslich hat er während seiner Zeit beim FC Basel die kaufmännische Lehre abgeschlossen. Aber wie die Alternative zum Fussball aussehen soll, weiss er nicht. Deshalb geht er zur Laufbahnberatung.

Admir Seferagic, 22, wurde mal beim FC Basel als möglicher Nachfolger von Alex Frei oder Marco Streller gehandelt.

Admir Seferagic, 22, wurde mal beim FC Basel als möglicher Nachfolger von Alex Frei oder Marco Streller gehandelt.

«Bis zum Winter werde ich wohl nicht auf ein Angebot warten», sagt Cecchini. Trotzdem hat der Fussball noch Priorität. Damit dies zu einem guten Ende führt, ist der Manager zuständig. Serafino Luzzi aus München ist der Mann, der sich um Cecchini kümmert. «Zuversichtlich» ist er. Muss er auch sein. «Und geduldig.»

Auch das muss er sein. Denn egal ob 2. oder 3. Liga in Deutschland: Bevor sie einen Spieler wie Cecchini verpflichten, prüfen sie erst den heimischen Markt. Und das kann dauern. Und wenn nicht Deutschland, dann vielleicht Italien, Österreich oder Griechenland. Dorthin hat Luzzi «in der Angelegenheit Cecchini» seine Fühler ausgestreckt und ist dabei auf Interesse gestossen.

Die Statistik dürfte Cecchini wie auch den anderen arbeitslosen Fussballern Zuversicht geben. Lucien Valloni, Gewerkschafts-Präsident, sagt: «In der Regel kommen 80 Prozent der vertragslosen Profifussballer bis Ende Sommer wieder bei einem Klub unter.» Das hoffen auch Davide Giampa und Admir Seferagic.

Giampa (24) galt mal als wertvollstes Asset beim FC Wohlen. In der vorletzten Saison erlitt er aber einen Kreuzbandriss. Und in der abgelaufenen Spielzeit bekam er mit Francesco Gabriele einen Trainer, der ihm keine Chance gab. Irgendwann hiess es: Wir planen ohne dich. Bitter an der Geschichte: Seit Giampa vor zwei Jahren die Matur abgeschlossen hat, sich voll auf den Sport konzentriert, macht er fussballerisch schwere Zeiten durch.

Wenn der Spirit fehlt

Seferagic, 22, wurde mal beim FC Basel als möglicher Nachfolger von Alex Frei oder Marco Streller gehandelt. Bald aber wurde er von Breel Embolo überflügelt. Und vielleicht hat ihm das den Rest gegeben. Oder anders formuliert: Seferagic hat in der Folge jenen Spirit vermissen lassen, der die ganz Guten von den Guten unterscheidet. In zweieinhalb Jahren beim FC Schaffhausen hat er lediglich zwei Treffer erzielt. Aber glauben Sie mir: Wer Seferagic im Wald von Dietikon zaubern sieht, kann nicht glauben, dass dieser junge Stürmer seit sechs Monaten keinen Job hat.