Eray Cömert, Albian Ajeti und Jonas Omlin. Sie alle stehen gebeugt, stützen die Hände auf die Oberschenkel, atmen schwer. Sie sind platt. Das intensive Training hat sie entkräftet. Einer aber, der läuft aufrecht, wirkt trotz schweisstreibender Einheit fit: Valentin Stocker. Von den leichten Knie-Problemen ist nichts zu merken.

Es scheint, als wäre er wie beflügelt. Und das mit gutem Grund: Seit Mittwochabend ist er offiziell der neue Captain des FC Basel. Er, und nicht Fabian Frei, der als Stellvertreter von Marek Suchy in der letzten Saison die logische Wahl gewesen wäre. Während Frei nicht einmal zum Führungstrio gehört, ist Stocker nun die Eins, weil Trainer Marcel Koller «etwas Neues für die neue Saison» wollte. Aber auch, weil Frei nicht zum Fan-Lager von Koller gehört und dafür die Quittung gekriegt hat.

Für Stocker ist seine Ernennung etwas, womit er nicht direkt gerechnet hat, das aber bei der Reflexion der letzten Wochen durchaus Sinn macht. «Ich habe schon letzte Saison gute Gespräche mit dem Trainer gehabt. Die waren immer offen und ehrlich. Und in den ersten Tagen der Vorbereitung hat es sich ein bisschen herauskristallisiert.»

Das bekannte Gefühl

Vor allem die Gespräche in der letzten Saison seien ein Indiz für ihn gewesen, dass er ein möglicher Suchy-Nachfolger sei. Dass es so gekommen ist, löst bei ihm grosse Freude aus. «Wenn ich überlege, wer sonst schon alles die Captainbinde getragen hat, ist es eine riesige Ehre, dies jetzt auch tun zu dürfen. Das ist für meine Karriere das Tüpfchen auf dem I, die Binde bei meinem Herzensverein tragen zu dürfen.»

Es wird nicht das erste Mal sein, dass die weisse Captainbinde mit dem schwarzen Baslerstab den linken Arm des 30-jährigen zieren wird. Er trug sie ein paar Mal seit seiner Rückkehr – und vor seinem Abgang nach Berlin im Sommer 2014. Damals ersetzte er Ende der Saison den angeschlagenen Marco Streller.

Dennoch ist die offizielle Ernennung etwas, was in der Karriere Valentin Stockers nicht unbedingt zu erwarten war. Weil bei ihm vieles anders war. So träumte er beispielsweise nie davon, Fussballer zu werden. Auch noch nicht, als er im Januar 2006 in die U21 des FCB wechselte. «Ich habe mir bei Kriens einfach nicht zugetraut, gegen erwachsene Männer zu spielen. Ich war in meiner Entwicklung noch nicht so weit. Deshalb bin ich nach Basel gekommen.»

«Ich habe viel Dreck fressen müssen»

Jetzt, dreizehneinhalb Jahre später, ist er Captain. Allen Verletzungen und Widrigkeiten seit seiner Rückkehr zum Trotz. «Ich habe in der letzten Zeit unglaublich viel Dreck fressen müssen.» Er sei medial durch den Dreck gezogen worden, «auf mich ist viel hereingeprasselt, das musste ich alles zuerst akzeptieren. Das war mental eine enorme Herausforderung.» Dass er dies durchgestanden habe, dafür habe er jetzt die Belohnung bekommen: Mit dem guten letzten Halbjahr und diesem Amt. «Das fühlt sich wie eine Bestätigung an.»

Verändern soll ihn das Captain-Dasein nicht. Er wolle derselbe Mensch bleiben, sei nichts Besseres. Und: «Ich bin eigentlich ein Freund von ausgeglichenen Hierarchien und nicht davon, dass einer ganz oben ist.» Wenn man ihn reden hört, um seinen Einfluss in der Kabine weiss, seine Historie beim Verein kennt und seinen beachtlichen Leistungsausweis beim FCB anschaut (10 Titel, 302 Spiele, 72 Tore, 93 Vorlagen), dann ist Stocker eine gute Wahl.

Das vorhandene Streitpotenzial

Aber eben auch eine, die Missmut schüren könnte. Denn Stocker hat jetzt, was Fabian Frei wollte. Ausgerechnet der Mann also, mit dem sich Frei – wie sagt man so schön – auseinandergelebt hat. Früher waren sie Jasskumpane, eng verbunden, Stocker gar Freis Trauzeuge. Heute reden sie kaum mehr miteinander. Darauf angesprochen schüttelt Stocker den Kopf, sagt, er habe kein Problem mit Frei. Geredet miteinander hätten sie aber auch nicht über die neue Rollenverteilung. «Ich habe nicht das Gefühl, dass da etwas im Busch ist.»

Trotzdem wird spannend zu sehen sein, wie Frei mit seiner Zurückstufung umgeht. Das Handeln dieses heiklen Zwists wird eine der ganz grossen Reifeprüfungen für Captain Valentin Stocker.