Leichtathletik
Die Liebe macht Nicole Büchler stark und schafft grosse Träume

Seit Nicole Büchler von ihrem amerikanischen Mann trainiert wird, springt sie so gut wie noch nie. Die Bieler Stabhochspringerin stösst in neue Dimensionen vor. An der Hallen-WM in Portland schafft sie sogar einen ganz speziellen «Weltrekord».

Rainer Sommerhalder
Drucken
Teilen
Nicole Büchler gelingt es nun, ihre besten Leistungen in den wichtigsten Wettkämpfen abzurufen.

Nicole Büchler gelingt es nun, ihre besten Leistungen in den wichtigsten Wettkämpfen abzurufen.

Keystone

Versagt! Nicole Büchler musste diese Schlagzeile immer wieder über sich lesen. Auch wenn niemand als sie selbst besser weiss, wie komplex der Weg zum Erfolg im Stabhochsprung ist, prägten sich die Reaktionen auf ihr Scheitern bei Grossanlässen im Hinterkopf ein. Und negative Gedanken helfen selten.

Dabei war die zierliche Bielerin in den letzten Jahren alles andere als eine Versagerin. Keine Leichtathletin verbesserte so oft Schweizer Rekorde wie sie, keine qualifizierte sich derart zuverlässig für Grossanlässe. Seit Peking 2008 sprang die 32-Jährige an allen Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Auch die Limite für Rio hat sie längst in der Tasche.

Die Puzzleteile passten nicht zusammen

Nur eben. So gut ihre Leistungen im Verlauf einer Saison waren, der Höhepunkt endete in einer grossen Enttäuschung. Im entscheidenden Moment rief sie ihr Potenzial nicht ab, scheiterte mit erschreckender Zuverlässigkeit in der Qualifikation. Selbst die Brechstange half nichts. Vor der Heim-EM in der Schweiz trainierte Büchler wie verrückt, war beim Anlauf so schnell wie noch nie, «nur passte dadurch beim Sprung überhaupt nichts mehr zusammen», wie sich Büchler erinnert. Das Stabhochspringen bleibt ein Puzzle aus verschiedensten Erfolgsfaktoren.

Nun ist auf einmal alles ganz anders. Die frühere WM-Teilnehmerin in der Rhythmischen Gymnastik, die erst mit 20 Jahren zur Leichtathletik gefunden hat, befindet sich in der Form des Lebens. «Es ist meine mit Abstand beste Saison», sagt Büchler. Fünfmal bei acht Starts verbesserte sie in diesem Winter ihren Rekord. Und – viel entscheidender: Sie hat ihre beste Leistung beim Saisonhöhepunkt, der Hallen-WM, erbracht. Unglaubliche 4,80 m übersprang die Athletin des LC Zürich im Westen der USA. Diese Höhe hätte an den letzten Olympischen Spielen für den Sieg gereicht.

Einzig mit dem Wettkampfglück hat sich Nicole Büchler noch nicht versöhnt. «Es gab in der Geschichte des Stabhochsprungs vor Portland keinen einzigen Wettkampf, bei welchem 4,80 m nicht fürs Podest gereicht hätten», erklärt sie. «Ich bin jetzt quasi die 4.-Platz-Weltrekordhalterin.» Sie lacht, gibt aber zu, dass sie der 4. Platz natürlich ärgert. Aber eben: «Das Niveau im Frauen-Stabhochsprung war noch nie auch nur annähernd so gut wie jetzt. Vor mir waren die drei Besten der Weltrangliste klassiert, das macht den vierten Rang umso wertvoller.»

Die Unsicherheit ist eliminiert

Drei Faktoren erklären den Höhenflug von Nicole Büchler. Und sie lassen hoffen, dass die bescheidene Seeländerin («Ich bin kein Mensch, der ein grosses Trara macht.») ihre Form konservieren kann und auch im Sommer für Furore sorgt.

Zum Ersten die Technik. Die zwölffache Schweizer Meisterin nahm sich im letzten Sommer Zeit für eine Analyse und fand heraus, dass es sie bei praktisch allen missratenen Sprüngen in der Luft leicht verdreht. Zum ersten Mal ging sie dieses Detail, das zuvor weder von ihr noch von den Trainern genügend Beachtung fand, mit akribischer Arbeit und dank Videoaufnahmen resolut an und korrigierte ihre Flugphase. «Zuvor kam ich immer wieder in die Situation, in welcher mir auch ein vierter Versuch nichts gebracht hätte, weil ich gar nicht wusste, was ich hätte anders machen sollen. Heute ist diese Unsicherheit eliminiert.»

Zum Zweiten die Psyche. Seit letztem Herbst arbeitet Nicole Büchler mit einem neuen Sportpsychologen zusammen. «Wir haben vor allem an meinem Selbstvertrauen gearbeitet», erzählt die regelmässig in Bern als Personaltrainerin arbeitende Athletin. Gemeinsam haben sie sieben starke Sätze formuliert und auf diese greift Büchler in entscheidenden Situationen zurück. Dass die positiven Gedanken nun «stärker sind als die negativen» bewies die Bielerin in Portland. Dreimal übersprang sie die Höhe im letzten Versuch. «Ich denke, dass ich gerade bei diesen dritten Versuchen enorm profitiert habe», sagt Büchler, «es war das erste Mal, dass ich ein Tool hatte gegen die Nervosität. Vorher war ich ihr ausgeliefert.»

Gemeinsam für die Schweiz nach Rio

Und zum Dritten das Trainingsumfeld. Seit letztem Sommer wird Nicole Büchler von ihrem Ehemann Mitch Greeley trainiert. Ihn hatte sie 2009 bei längeren Trainingsaufenthalten in den USA kennen gelernt und ein Jahr später geheiratet. Auch Greeley ist Stabhochspringer. Nun unterstützen sie sich gegenseitig. Der 29-Jährige coacht seine Frau und sie berät ihn. «Zum Ehekrach hat dies bisher nicht geführt», wie Büchler lachend betont.

Im Gegenteil, obwohl sich Greeley nach seinem Entscheid, künftig bei der Liebsten in der Schweiz zu leben, am Anfang etwas einsam fühlte, schwebt das Stabhochsprung-Traumpaar gemeinsam auf Wolke sieben. Denn auch Greeley will angreifen. Im Verlauf des Frühlings erwartet er den Schweizer Pass. Und dann möchte er sich einen Traum erfüllen: gemeinsam mit seiner Nicole an den Olympischen Spielen zu starten. Für Greeley bleibt es ein harter und steiniger Weg. Wie man ihn erfolgreich geht, kann er von seiner Frau lernen.

Aktuelle Nachrichten